Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 21 (1897) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
21 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 327 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9620171-9626621-9622012--0787-9622019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

327 öen Tempel. Nach dem Gottesdienst ging es dann hinaus in den Tiergarten und dann über die Straße Unter den Linden zurück nach Hause. Von diesem Ausflug zehrte die Großmutter das ganze Jahr. Die Greisin hatte ihren Seufzer leise, wie im Selbstgespräch ausgestoßen, und doch machten ihre Worte einen tiefen Eindruck auf ihre Enkelin Tlara. wie schrecklich muß es sein, ohne Sonne und frische Lust, ohne jede Abwechselung Tag um Tag, Jahr um Jahr dahin zu leben, dachte das junge Mädchen, das Einzige, was ihr Vergnügen bereiten würde, eine Spazierfahrt, können wir ihr nicht einmal verschaffen, weil wir zu arm dazu sind; und leise, ganz leise erklang eine Stimme in ihrem Herzen: „Für das Geld, das Du für Dein Vergnügen ausgeben willst, könntest Du der alten Frau den Herzenswunsch erfüllen und sie ein paar Stunden ins Freie führen. Tlara wurde still und nachdenklich, sie kämpfte mit sich selbst, aber bald war ihr Entschluß gefaßt. Als sie am andern Tage vor dem Geschäfte stand, in welchem die Fahrstühle verliehen wurden, stieg blitzschnell noch einmal der Gedanke an all das Schöne, das ihrer in der Aufführung wartete, in ihrem Innern auf, aber fest entschlossen drängte sie die verführerischen Bilder zurück und trat in den Laden, um einen Stuhl für den Nachmittag zu leihen. Ein aufsteigendes Thränchen schluckte die kleine Heldin tapfer hinunter, trat fröhlichen Gesichtes vor ihre Großmutter und lud sie mit heiteren Scherzworten zu einer Spazierfahrt ein. Die alte Frau wollte dies Opfer ihrer Enkelin nicht annehmen, Tlara jedoch bestand so fest und liebevoll darauf, daß die Greisin das junge Mädchen gerührt umarmte und mit innigem Danke eimvilligte. Am Nachmittage fuhr Tlara die Großmutter hinaus in den winterlichen Tiergarten, dessen bereifte Bäume in der Sonne glänzten, als seien sie mit zahllosen Diamanten bestreut. Dann kehrten beide über die Straße Unter den Linden, an prächtig geschmückten, hell erleuchteten Schaufenstern vorüber, nach Hause zurück. Die Augen der Greisin leuchteten vor Vergnügen über all das Schöne, das sie gesehen. Ich glaube, es war die Freude über Tlaras Selbstlosigkeit und Bescheidenheit, welche die welken Züge der Alten wie verklärt erscheinen ließ. Ihr Herz bewegte der innige Wunsch, dem guten Rinde auch einmal eine Freude bereiten zu können. Der heiße Wunsch einer zärtlichen Großmutter sollte nicht unerfüllt bleiben. Als Tlara in ein Geschäft gegangen war, um sich Nähnadeln zu kaufen und den Rollstuhl vor der Thür des Ladens gelassen hatte, erblickte die alte Frau das Mädchen, das neulich die Decke gebracht hatte. Mit der dem Alter eingenen Gesprächigkeit rief sie es heran, fragte, ob die Decke der Herrschaft gefallen habe, und erzählte dann voller Stolz, daß ihre Enkelin Tlara sie zu der heutigen Spazierfahrt eingeladen habe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.