Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 21 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Doch gehen wir einmal die uns nahe stehenden Personen einzeln durch. Do sind also zunächst unsere Eltern, wir haben von unserer srühesten Lindheit an so unzählige wohlthaten von ihnen empfangen, dafz wir es uns gar nicht anders denken können und alles ganz selbstverständlich finden wir denken gar nicht mehr daran, daß wir ihnen für Nahrung und Kleidung, für Unterricht und Erziehung und soviel anderes täglich Zu iinmer neuem Danke verpflichtet sind; ja, wir meinen sogar, unsere Eltern müßten das alles für uns thun, und werden ungezogen, wenn )k einmal anders wollen als wir, und werden wohl gar ungehorsam, wenn sie von uns verlangen oder uns etwas befehlen, was uns Mühe macht oder uns nicht gefällt. Ist das nicht abscheulich? Erfüllt man so das göttliche Gebot: „Ehre deinen Pater und deine Mutter, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest"? Und doch ist alles, was die Lltern von uns verlangen, nur Zu unserem eigenen Nutzen; denn kein Mensch meint es ja besser niit uns als unsere Eltern' Darum müssen wir täglich darauf denken, wie wir ihnen dankbar sein können; wie wir ihnen durch Fleiß und Achtsamkeit, durch Gehorsam und gesittetes Betragen Freude machen, um ihnen das Zu vergelten, was sie alles an uns gethan haben und noch täglich thun Denket doch einmal nach, was ihr ohne eure Litern anfangen wolltet! Glaubet auch nickt, daß eure Eltern verpflichtet sind soviel für euch Zu thun, als sie wirklich thun. Sie sind garnicht verpflichtet, euch so schöne Kleider, so schöne Spielsachen, so gute Speisen und Leckerbissen, so schöne Bücher und manches andere Zu verschaffen; und es giebt viele Kinder, die es auch wirklich nicht so gut haben wie ihr. Und wie oft machen eure Eltern euch eine Freude, ohne dazu verpflichtet Zu sein, blos weil sie euch lieben! And wenn sie euch in eine höhere Schule schicken, euch Musik und Sprachen, Ganzen, Turnen und Schwimmen und so manches andere Schöne und Nützliche lernen lasten und keine Mühe und keine Kosten sparen — meint ihr, daß sie Zu alledem verpflichtet find? Das thun sie alles nur aus Liebe Zu euch, damit ihr nicht nur das lernet, was Zum Leben nötig ist, sondern auch noch das, was das Leben angenehm und schön macht — und dafür müßt ihr ihneil ganz besonders dankbar sein. Und wenn sie euch Zurechtweisen, euch Anstand und gute Sitten anerZiehe i wollen, so glaubet nicht, daß sie das nur so Zu ihrem Vergnügen thun; da würdet ihr euch sehr irren; Das Ermahnen und Zurechtweisen macht ihnen gar kein Vergnügen, sondern nur Mühe uuö Sorge. Aber sie lassen sich die Mühe nicht verdrießen, weil sie euch lieben, und weil sie wollen, daß ihr anständige, gesittete und wohl gelittene Menschen werdet, damit ihr später unter den Menschen geachtet werdet 11116 ein angenehmes Leben habet. Denn wenn ihr ungesittete, unmanierliche oder gar unaiiständige Menschen werdet, dann wird sich jeder von euch Zurückziehen, und euer Leben wird ohne Glück iind ohne Freude sein. Das wäre aber ein Unglück für euch und ein Kummer für eure Eltern.