Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 15 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Tag von früh bis spät auf der Straße aufhalten müssen, sind sie oft trotz aller Bemühungen um sie nicht von feinster Art, ja!, man hält sie gewöhnlich für eine „rauhe" Klasse. Indessen zeigen auch sie bisweilen Züge von besserer Gesinnung, ja von Edelmut, wie folgende kleine Geschichte uns veranschaulichen kann: Eines Tages sagte ein Mitglied dieser Schuhputzer-Brigade, der den Beinamen „der lahme Tin:" führte, zu seinen Kameraden, die darüber erstaunte Gesichter machten, in traurigen: Tone: „Iungens, ich möchte meinen ganzen Kran: verkaufen. Mer zwei Schillinge (etwa 2 Mark) giebt, kann ihn dafür haben, Bürsten, Michse und den Aasten dazu!" „Na nu," sagte eiuer derselben, „warum denn das? willst du denn nicht mehr Schuhputzer bleiben?" „Das nicht gerade!" antwortete Tim, „aber ich brauche die 2 Schillinge sehr notwendig." „Millst dir wohl einen vergnügten Tag machen?" rief ein anderer. Tim aber verneinte auch dies, bestand jedoch auf seinen 2 Schillingen und sah sich in: Kreise der Genossen um, ob niemand sie ihm bieten würde Es dauerte auch nicht lange, da zog einer der Knaben 2 Schillinge aus der Tasche, reichte sie Tim und nahm dafür den Schuhputzerkran: wohlgefällig in Empfang. Mußte er doch, daß er danüt keinen schlechten Handel gemacht hatte. Mas wollte indessen Tim nnt den: Geloe? Sowie er es in Empfang genommen, eilte er damit zu einer Zeitungs- Erpedition, schrieb daselbst einige Zeilen auf einen Zettel, reichte denselben dem Manne hin, der die Anzeigen für die Zeitung in Empfang zu nehmen hatte, und bezahlte dafür seine 2 Schillinge. Aus dem Zettel stand: „Todesanzeige des kleinen Ted, 3 Jahre alt, zu.m Himmel gegangen. Begräbnis morgen. Der trauernde Bruder." „Das bist du wohl?" fragte ihn der Kassierer. Tin: versuchte stark zu bleiben, konnte es aber nicht. Vielmehr rollten dicke Thränen über seine Mangen, während er schluchzend herausstieß'. „ach — ich mußte meinen ganzen Kran: verkaufen, um diese Anzeige bezahlen zu können, aber — aber ich konnte nicht anders, ich — hatte — den — kleinen — Kerl — so — so — so lieb!" — Dann eilte er nach Hause. Mie groß war aber sein Erstaunen und seine Freude, als schon nach einer Stunde einer seiner Kameraden zu ihm kam und ihm seinen ganzen Schuhputzerkram wiederbrachte und dazu noch einen schönen Kranz mit einer Trauerschleife. Mie hatten sie cs nur erfahren, wozu der lahn:e Tin: seine 2 Schillinge verwandt hatte? Nun, auch Schuhutzer-Knaben sind bisweilen neugierig. Darum hatten sie einen aus ihrer Mitte unbemerkt von Tim hinter ihn hergesandt, und derselbe hatte ihn in der Zeitungs-Expedition belauscht. Dann war er ebenso unbemerkt zu seinen Freunden znrückgekehrt, und als dieselben erfuhren, wo Tims 2 Schillinge gegeblieben waren, hatten sie sofort unter sich eine Sammlung veranstaltet, deren Ertrag hinreichte, ::n: ihn: seinen Kran: zurückzuerstatten^und ihn obenein nnt jenen: Kranze und der Trauerschleise freudig zu überraschen. Niemand