Mannheim
Compact Memory

Israelitischer Jugendfreund · 1897-01-01 · 11 (1897) · p. Seite 162

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
3 (1897)
Issue
11 (1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9620171-9626621-9621842--0612-9621844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 162 — Sehnsucht, je größer öie Ungeduld war, desto größer und inniger war auch die Freude. Run meine Lieben! einem solchen Geburtstagsfeste sehen wir jetzt entgegen — öie gesamte ssudenheit schickt sich an, den Geburtstag ihrer uralten und doch ewig jungen geistigen Mutter festlich Zu begehen. Liebevoll und Zärtlich besorgt, hat diese Mutter ihr Rind gehegt und gepflegt, besonders aber genährt mit der Rahrung des Geistes, versorgt mit der Bildung des Gemütes. Wie hat sie in aufopferungsvoller Liebe an dessen wiege gesessen! wie hat sie den Knaben geleitet, als er in seinem jugendlichen Thatenörange über den ssoröan Zog, um sich dort später ein Heim Zu gründen. Und wenn draußen im Getriebe der Welt Israel dann häufig seiner hehren Mutter vergaß, ihrer weisen Lehren, ihrer liebevollen Ermahnungen, ihrer besorgten Warnungen, sie hat sich seiner stets wieder angenommen, wenn der wilöfang auch öfters mit Zerbläutem Rücken, mit offenen Wunden, mit Beulen an Kopf und Stirn Zu der bis dahin vergessenen Mutter heimkam, so hat sie ihn immer wieder freundlich aufgenommen, liebevoll gepflegt und Zu neuen Kämpfen gestärkt. Sie hat ihm die selbstverschuldeten Strafen tragen geholfen, in der Gefangenschaft ihn aufgesucht, ist ihm in die Verbannung gefolgt—und wenn seine Seele fast verschmachten und verzagen wollte, so hat sie ihn aufgerichtet und gertöstet und neuen Lebensmut ihm eingeflötzt. wie auch immer Israel geschmäht und geschändet, verfolgt und gepeinigt wurde, stets ist es um diese seine Mutter nur beneidet worden; ihren weisen Lehren, ihren erhabenen Worten lauschen jetzt die Völker alle, was Wunder, daß Israel um solcher Mutter willen Spott und Hohn, Ausstoßung und Verachtung, Verfolgungen und Leiden Jahrhunderte hindurch willig ertrug! wer diese Mutter ist, das brauche ich euch wohl nicht zu sagen, flhr wisset ihren Namen — es ist die Thora. Dort in jenen unwirtlichen Wüsteneien des peträischen Arabiens, ist dem wildZerklüfteten Sinaigebirge, auf dem hochemporragenden Horeb ist ihre Geburtsstätte und — „Pfingsten, das liebliche Fest" ist ihr Geburtstag. wir alle schicken uns an, dieses Fest freudig Zu begehen, und — Mann und Greis und Kind, das Alter, wie die fugend, alle fühlen wir uns eins ln der Freude dieses Festes. Feiert ja auch draußen die Natur mit uns. Sie hat ihr herrlichstes Festgewand angelelegt, um auch ihrerseits Pfingsten „das liebliche Fest" freudig Zu begehen. Draußen grünt und blüht, sprosset und sprießt es, und drinnen schmücken wir Gotteshäuser und Wohnungen mit den lieblichen Kindern der blühenden Flur. wie einst unsere Vorfahren die Tage und Wochen in banger, ungeduldiger Erwartung Zählten, bis die Getreideähren ihrer Reife entgegenwuchsen, um endlich den Beginn der Ernte festlich begehen Zu können, so harren, auch wir dem „lieblichen Feste" entgegen, da wir im Geiste uns versetzt glauben an den Fuß des Horeb, vereint mit längst entschwundenen Geschlechtern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.