Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 10 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Und höher stets und immer höher flogen, Da sing der Spiegel stark zu zittern an, Und inuner stärker grinste er, und dann Entrang er zuckend ihren Händen sich Und stürzt zur Erde nieder. — Schauerlich Erklang das Klirren von Uullionen Scherben. Die brachten nun unsägliches Verderben, Denn jeder Splitter, jedes Stückchen Glas, Des ganzen Spiegels Zauberkraft besaß! Und wem ein Körnchen fiel in's Aug' hinein, Dünkt klüger sich als alle U)elt zu sein, Er hat nur Augen für der Ulenfchen Schwächen Und spottet ihrer Fehler und Gebrechen. Doch wein das Glas in's Herz gedrungen war, Za den: erstarrt zu Eis die Seele gar. Viel Splitter in der Lust man fliegen sah; Nun, merket auf, was ferner noch geschah; (Musikbegl.: Aus der Jugendzeit) Zn einer Stadt in fernen Landen Zwei hohe Häuser, schmal und alt, Ganz nahe bei einander standen, So daß vom Dach des einen bald Das andere Dach leicht zu erreichen. Ein Topf mit blühn'den Rosen stand An jeder Seite, Blüten nicken, U)ie eine Laube voll und dicht, Drin froh zwei holde Kindlein blicken Ulit lieblich heitrem Angesicht. Klein Gerda ist ein holdes Süppchen Ulit Hellem, blonden Lockenhaar, Und Kai ein muntres, kleines Bübchen Kitt feurig schwarzem Augenpaar. Zwar nicht Geschwister sind die beiden, Doch lieben sie herzinnig sich, Und in der Kindheit sel'gen Freuden Die schöne Sommerzeit verstrich. Schon naht der herbst, und kühler wehen Die Lüfte, länger wird die Nacht. Die Rosenstöcke dennoch stehen Zn duftend reicher Blütenpracht. Und Kai und Gerda lauschen selig Der Vöglein Lied, das hell erklingt, Und dann das kleine Mädchen fröhlich Zhr frommes Kinderliedchen singt: „Zrdische Rosen blüh'n und vergehen, Ewige Freuden werden wir sehen." Doch kaum des Liedes Ton verklang, Ertönt ein schmerzlich banger Schrei. „Ein Splitter mir in's Auge drang Und hier ins Herz!" ruft ängstlich Kai. „Laß nur," wehrt er klein Gerda ab, „Zch glaub, es ist schon wieder fort, pfui, dieser garst'ge bunte Stab, Und schief ist jene Rose dort, hör auf zu weinen, albern Ding, Du siehst so dumm nnd häßlich aus." Er riß die Rosen ab und ging Durch's Fenster eiligst in sein Haus, Ließ seine Gerda weinend stehen; Erratet ihr, was ihm geschehen? Zn Aug' und h>rz gedrungen sind Zhm Spiegelsplitter; armes Kind, Verzaubert sind dir Herz und Sinn,