Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- 4 (1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 muß da nicht ein schwacher, hülfloser Greis, der von allen Beschwerden des Alters gedrückt wird, einen ganz besonderen Gindruck auf uns machen? wüsten wir darum nicht bestrebt sein, dein von Schwäche geplagten Greise seine Bürde durch Teilnahine und Achtung zu erleichtern. „Verachte keinen Brenschen wegen seines Alters, denn auch wir wünschen alt zu werden," sagt ein alter Dichter. (Sirach 8, 7.) Bon einem bekannten Gelehrten des jüdischen Altertmns, Rabbi Zochanan ben Sakkai — wissen wir, daß er sich stets sofort erhob, sobald er einen Greis, selbst einen heidnischen, erblickte. Rann nun auch der Greis mit seinem Körper, der ihm selbst fast die notwendigsten Dienste versagt, nicht inehr zmn Butzen seiner witmenschen wirken, so ist er desto mehr imstande, deren Wohl auf andere weise zu fördern. Vieles hat er an sich selbst erlebt, vieles auch an anderen gesehen. Darum kann er auch den Jüngeren manchen guten Rat erteilen, manche Gefahr abwenden, chenn die „Erfahrung ist die beste Tehrmeisterin"), manches gute Unternehmen fördern; „die Alten zum Rat, die Jungen zur That." Die Einsicht des Greises in den wahren Stand der Dinge ist' eine tiefe, eine ungetrübte. Das meint wohl auch ein alter rabbinischer Ausspruch: „wenn die Alten zu dir sagen; «Reiße nieder», die jungen aber: «Baue», so reiße nieder und baue nicht; denn die Alten bauen, indem sie niederreißen, die Jungen aber reißen nieder, indem sie bauen." Doch nicht nur das Vertrauen, welches man auf die Erfahrung des Greises setzt, verpflichtet uns, ihn: Hochachtung zu zollen, sondern es ist auch eine Pflicht der Dankbbrkeit gegen ihn, da er während seines ganzen Daseins sich seinen witmenschen nützlich geinacht hat. So hat jener Greis, dessen Silberhaar auf ein hohes Alter deutet, sich seit frühester Jugend der Wissenschaft gewidmet, hat auf die Vergnügen einer frohen Jugendzeit verzichtet, sich vielmehr in ihr Kenntnisse anzueignen gesucht, um mit diesen ausgerüstet, einst seinen witmenschen förderlich zu sein; als wann war wiederum sein ganzes Streben auf dieses erhabene Ziel gerichtet; alle seine Kräfte bot er auf, mn durch Verbreitung nützlicher Kenntnisse das Wohl seiner Witmenschen zu fördern. „Ehrwürdig wird das Alter durch die Weisheit." Die Wertschätzung die für das Alter gefordert wird, bezieht sich nach der Auslegung besonders auf diejenigen, die Weisheit erworben; vor den weisen erhebe sich jeder! So that es König Josaphat — sobald er einen weisen erblickte, erhob er sich von seinem Throne und begrüßte und umarmte ihn. — Nicht weniger verdient jener Greis dort unsere Ehre und Achtung, dessen verstümmelter Arm ein rührendes Zeugnis seiner Vaterlandsliebe und Treue ist. Für das bedrängte Vaterland setzte er freudig Gut und Blut ein. Darum ehrten die alten Spartaner ganz besanders ihre Greise, die einst dem Vaterlande so nützliche Dienste geleistet hatten. Bei den jährlichen Volksfesten sang der Thor der Greise: „wir waren junge wänner einst voll Blut