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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 19 (1895) · p. Seite 295

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Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
19 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 295 (sequence 3)
Language
German
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— 295 — waren, eng verknüpft.*) Nicht nur als kleines Mädchen, sondern schon als erwachsene Jungfrau hatte ich noch stets das Gefühl eines fast heiligen Schauers, wenn jene frommen, würdigen Männer meine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung durch ein freundliches Neigen des Hauptes erwiderten, und wenn sie nun gar ein Wort an mich richteten, so hatte ich ungefähr die Empfindung, als würde mich Se. Majestät der König selbst durch eine Anrede anszeichnen. stch bewahre jenen würdigen Männern bis Zur Stunde eine pietätvolle Erinnerung. Oie Ehrfurcht vor den: Alter wurde stets von frühester Kindheit in die jungen Herzen gepflanzt, „vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen und das Ansehen eines Alten ehren und dadurch Ehrfurcht bezeigen vor deinem Gotte. 3. B M. 19,32." Vieser Ehrfurcht vor dem Alter, dieser Pietät gegen alte Leute und ihre Gewohnheiten begegnen wir älteren Leute heut Zu Tage leider nicht mehr so häufig, und dieser Mangel in Ausübung der schönsten Eigenschaften des Gemütes berührt oft nicht nur empfindlich, sondern geradezu schmerzlich. Daß die Kinder nach wie vor auch heute noch ihre Großeltern liechen und ehren, ist ja natürlich, aber im großen Ganzen vermißt man in unfern Tagen jene Ehrfurcht vor alten Leuten, welche eine frühere Generation denselben so gern Zollte. Namentlich fällt dies in dem gesteigerten Verkehr der Großstädte auf. wie oft sitzen junge Leute, Kinder, ganz geinütlich auf ihrem allerdings schwer errungenen Platze in der Straßenbahn oder auf einer Bank und machen nicht in: entferntesten Miene, Zu Gunsten älterer, ja ganz alter Leute sich desselben Zu eutäuheru, bis sie durch mißbilligende Blicke und Worte auf das Unpassende ihres Betragens aufmerksam gemacht werden. Wahrlich ungeachtet des Fortschrittes unserer Zeit muh man inbezug auf die unserer Generation innner mehr abhanden gekommene Pietät und Ehrfurcht gegen das Alter die Plte alte Zeit loben. wie rührend war und ist jederzeit vienstbeflisfenheit gegen das Alter, wenn das kleine oder erwachsene Mädchen sich schnell bückt, um einer alten Vame ein heruntergefallenes Packet aufzuheben, sich beeilt, ihr eine Fußbank zu bringen u. s. w., und die spätere Ritterlichkeit des jungen Mannes gegen die Damen zeigt sich schon in: jugendlichen Knabenalter in bescheidenem, Zuvorkommendem »Wesen gegen alte Leute, 6enu „das Kiud ist der Vater des Mannes." sin meiner stngend geizten die Kinder, den Großeltern, alten verwandten oder Freunden des Hauses an schönen Sommertagen den Spaziergang zu opfern, um ihnen Gesellschaft leisten, ihnen vorlesen, sie unterhalten zu können. wie so anders ist es vielfach in unfern Tagen geworden! XOk oft bespötteln blasierte Knaben und Mädchen die Lebensgewohnheiten und Eigen- *) Der Letzte dieser ehrwürdigen Männer aus jener Epoche, ist vor einigen Machen 92 )ahr alt 311m ewigen Frieden eingegangen. 19* 2

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