Israelitischer Jugendfreund
- Journal
- Israelitischer Jugendfreund
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- 18 (1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 277 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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277 dabei betreten, ist die Straße des Derbrechens, sie kann niemals zu einem glücklichen Ziele führen." „Das find Ansichten, ich wiederhole es; jeder Acensch muß sein Ideal haben, sonst verfällt er der Alltäglichkeit. Ihr Leben wird ein gleiches Schicksal erleiden." „Aber, wer sagt Ihnen, daß ich nicht auch mein erhabenes Ziel — was Sie doch jedenfalls unter Ideal verstanden haben wollen — habe?" „Mollen Sie es nur nicht sagen?" fragte spöttisch der Andere. „hier haben Sie es," erwiderte Rodenhein und zog das uns bereits bekannte Notizbuch aus der Tasche. — „Sehen Sie," fuhr er fort, indem er es ausschlug und aus ein beschriebenes Blatt zeigte. — „Sehen Sie, hier steht mit hebräischen Lettern das letzte Ziel, das ich mir gesetzt. Ts sind zwei Sprüche aus der Bibel, ich werde sie Ihnen ins Deutsche übersetzen. Zuvor will ich Ihnen jedoch sagen, woher sie in letzter Reihe konunen. Ts sind die Inschriften der Leichensteine meiner Tltern, und ich und inein Bruder haben sie zu unserm Wahlspruch gemacht, sie seien unser Talisman. Der eine Spruch lautet: „Wandelte ich auch in den Schatten des Todes, so fürchte ich mich doch nicht, denn du, Gott, bist meine Stütze" — der andere: „Sollte ich einst sterben den Tod der Redlichen, so soll mein Tnde dein seinigen gleich sein." — Und diesen Tod der Redlichen zu sterben, sehen Sie, Lattiloff, das ist das letzte schöne Ziel ineines Strebeiis, mein Ideal." „Daiiiit werden Sie iiicht weit konuiien", sagte jener lacheiid. „Bis jetzt giiig es ganz leidlich, ich hatte feinen Grund zu klagen." Diese rege Uilterhaltung wurde durch immer deutlicher vernehinbare Schritte und ein lautes Zwiegespräch im Hausflur unterbrocheil. Bald öffnete sich die Thür, wld ein j?olizeibeamter in Begleitung des Hauswirtes traten in das Zimmer. Rodenhein warf einen Blick auf Iwan und sah, wie dessen j Gesicht sich entfärbte.! Der Polizist trat nach kurzem Gruße an den Tisch heran. Sein Blick * überflog die Fläche desselben und blieb an dem Notizbuch hasten. Tr legte I seine Hand aus dasselbe und sprach: „Weine Herren, ich habe im Namen des Gesetzes alles, was ich bei Ihnen an Büchern, Briefschaften und sonst; mir verdächtigen Gegenständen flnde, mit Beschlag zu belegen, und ich bitte, nur? darin keinen Widerstand zu leisten. „Dieses Buch," sprach Rodenhein erschrocken, „gehört nur und nicht dem Bewohner dieses Zinuners; es hat für Sie durchaus keine Bedeutung." „Wenn sich dies bestätigt, so erhalten Sie es unverletzt zurück. Tinstweilen erleidet es das Schicksal alles dessen, was ich hier von benannten Gegenständen vochnde." Jetzt fand eine eingehende Durchsuchung des Zinuners statt, der Rodenhein mit steigender Trregung folgte. Lattiloff mußte dem Polizisten den Schlüssel zu einem Aoffer hergeben. In diesem fanden sich Gegenstände vor, die jedenfalls zur Anfertigung des Papiergeldes gebraucht worden waren. Als der Aoffer bis auf öen Boden durchsucht war, wandte sich der Beamte an Lattiloff. „Wie ist ihr Name?" „Iwan Lattiloff." „Sie sind Maschinenbauer?" „So ist es." —' „A)o sind Sie in der Stadt beschäftigt?" „Bei der Firma Levin & To." > % i