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Israelitischer Jugendfreund · 1895-01-01 · 14 (1895) · p. Seite 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitischer Jugendfreund
Volume
1 (1895)
Issue
14 (1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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210 Zum „neunten Ab; Wenn ihr, liebe Kinder, am Vorabend und am Morgen des neunten Ab — in diesem Jahre also am 29. und 30. Juli — das Gotteshaus besuchet, werdet ihr eine tiefernste Stimmung bei den Synagogenbesuchern wahrnehmen. Auch der wehmütige Ton, mit dem das Buch „Eelia“ d. i. Klagelieder des Jeremia’s und verschiedene andere Lieder vorgetragen werden, sagt euch, dass es sich um die Feier eines aussergewöhnlichen Tages handelt. Es ist eben der neunte Ab, der Tag, der mehr erzählt als ein ganzss grosses Geschichtswerk. An diesem Tage ist im dalire 586 der salomonische oder erste Tempel durch Nebukadnezar, König von Babylon, und im Jahre 70 (n. Chr.) der zweite Tempel durch Titus zerstört worden. Unter den Trümmern Jerusalems und des Gottestempels, des herrlichsten Bauwerks des Altertums, liegt die Selbstständigkeit des jiid. Reiches für immer begraben. Zu wiederholten Malen haben die mächtigsten Völker des Altertums ihre Macht an dem winzigen jüd. Stamm versucht, wollten ihn vom Erdboden vertilgen. Kur den verzweifelten Kämpfen der Römer, unterstützt von der Uneinigkeit der Parteien des jüd. Reiches, war es gelungen, seine äussere 5facht zu brechen. Aber obgleich tausendmal besiegt und scheinbar zermalmt, hat er sich immer aufs neue erhoben. Alle jenen Völker aber, deren Namen die Welt mit Bewunderung und Sehreken erfüllte, sie sind nicht mehr; die Flut der Geschichte hat sie weggespült; aber der jüd. Stamm lebt noch heute und wird — der göttlichen Verheissung gemäss — trotz aller Anfeindungen, Herabsetzungen und Verfolgungen für alle Zeit leben. Seitdem die Juden in der Zerstörung leben, haben sie kein gemeinsames Vaterland; das Land, in dem sie leben, und dessen Schutz sie gemessen, lieben sie gleich ihren Mitbürgern als ihr liebes Vaterland, als dessen treueste Anhänger sie sich stets erweisen. Das Heiligtum, von kunstgeübten Händen aus Stein und Holz und Erz erbaut, ist der rohen Gewalt zum Opfer gefallen; aber an seine Stelle ist ein Heiligtum getreten, das allen Versuchen der Vernichtung Trotz bieten, das nicht von des Kriegers rauher Hand vernichtet werden wird: unsere Bethäuser, unsere Schulen und unsere Familien! So lange hier das heilige Feuer des wahren Gottesglaubens brennt, so lange hier die Lehren vom Einig-Einzigen verkündet und Lieder zu seinem Lobe angestimmt werden, so lange wird keine Macht der Erde vermögen, den Bestand der jüd. Glaubensgemeinschaft zu erschüttern. K F.

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