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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1936-07-01 · 10 (7.1936) · p. Seite 121

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
11 (1936)
Issue
10 (7.1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 10 Seite 121 und Theodor, ebenso wie bei den Schwestern fand der Dichter das tiefste Verständnis für sein Schaffen und Hilfe in seelischer und in wirtschaftlicher Not. Als Saar, schon ein Mann von fast 40 Jahren, von Sorgen und Elend geistig wie gelähmt, am Zusammenbrechen war, da wurde Josephine Gomperz, Frau von Werthheimstein, die ein Unbekannter auf die Lage des Dichters aufmerksam gemacht hatte, seine Retterin, Als Zeugnis für die wunderbare Art, mit der die gütige, künstlerisch hochbegabte Frau den Dichter seiner Bedrängnis enthob, führt Bettelheim den Brief an, in dem Saar, ergriffen von dieser ungeahnten Schicksalswende, an Josephine von Wertheimstein schrieb: „In Ihnen ist wie bei niemand auf Erden jede edle menschliche Regung so ganz, so voll entwickelt. Sie sind von einer Feinheit und Zartheit des Empfindens und Denkens, die mich oft genug mit innerlichem Jubel erfüllt hat — warum sollte ich die Hilfe, die Sie mir mit so viel Güte anbieten, nicht freudig annehmen und Sie im tiefsten Herzen dafür segnen?" Bis an ihr Lebensende hat die edle Frau, ebenso wie ihre Schwester Sophie Tedesco, in tätiger Teilnahme und helfender Güte den Dichter gefördert, ihm Ruhe und Freude für sein Arbeiten verschafft. Als Josephine, leidend und gealtert, aber voll jugendlicher Begeisterung in ihrem Heim in Döbling den sechzigsten Geburtstag Saars zu einer beglückenden Würdigung gestaltete, da sprach es der Gefeierte vor den Festgästen aus, das Beste, was er im Leben erfahren und geleistet, habe er Frau Josephine und den Ihrigen zu danken. Er hat nicht lange nach diesem Tag am Grab Josephinens gestanden und ihr den Dank der Kunst nachgerufen, die sie, ein langes Leben hindurch, geliebt, hochgehalten und begriffen habe wie nur wenige. So wurde das Dasein und Wirken Saars durch die Freundschaft und die Herzensgüte jüdischer Persönlichkeiten erleichtert und verschönert, und in mancher Huldigung, in wehmutsvollen Gedenkklängen hat er Bildnisse aus diesen Kreisen festgehalten. Aber Gestalten, denen ihr Judentum ein Schicksal bedeutete, waren diese Männer und Frauen, die ganz in der Kultur ihrer Zeit und Heimat aufgegangen waren, für Ferdinand von Saar nicht. Dass es trotz mancher harmonischen Verschmelzung, trotz glücklichem Einzelaufstieg eine Tragik des Judentums gab, dass erkannte Saar mit dem scharfen Auge des Dichters und des mitfühlenden Menschen. Jakob Minor, der Herausgeber von Saars Werken, berichtet in seinem Nachwort von einem handschriftlich erhaltenen Jugendgedicht: Das Judenhaus. Als ganz junger Offizier in einer jüdischen Herberge einquartiert, hatte der Dichter das Besondere der Menschen, die er dort traf, fein skizziert. Er glaubte in dem Gegensatz zwischen den Alten und den Jungen schon alles das im Keim zu sehen, was zu seiner Zeit als Judenfrage behandelt wurde. Lange bevor die ersten Verkünder des zionistischen Gedankens auftraten, schon im Jahre 1859 malte Saar, romantisch schwärmend, aber auch liebevoll mitempfindend dieselbe Lösung aus. Sein Gedicht: Judäa beginnt: In fernes Land, meerüber, lass dich senden, verstreutes Stammvolk mit den scharfen Zügen, dort magst du kräftig dich zusammenfügen, um deines Schicksals dunklen Fluch zu wenden. Dann wirst du wieder mit entwöhnten Händen der Patriarchen alten Boden pflügen, wirst — das entsank bei irren Wanderflügen — ein Schwert dir gürten um erstarkte Lenden. Der adelige Dichter, dem die Armen am nächsten standen, sah neben der vornehmen jüdischen oder dem Judentum entstammenden Wiener Gesellschaft auch die geplagte, müde Hausiererin. In seinem Gedicht „Das Judenweib" schildert er sie, wie sie mit blassem Gesicht, tagelang, in der belebten Gasse ihre Waren ausbietet. Niemand von den Vorübereilenden kauft, doch die arme Jüdin bleibt unverdrossen. Mit halbgeschlossenem Auge steht sie da und denkt an ihre sieben begabten Kinder, die nach Hohem streben, und für deren Zukunft sie sich darbend plagt. Es zeugt von Saars Verständnis für jüdisches Wesen, wenn er diese Mutter als eine bei allem Elend Frohe, glücklich Träumende zeichnet. Sie denkt an die Stammesgenossen, die durch Geist und Können emporgestiegen sind — auch ihren Kindern ist durch ihre Gaben die Bahn für eine schöne Zukunft frei. Wie aber ein Emporsteigen in andere, höhere Gesellschaftsschichten zu menschlichen Tragödien führen kann, indem es durch Ehrgeiz und Härte Wunden aufreisst, das hat Saar in seiner Meisternovelle Seligmann Hirsch dargestellt. Sie zeigt die grosse! Kunst des Erzählers: ein durch sein aufdringliches, taktloses, lautes Wesen höchst unangenehm wirkender Mensch gewinnt durch sein Schicksal unsere Anteilnahme. Der unleidliche Seligmann Hirsch wird zu einer tragischen Gestalt durch den Konflikt mit seinen verheirateten Kindern. Der Alte, der an der Familie hängt, kann nicht ertragen, daß ihn die Seinen, besonders Tochter und Schwiegertochter, nicht bei sich im Hause haben wollen, daß ihn der Sohn wegen der hohen Stellung, die er anstrebt, wegen der Verbindungen, die er pflegen muß, von Wien entfernt. Der Verlauf des Trauerspiels, der Selbstmord des Verstossenen wird nicht erzählt Er ist auch nicht das Wesentliche. Unser Mitleid für den „grotesken jüdischen König Lear" ist schon Empfehlenswerte Ge$chäf!ejn^radk^^ ßÜHili^^1^ '^%&S§ (f^ Günstige Gelegenheit für mm . \ «Sgl «*>M ■n<m Inserate im MitleilongsMoll haben grossen Erfolg! 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