Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 8 (1933)
- Issue
- 7 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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M | f Wie verlief mm fo ein Ferientag im allgemeinen? Gleich nach der Ankunft wurden die Straßenkleider mit den Spiel- bzw. Sportkleidern vertauscht. Alsdann begaben sich die Kinder zu ihrer Spielgruppe, deren es vier gab: 1. Spielgruppe der Knaben im Alter von 10—14 Jahren (Lehrer Mendel); 2. Spielgruppe der Mädchen im Alter von 10—14 Jahren (Fräulein Sylva Löwenberg); 3. Spielgruppe der 8—9 Jährigen '(Lehrer M a n n h e i m e r); 4. Spielgruppe der 5—7 Jährigen (Fräulein Erna L o r ch und Fräulein Oppenheimer). Ein zwangloses Spiel leitete den Tag ein. Unterdessen leisteten ältere Knaben und Mädchen Helferdienste für das um 10,15 Uhr einznnehniende Milchfrühstück. Zu dieser Zeit begaben sich alle Kinder ans einen vor der Speisehalle gelegenen Rasen und ließen sich den Morgenimbiß gut munden. Die Äb- und Aufräumungsarbeiten sowie die bereits notwendigen Vorarbeiten für das Mittagessen wurden wiederum im Helfersystem dnrchgeführt, wie überhaupt von der technischen Leitung des Ferienwerks auf die erzieherische Seite im Dienste der Gemeinschaft auch in anderer Beziehung (Waschen der Handtücher, Reinigung der Räume, Helferdienste bei den Kleinsten usw.) größter Wert gelegt wurde. Ta alle diese Verrichtungen mit Lust und Liebe und mit einem gewissen Ehrgeiz — sie stritten sich oft darum — getan wurden, liegt es ans der Hand, daß alles vorzüglich klappte. Bis kurz vor der Mittagszeit wurde mit den 10—14 Jährigen geturnt und Leichtathletik getrieben, während sich die Kleinsten mehr der geschlossenen Spieltätigkeit widmeten. Gegen 12 Uhr wurde das Mittagessen eingenommen, das mit dem Auto in großen Thermostöpfen ans der Stadt heraufgebracht wurde. Daß der Appetit der Kinder ein ganz vorzüglicher war, konnte die mehrmals anwesende Aerztin, Fräulein Tr. Meyer, bezeugen und die Tatsache, daß manche Kinder nach Beendigung der Kur eine Gewichtszunahme von 5—6 Pfund zu verzeichnen hatten, besagt genug. Begünstigt durch das ideale Ferienwetter vom ersten bis zum letzten Tag war es möglich, im Freien zu speisen, was der Appetitanregung sehr ' förderlich war. Nach gemeinsamem Tischgebet wurde eine einstündige Lagerpanse streng dnrchgeführt. Danach dursten sich die Kinder freier Spieltätigkeit erfreuen. Es wurde geplantscht, Versteck gespielt und dergl. mehr. Gegen 4 Uhr versammelte sich alles wieder auf dem Rasen, um ein Fläschchen Kakao und zwei Brötchen einzunehmen (Bedürftige Kinder erhielten doppelte Portionen). Nun wurden die Spielkleider wieder mit den Straßenkleidern vertauscht und nach einem gemeinsamen Lied wurde der Heimmarsch angetreten. Am Mittwoch, den 9. August d. I., wurde der letzte Ferientag mit einer kleinen, aber sehr gut gelungenen S ch l u ß f e i e r beendet. In bunter Folge wickelte sich auf der Freilichtbühne ein reichhaltiges Programm ab, das von Walter Sabel angesagt wurde. Turnerische Hebungen, Liedervorträge, Deklamationen ernster und heiterer Art, Tänze, Reigen und ein Theaterstück, von den Kindern selbst in Szene gesetzt, wurden in recht gelungener Weise dargeboten. „Schad', daß die Ferien vorüber", so klang's im Lied und so sagten's alle Kinder, als sie den letzten Heimmarsch antraten. 'Ren aestärkt an Körper und Seele gehen sie nun wieder täglich zur Tchule in froher Erinnerung an die so schön verlebte Ferienzeit. Und wenn man sich wieder in den Asphaltstraßen der Stadt bewegt unb zwei strahlende Kindcraugen mit beglückendem Ausdruck sagen, wie schön es doch war, so fühlt sich das Erzieherherz tausendfach belohnt für alle Mühe und allen Schweiß, den es in den 3L? Wochen gekostet hat. Möge das gelungene Werk die Zentralwohlfahrtsstelle veranlassen, die erste Gelegenheit wahrzunehmen, bei der sie wiederum der Schuljugend Tage bereiten darf, die ihre wohltuende Wirkung auf Körper' und Seele unserer Kinder gerade in heutiger Zeit doppelt auszuüben vermögen. Ter Tank der Jugend und der Elternschaft ist ihr gewiß. vei-bandsgemeinden. Altenstadt i. H. Am 9. Juli d. I. starb in hohem Alter Herr Jjaak Kassel, der irr seinem früheren Heimatort Höchst a. d. N. beerdigt wurde. Als ein frommer Mann stellte er seine geistigen und körperlichen Anlagen in den Dienst Gottes und der Menschheit. 40 Jahre lang versah er ehrenamtlich das Vorbeteramt und war 25 Jahre als Vorstand der Gemeinde Höchst tätig. Seine große Beliebtheit kam durch die außergewöhnliche Beteiligung bei der Beerdigung zum Ausdruck. Lehrer Markus, Groß Karben zeichnete in seiner' Traueransprache den Entschlafenen als Gottesdiener, Menschenfreund und Familienoberhaupt. Vst Mainz. Am 13. Juni 1933 waren es 50 Jahre, daß Herr Justizrat Tr. Otto Lichten als Tr. jur. promovierte. Aus diesem Anlaß hat die Universität Heidelberg, woselbst der allseits geschätzte Jubilar s. Zt. die Doktorwürde erlangte, demselben das Doktordiplom erneuert und mit einem Anerkennungsschreiben zngesandt. Zum goldenen Doktor-Jubiläum unseres verdienstvollen Gemeindemitgliedes gratulieren auch wir herzlichst. Vereine und verbände. Kriegsbriefe, Kriegstagebücher und Kriegsgedichte gefallener Deutscher Juden. Wir Deutschen Juden sind von einem Schicksal betroffen, das von einer erschütternden Schwere ist. Tie Beziehungen, die uns mit unserer deutschen Umwelt eng verbanden, lockern sich und drohen zu zerreißen. Da heißt es, alles das uns und der nichtjüdischen Bevölkerung wieder in die Erinnerung znrückznrnsen, was an unleugbaren Tatsachen die Verbundenheit Deutscher Juden mit ihrer Heimat dokumentiert. Das gemeinsame Fronterlebnis, das alle Frontkämpfer während des großen Krieges ohne Unterschied von Konfession und Rasse zusammengeschmiedet hatte, darf nie vergessen werden. 100 000 jüdische Männer lind Jünglinge standen im Heeresdienst und verteidigten ihre Deutsche Heimat; 12 000 Deutsche Juden starben den Heldentod! Ter Reichsbnnd jüdischer Frontsoldaten beabsichtigt daher — um der Belebung dieser Erinnerung willen — Kriegsbriefe, Kriegstagebücher und Kriegsgedichte gefallener Deutscher Juden auszugsweise zu veröffentlichen. Diese Samnclung soll für alle Zukunft ein Dokument für die Vaterlandsliebe Deutscher Juden und ein Beweis ihrer Zugehörigkeit zur Heimat sein. Es ergeht darum an alle die herzliche Bitte, das zur Verfügung stehende Material (unter Angabe des Truppenteils, der Charge, des Zivilbernfes sowie des Ortes und der Zeit, wo der betreffende Frontkämpfer gefallen ist) an die Adresse von Dr. Ernst F r a e n k e l, Syndikus des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten E.B., Berlin W. 15, Kurfürstendanim 200, einzusenden. Kosten entstehen den Einsendern nicht; das Material wird nach Gebrauch znrückgegeben. Jüdische Kriegsopferversorgung. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat die aus den bisherigen Kriegsbeschädigten-Berbänden allsgegliederten jüdischen Kriegsopfer (Kriegsbeschädigte, Kriegerwitwen und Kriegerwaisen) ans Wunsch des Nationalsozialistischen Reichsverbandes Deutscher Kriegsopfer ausgenommen. Tie Wahrnehmung ihrer Rechte, vor allem ihrer Rechtsstellung in der künftigen Versorgungsgesetzgebnng liegt nunmehr dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ob. Diese Aufgabe ist nur durchführbar, wenn die über das ganze Deutsche Reich verstreuten jüdischen Kriegsopfer in einer straffen Organisation znsammengefaßt werden. Zu diesem Zwecke bittet der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten die jüdischen Kriegsopfer usw., sich unlgehend bei der ihrem Wohnsitz zunächst liegenden Ortsgruppe des Reichsbnndes jüdischer Frontsoldaten E.B. zu melden, und sich dort den Fragebogen gur Ausfüllung aushändigen zu lassen. Das Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde (Spree), das die Aufgabe hat, langfristig erwerbslosen Juden für eine gewisse Zeit ein Heim und geregelte Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu bieten, ist ein ca. 1400 Morgen umfassendes Gut mit ausgedehntem Getreidebau, Milchwirtschaft und handwerklichen Betrieben. Tie Anzahl der in Neuendorf zu besetzenden Plätze wurde im Laus der Monate von 40 auf 60 erhöht. Tie Aufnahme erfolgt in der Regel fiir 3—4 Monate, doch wird der Aufenthalt, falls es die persönliche Situation des Aufgcnommenen erforderlich macht, auch verlängert. Es sind bereits an 100 Menschen durch das Landwcrk ''Neuendorf durchgegangen und zwar Angehörige aller Berufe — Akademiker, Kaufleute, Handwerker, gelernte und ungelernte Arbeiter — aus allen Richtungen Deutschlands. Ausgenommen werden grundsätzlich alle jüdischen Erwerbslosen, die gesund und arbeitswillig sind, zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr; die Mehrzahl der bisher Äufgenommenen waren junge Menschen bis zum 30. Lebensjahr. Das Zusammenleben der Menschen hat sich in Neuendors außerordentlich gut gestaltet, obwohl Teile der Belegschaft immer wieder wechseln und die meisten einzeln und allbekannt in Neuendorf ankommen. Besonders günstig scheint in Neuendorf die Lösung der Freizeitgestaltung. Tlirch Kurse, Bibliothek, Radio. Vorträge und Veranstaltungen aller Art ist für geistige und jüdische Fortbildung ge 3