Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 8 (1933)
- Issue
- 7 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Ifraelitifdie Religionsgemeinbe, lüainz. V! ahnung. Das 2. Ziel israelitischer Reliqionsgemeindesteuer 1933 (Rj) kann noch bis 29. d. M. ohne Kosten entrichtet werden. Ai a i n z, den 21. August 1933. Kasse der israelitischen Religionsgemeinde Postscheck-Konto Nr. 6308 Frankfurt a. M. Hilfe und Aufbau Am 16. Juli d. I. haben die Konserenzgemeinschaft der jüd. Großgemeinden und die Reichsvertretung der deutschen Juden in Frankfurt a. M. eine gemeinsame Sitzung abgehalten, über die nachfolgende amtliche Mitteilung" vorliegt: Am 16. Juli fand nach längerer Zeit wiederum eine Beratung der zur K o n f e r e n z g e m e i n s ch a f t zusammengeschlossenen Vertreter der größeren jüdischen Gemeinden und Landesverbände statt. An der Beratung nahmen auch Mitglieder der Reichsvertretung, die am gleichen Tag in Frankfurt a. M. eine Präfidialfitznng abhielt, teil. Ter Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Direktor Heinrich 2 t a h l, eröffnete die Tagung, worauf die Herren Kammergerichtsrat Wolfs und Landgerichtsrat Tr. L i - l i e n t h a l über die Tätigkeit der Reichsvertretung, sowie Herr Tr. Ludwig T i e tz über die Arbeiten des „Zentralausschufses für Hilfe und Aufbau" eingehende Berichte erstatteten. Tie Allssprache, die sich bis zum Abend hinzog, führte in allen wesentlichen Fragen zu vollkommener Uebereinstimmung. Tie versammelten Vertreter der deutschen Juden waren sich einig darüber, daß angesichts der Lage, in der sich die Judenschaft Deutschlands befindet, das oberste Gebot vollkommene Einheit des Handelns i st. Zu Protesten ist keine Zeit. Aufbau und Hilfe sind die Gebote der Stunde. Wenn in vergangenen Zeilen anderwärts Juden in Not waren, standen die deutschen Inden stets an der Spitze der Hilfeleistung. Heute sind sie selbst in der Lage der Hilfesuchenden und erkennen dankbar alle Bemühungen von jüdischer Seite an, ihnen in ihrer großen seelischen und materiellen Not beizustehen. Aber die entscheidende Hilfe u n d Aufrichtung kann den: deutschen I u d e n t u m n n r aus den eigenen Reihen k o ni m e n und für den weit überwiegenden Teil innerhalb des Landes, das ihr Vaterland ist und bleibt. Hier gilt es Hand anznlegen: Die Erhaltung der Gemeinden, vor allem auch der Kleingemeinden, das Erziehnngswesen und die körperliche Ertüchtigung der Jugend, Bernfsnmschichtnng und Schaffung von Ausbildungsstätten, die sozialen Versicherungen, die Schaffung gemeinnütziger Kreditinstitute, Betätigung in Wissenschaft und Kunst, dazu die gewaltigen Aufgaben des Hilsswerks für die in Rot Geratenen — das sind die Fragen, vor denen die Vertreter des deutschen Judentums stehen. ver 5inn der Seschehenr Aus dem unter vorstehender Überschrift von Elsride Berget-Gronemann in der Hüd. Rundschau Nr. 61 veröffentlichten Artikel bringen wir nachstehende Gedanken zum Abdruck. Oie Echristleitung. Das, Was uns jetzt geschieht, ist die Wiederholung eines leidvoll oft Erlebten: Immer wenn wir glauben, ganz und unterschiedslos zu unserer Umwelt zu gehören, in völliger Gleichberechtigung an ihrem geistigen und seelischen Schicksal teilnehmen zu dürfen, dann reißt es uns zurück in das Abgesondertsein. Es ist uns nicht gewährt, sorglos, unproblematisch, friedvoll zu existieren. Immer ans der Hohe der Assimilation an andere, glücklichere Völker ereilt uns der Ruf aus dem Dunkel. Unser Taseinsgesetz verlangt unerbittlich, und es ist nicht zu überhören: Wir dürfen uns nicht in andern verlieren, wir sollen als gesonderte Gemeinschaft, unvernnscht und nngetarnt, unser Leben leben. Das ist so deutlich, daß auch der Spötter, auch der Skeptiker von dieser Wahrheit angerührt wird: Wir stehen unter einem besonderen Gesetz. Man sträubt sich zuerst, in die rationelle Kühle seiner Geisteshaltung diese unheimliche Erkenntnis einzulassen, man fürchtet, sich damit in Abenteuer und Gefahren von unübersehbaren Folgen zu stürzen — aber es hilft alles nichts: Eine Macht ist über uns, die will, daß wir nicht u n t e r g e h e n. Ob wir uns zur Ewigkeit verflucht, ob wir uns zu ihr begnadet fühlen, das muß jeder für sich entscheiden. Aber oas Eine tut sich uns allen kund und erschüttert uns: Der Wille der Geschichte redet wieder zu uns. Wieder wie einst empfangen wir „in Donner und Blitz und schwerem Gewölk" den Befehl: Israel zu sein. Wie der Forscher, der in die Geheimnisse der Schöpfung eindringt, von ihrer tiefen Zweckmäßigkeit ergriffen, den waltenden Willen in der Natur erkennt, so sehen wir auch in der heutigen Phase unseres Schicksals eine tiefe Zweckmäßigkeit: In dem, was uns zu zerstören droht, liegt schon der Keim zu unserer Rettung. So ewig gleich auch das jüdische Schicksal ist, so variabel und an die jeweiligen Verhältnisse angepaßt sind doch die Mittel, deren sich die Geschichte bedient. Im spanischen Mittelalter wurde der Angriff gegen die Religion geführt. Sie war das Herz der jüdischen Gemeinschaft, der zentrale Punkt, zu dessen Verteidigung sich alle Kräfte zusammenfanden. Sie anzugreifen hieß, den Lebenskern selbst bedrohen — und ohne Zögern standen alle Glieder der Gemeinschaft zusammen, um ihn zu verteidigen. Wer von uns bezweifelt es, daß heute ein Kampf, der sich gegen unsere Religion richtete, mit größter Wahrscheinlichkeit zu unserm Untergang geführt hätte? Wieviele von uns, seien wir ehrlich, wären fest geblieben, hätten nicht die Not, die Existenzbedrohung zum Vorwand genommen, um sich von dem leidvollen Schicksal des Judeseins zu trennen? Es hätte viele Tausende von Marannen gegeben, die, anders als die spanischen, ohne Vorbehalt ins andere Lager übergegangen wären. Darum waren andere Mittel nötig, um das Judentum wieder zu sich znrückzuführen. Weil es so viele zur Desertion bereite Menschen gab, wurden wir in einer eisernen Kette zusammengeschlossen. Keiner kann fortlaufen. Da der religiöse Glaube nicht mehr stark genug war, die Gemeinschaft zusammenzuhalten, mußte die gemeinsame Abstammung Zielpunkt des Angriffs und damit unentrinnbare Fessel werden. Und nun — es ist wie ein Wunder — in dieser Zwangsverbnndenheit erwachen wieder scheinbar abgestorbene Kräfte zu neuem Leben. Bericbtüberbas Ferienroerk der ifr.Religionsgemeinbe JUainz erstattet von Alfred Mendel, Mainz. Von einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse unserer Schuljugend zeugte das Ferienwerk, das d.urch die Initiative der hiesigen'Zentralwohlfahrtsstelle ins Leben gerufen und während der Sommerferien durchgeführt wurde. Man hatte einen für diesen Zweck recht geeigneten Ort ausfindig gemacht, den ganzen Gebäude- und Geländekomplex des Theresienheims in der Jägerstraße, der uns durch das freundliche Entgegenkommen der Leitung des Instituts zur Verfügung gestellt wurde. So zogen denn täglich von drei Treffpunkten aus etwa 85 Kinder im Alter von o bis 14 Jahren unter Leitung geeigneter Führer hinauf in das fast an der Peripherie der Stadt gelegene Heim. Schon am ersten Ferientage zeigte es sich, daß man' das Richtige getroffen hatte. Das T h e r e s i'e n h e i m, aus einer ehemaligen Jnfanteriekaserne sehr zweckentsprechend erstellt, fand den begeisterten Beifall der Jugend. Unikleide-, Speise- und Waschräume waren in tadellosem, hygienisch einwandfreiem Zustand. An schattigen Lager- und großen Spielplätzen herrschte kein Mangel, und die geradezu im Uebermaß vorhandenen sonstigen Räumlichkeiten boten eine ungeheure Fülle von Möglichkeiten für Spiele und Unterhaltungen jeglicher Art. Einen Mangel stellten unsere „Mainzer" gleich in den ersten Tagen fest, das Fehlen einer Badegelegenheit. Dem war aber bald abgeholfen. Tie Leitung des Instituts, von wahrer Nächstenliebe beseelt und bemüht, allen, auch den kleinsten Wünschen der Kinder Rechnung zu tragen, stellte zunächst einen Hydranthen zur Verfügung, wodurch es ermöglicht war, den Kindern täglich eine wohltuende Dusche zu geben. Bald war dies aber nicht mehr nötig. Man hatte eine verschüttete Betongrube ausgeräumt, gereinigt und mit Wasser gefüllt, und das schönste Plantschbecken war erstanden. So fehlte also nichts mehr, was das Kinderherz ersehnte, ein kleines Kinderparadies war geschaffen.