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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1933-04-01 · 4 (4.1933) · p. [Seite]

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
8 (1933)
Issue
4 (4.1933)
Date
1933-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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jjlüMlunpfitatf des Lsndesvkrbankiks ifraclitifttitr lfleligionsgemeinkien Wens April JS33 8. Ishrg. (flr. 4 SS trschkinungsort Jflaini. Luschristen, welche das stlittkilungsblatt betreffen, sind an das 6üro des Landesverbandes, stlainr, stindenburgstraße 44;u richten. Die flucht in die Familie. Cin IIlal]nn?ort zum Pcffactjfcftc. Nachstehende Ausführungen entnehmen wir der Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs vcm 31. 3.33 und empfehlen sie auch den Lesern des Mitteilungsblattes zur besonderen Beherzigung. Oie Schristleitung. Eine alte Frage lautet: Waren die Väter und die Mütter eigentlich glücklicher als wir, ihre Kinder, es sind? Gewiß lebten sie in einer Welt, die kleiner als die unsrige war; ihr Lebenskreis war sicher enger als der unsere gezogen. Die vielen technischen Errungenschaften, die unser Leben erleichtern, waren ihnen noch unbekannt. Dafür hausten sie in einer romantischen Traumwelt, die ihren: Dasein einen poetischen Zauber lieh. Sie waren gleichsam Bürger zweier Welten. Im Alltag war der Jude ein nüchterner Kränier, der seine Pfennigware verkaufte und in rührender Bescheidenheit den Alltag verlebte. Aber derselbe Jude war außerhalb dieses Alltags ein Kulturschwärmer, der in einer vielleicht philiströsen Schöngeistigkeit lebte, bestimmte bürgerliche Ideale leidenschaftlich verfocht und vor allen Dingen für seine Kinder ein Höchstmaß der Bildung erstrebte. Die Frauen waren Hausmütterchen in einer eng umgrenzten kleinen Welt. Zugleich aber schwelgten sie in romantischer Lektüre, schwärmten sie für klassische Hausmusik. Das Theater und das Schrifttum verliehen ihren: Leben einen beinahe künstlerischen Anstrich. Goethes Lyrik und Schillers Dramatik mit einen: kleinen Zuschuß von Schopenhauers Skeptizismus und Heinescher Ironie schufen ihr geistiges Milien. Das ganze Leben at- :nete Familiarität: die Eltern vergötterten die Kinder, die Kinder verehrten die Eltern und die Alten. Die Familie war der höchste Lebensinhalt und zugleich der feste Maßstab für alles Tun und Lassen. Familiär war auch die Religiosität. Sie war nicht Weltanschauung, nicht das Ergebnis seelischer Kämpfe, nicht die Resignation nach inneren Konflikten. Sie war vererbt, Altvätergut, A l t m ü t t e r s p e n d e. Sie gehörte zum Leben wie bestimmte familiäre Gerichte zur Familientafel und bestimmte ästhetische Genüsse zur Lebensverschönernng. Vielleicht lächelte der Aufgeklärte über diese und jene alte Form, aber sie war Tradition und als Herkommen geheiligt. Der Vater war der Patriarch der Familie, die Mutter die Priesterin des Hauses —■ und es lebte sich behaglich in dieser bürgerlichen Atmosphäre, in der Hut des Hauses, unter dem schützenden Dach der Familiarität. Unser Leben ist seit dieser Zeit aus dieser engen Umgrenztheit herausgewachsen. Die Söhne und Töchter empfinden, kaum daß sie flügge geworden, die Enge des Hauses wie einen Alpdruck. Tie Lust i:n Hause ist ihnen zu stickig, sie wollen in freier Luft atmen; sie lächeln über die alte Welt und spötteln über ihre naive Romantik. Sie werfen kühn über Bord, woran die früheren gehangen und geglaubt und dünken sich dabei wer weiß wie modern. Ter alte Familiensinn mit seinen tausend geheimnisvollen Rücksichten erscheint ihnen ein seltsames Ueberbleibsel aus einer gestorbenen Zeit. Man darf geradezu von t>em Zusammenbruch der Familie in diesen Tagen sprechen. E r n st e Zeiten st i m m e n nachdenklich und zur S e l b st b e s i n n u n g. Auch in den Jüngsten regt sich plötzlich starke Skepsis, ob der Weg aus der Hut der Familie heraus nicht ein Irrweg gewesen. Unwillkürlich tauchen die Bilder der Väter und Mütter mit den guten, klugen, frohen Angen auf und mit ihnen Erinnerungen an ihre Welt, die nicht mehr die unsrige ist. Eine leise Wehmut weint durch die Seelen und, wer seinhörig ist, vernimmt den Rnf: Zurück zur F a m i l i e, heim zur F a - n: i l i a r i t ä t, die unseren Vorfahren so viel Glück, Ruhe, Kraft und Würde gespendet hat. Wie aber auch die Zukunft sich gestalten mag. das Haus kann uns Halt geben und der sichere Hafen werden. Das Pessach, das Fest der Familiarität, steht vor der Türe. Unsere Frauen rüsten die Häuser zun: Empfang der Festtage. Alte Sitte, ehrwürdiger Brauch wird in diesen Tagen wieder neu, und mit ihn: Erinnerung an die Väter und Mütter, welche sie geübt haben. Keine Festzeit kündet so eindringlich das Hohelied der Familie. Es wäre höchste Weisheit, wenn Israel seine Botschaft befolgte. Die deutsche Judenheit wird auf vieles in der Zukunft verzichten müssen, was sie einst als höchstes Gut gepriesen. Sie braucht den Wnrzelboden altnener Kraft, die Familie, „hier sind die festen Wurzeln deiner Kraft". Um der frommen Kinder willen, sagt ein alter Meister, ist Israel aus Aegypten errettet worden. Tie gläubigen Frauen, sagt ein zweiter, haben das Erlösungswerk gefördert. Die sittlichen Männer, die in ihrer Familie das höchste Glück und den heiligsten Lebensinhalt gefunden, meint ein dritter, waren die Träger der Befreiung. Mit einem Worte: der Geist der Familiarität hat das Werk der Erlösung bewirk t. Möge das Fest den Familiensinn vertiefen, den alten Familiengeist wecken, dann wird es seinen Segen von neue u: b e w ü h r e n.

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