Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 7 (1932)
- Issue
- 10 (10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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laWiiner-iMur zu bjriin,? Wober 1SZ2 I 7.Iahrg., fflrJO | MWllMtzSwck des LsndesverbsMs istselitischer SieWonsgemklOen iljeffens p .-Lc------ . .—t Dirfrs Blatt erscheint monatlich und geht den ffiit< Igl Luschristen: fllaini, Sjinöfnburgftrofif flr. 44 gliedern unentgeltlich |u. ♦ Erscheinungsort jlllaini. III Schristleitung: Babbiner Dr. 6. levi, ffflaint f -DIIIIC 1 50*93 nnDJrnsiü d:r Besser ein Weiser als ein Prophet. Je dusterer oder ungeklärter die Zeiten sind, desto zahlreicher sind die Propheten, welche aus Grund ihrer Gemütsart oder Einbildungskraft die kommenden Tinge ausmalen. In Entscheidungspunkten der Zeit, wie beispielsweise am Anfang eines neuen Jahres, ist die Versuchung, Prophezeiungen zu lauschen, sehr groß. Wir haben aber in diesen lebten Jahren immer wieder solche Ueberraschungen erlebt, daß wir durch eigene Erfahrung zu Zweifel und Mißtrauen den Prophezeiungen gegenüber berechtigt sind. Ob das beginnende neue Jahr eine wesentliche Wandlung der Zeitlage bringen wird, ob uns eine Milderung over Steigerung der äußeren und inneren Not beschieden sein wird, wer kann es voranssehen? Und welchen Sinn hätte es infolgedessen, sich mit weitspannender zeitlicher Pornnsschau zu zerguälen? „Ehaggai, Secharjnh und Maleachi waren die lebten der Propheten" meinen unsere talmudischen Lehrer bereits iBabli, Baba bathra 14 b.). Es findet sich sogar (ebendort Seite 12 a) der Sab: „Vom Tage der Zerstörung des Tempels an wurde das Prophetentum den Propheten entzogen und den Narren und Säuglingen verliehen." Dieses schroffe Wort soll nun aber keineswegs den müden Verzicht auf die Meisterung unserer Lebensaufgabe gutheißen oder die Ohnmacht des Menschen gegenüber Zielen und Erfolgstreben predigen. Einer der Talmudlehrer meint an der genannten Stelle, daß die Prophetengabe zwar den Propheten entzogen aber den Weisen verliehen worden sei. Und in freier DeutungderWorte (PsalmW,Vcrs12) N22N wird gesagt: Wer Herzensweisheit hat, der ist Prophet, „Vesser ein Weiser, als ein Prophet". Ein Weiser aber ist: Mt „Wer das Werdende sieht" und die möglichen Folgen rechtzeitig bedenkt. Die Zeit des Prophetentums, das neue Gebilde vorausahnend schauen und schildern konnte, ist vorüber; für uns gilt es, auf das Werdende zu sehen, in jeder Stunde und in jeder festen Entschließung des Hier und Heute den verheißungs- und segensvollen Anfang unabsehbarer Entwickelung zu erblicken. Tie Gelegenheit — und wäre es die kleinste selbst — erfassen, jeden Tag die tägliche Pflicht leisten, unverdrossen, die Zeit nübend, vorwürtsschreiten: das ist unsere Weisheit und Pflicht. niXE n^'OR „Pflichterfüllung zur rechten Stunde ist das Wertvolle." So wollen und sollen wir ins neue Jahr schreiten. An Gottes Segen wird es uns dann nicht fehlen. Tr. L.