Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 7 (1932)
- Issue
- 8 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Rabbi Elia Loans Baal Echem, Rabbiner von Mainz. Von Lehrer S. Stern, Rüsselsheim. Unser Zeitalter läßt mit Vorliebe die Vergangenheit aus Gräbern, verschütteten Hügeln und untergegangenen Städten auserstehen. Die Vergangenheit wird zur Schule. „Aus der Vergangenheit lernen wir für Gegenwart und Zukunft." Auch für uns Juden haben geschichtliche Begebenheiten, gewesene Geistesgrößen irgend eine Mahnung, eine Aufmunterung. Gemeinden, in denen Helden gelebt und gewirkt haben, behalten eine ehrfurchtsvolle Erinnerung an deren Dasein. Auch in der Gemeinde Mainz hat sich ein großes Stück jüdischer Geschichte abgespielt. Aus der Reihe der großen Geistesführer, die in Mainz gewirkt hatten, soll einer wieder in den Vordergrund treten: Rabbi Elia Loans. Zum besseren Verständnis seines Wirkens in Mainz sind die Zeitverhältnisse jener und der vorangegangenen Jahre näher zu betrachten. Das Reuchlin'sche Gutachten, aus Veranlassung Kaiser Maximilians in dem Streit gegen den Talmud und andere rabbinische Schriften im Jahre 1513 abgefaßt, hat zwar dem wilden, gewissenlosen Treiben Hoogstratens, Victor von Karbens und Pfefferkorns ein Ende gemacht. Aber Reuchlins Worre, daß die Juden keine Ketzer, sondern Brüder seien,i) verhallten in den Stürmen des Resormationszeitalters. Auch der sich mählich bahnbrechende Humanismus, vermochte nicht den finsteren Aberglauben und den fanatisch blinden Haß zu verdrängen. Erzbischof Jacob verordnete, daß jeder Jude aus dem Erzstist, der Mainz passiere, sein Abzeichen tragen müsse, und nur allein durch die Straßen der Residenz gehen dürfet) Erzbischof Markgraf Albrecht von Mainz, verhandelte 1516 mit den geistlichen und weltlichen Fürsten wegen Landesverweisung der Juden aus mehreren Landesstrichen. Erst auf Fürsprache des berühmten Rabbi Josel Rosheim-Loans bei Kaiser Maximilian wurde dieser Plan vereitelt.^) Doch die Lage der Juden in Mainz wurde immer drückender. Die besonderen Abgaben, die wirtschaftlichen Einschränkungen und Handelsabschnürung zwangen sie zum Wanderstab. Die Verhältnisse in Bezug auf Stellung und Ansehen der Juden haben sich auch nach der Wiederansiedlung in Mainz im Jahre 1583 nicht gebessert. Je stärker der feindliche Druck von außen auf ihnen lastete, desto enger schlossen sie sich zusammen, desto stärker wurde das Gottvertrauen sowie die Liebe zur heiligen Lehre, die ihnen inneren Frieden gab. Die Hoffnung auf bessere und ruhigere Zeiten verlieh ihnen Kraft und Stärke und spornte sie zu neuen Taten an. Unter der geschickten und hingebungsvollen Führung des Vorstandes, des Oberhauptes der Provinz Mainz, Fürsprechers bei amtlichen Stellen und Fürsten des Herrn Joseph, Sohn des Jakob Kannstadt, genannt Juspeft Mainz, wurde die kleine Gemeinde ausgebaut. Er errichtete in seinem Hause eine Synagoge^) und stiftete außerdem die heiligen Geräte für dieselbe. Auch das alte Tauchbad ließ er, aus eigenen Mitteln, in einen würdigen Stand fetzen. Reichliche Spenden wurden dem Hekdisch (Spital) zugewandt. Männer und Frauen wetteiferten Gutes zu üben. Einen großen Zuwachs verzeichnete die Gemeinde im Jahre 1615. Durch den Fettmilch'schen Aufstand in Frankfurt a. M., der sich auch auf Hanau ausgewirkt hatte, und die Zunftwirren in Worms mußten viele Juden ihre Heimat verlassen. Kurfürst Johann Schweikart habe ihnen, so wird erzählt, in hochherziger 1) Salfeld, Bilder aus der Vergangenheit der jüd. Gemeinde Mainz. S. 33. 2) Schaab, Diplomatische Geschichte der Juden zu Mainz. 3) Lehmann, Rabbi Joselmann aus Rosheim; Feilchenfeld, Rabbi Joselmann aus Rosheim u. n. a. 4) Memorbuch Nr. 91. 5) Erst 1639 erhielt die hiesige jüd. Gemeinde wieder eine Synagoge, welche sie seit dem Jahr 1473 entbehrte. Schaab, Seite 210. Lier abrrennen! Weise die Niederlassung in seiner Diezöse gestattet. Unter den nach Mainz gekommenen Flüchtlingen, befand sich auch der gelehrte Rabbi Elia L o a n s 6), Aschkenasi, wie er sich zuweilen nannte. Er wurde im Jahre 1564 in Frankfurt a. M. geboren. Sein Vater war Rabbi Moses, Sohn des obengenannten Fürsprechers Rabbi Joselmann aus R o s h e i m. Sein Stammbaum ging bis auf Raschi zurück. In seiner Vaterstadt war er zuerst Schüler des Rabbi Akiba Frankfurt. Noch jung an Jahren, verließ er Frankfurt und wie ein „Wandervogel" kam er nach Krakau. Hier saß er zu Füßen des großen Meisters und Kabbalisten Rabbi Menachem Mendel Awigd o r. Auch schloß er sich dem Verein der „Thoralernenden" an, und so schöpfte er aus dem ewig frischen Quell des Wissens Labung für seinen dürstenden Geist. Bei Awigdor, erwarb er sich tiefe Kenntnisse der Kabbala. (Fortsetzung folgt.) Aus unseren Verbandsgemeinden. Bad Nauheim. Am 15. Juni verschied nach kurzer, aber schwerer Krankheit unser ältestes Gemeindemitglied Herr Levi G u t k i n d . Mit ihm ist eines unserer treuesten und frömmsten Mitglieder von uns gegangen. Noch vor 3 Wochen durfte er in seltener Frische mit seiner Gattin die goldene Hochzeit feiern und damit seinem Leben einen schönen Abschluß geben. An der Bahre des Verblichenen gab Herr Lehrer Bethmann, Bad Nauheim, noch einmal ein Lebensbld und zeichnete ihn als einen Menschen, der für feine Enkelkinder gelebt und gewirkt hat. Von den Enkeln des Entschlafenen sprach am Grabe Herr Paul Grünewald nochmals seinen Dank aus. Freilaubersheim (Rheinhessen). Am 17. August feiert Herr Ferd. Strauß, dahier, in seltener geistiger und körperlicher Frische seinen 80. Geburtstag. Die stramme militärische Körperhaltung, die ihn vor sechs Jahrzehnten als Unteroffizier auszeichnete, haftet ihm noch heute an. 45 Jahre ist er im israel. Vorstand ununterbrochen tätig und seit 27 Jahren im Gemeinderat. Er war Mitgründer des Soldatenvereins, den er zehn Jahre als Präsident führte. Gegen Arme hat er eine wohltätige Hand. Viele kommen jeden Monat regelmäßig, um ihre Zuwendung zu holen. Vor sieben Jahren spendete er der jüdischen Gemeinde einen kompletten schönen silbernen Thoraschmuck. Daß die israelitische Gemeinde Fürfeld-Freilaubersheim noch einen Lehrer halten konnte und nicht wie viele israelitische Gemeinden dem Untergang verfallen ist, ist zum größten Teil Herrn Ferdinand Strauß zu verdanken. Seit Gründung des Landesverbandes ist er Vertreter von mehreren umliegenden Gemeinden und versäumte nie eine Sitzung. Möge ihm noch ein recht gesegneter Lebensabend beschieden sein.Ii^ D'Htyy'i fiKD N2 Gießen. Frau Henny Bock Witwe beging am 6. August in körperlicher und geistiger Gesundheit ihren 90. Geburtstag. Das greise Geburtstagskind ist an der Wasserkante geboren und hat sich s. Zt. in Geestemünde verheiratet. Seit 23 Jahren lebt Frau Bock in Gießen und füllt in der Familie ihres Sohnes in Küche und Haus noch ihren Platz aus. Sie ist die älteste Frau in den jüdischen Gemeinden in unserer Stadt. — Am 16. August wird der Schuhmachermeister Marcus Kahn 75 Jahre alt. Der allezeit joviale und humorvolle Mann, der noch un- 6) Salfeld gedenkt seiner in Bild, aus d. Verg. der jüd. Gem. Mainz S. 37. Löwenstein, Zur Geschichte der Rabbiner in Mainz. Lewysohn Nafschos Zadikim, 60 Epitaphien, erwähnt seinen Aufenthalt in Mainz nicht. 2