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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · p. Seite 6

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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700 Jahre Geschichte füllen in dem Gesamtwerk an uns vorüberziehen und aus dem wechselvollen Geschehen in all den Wirrnissen der Zeit soll und wird jeder Leser des Werkes nicht nur Belehrung, sondern auch Trost und Hossnnng für Gegenwart und Zukunft schöpfen können. Sechs historisch geschulte Männer der Gemeinde Kassel haben sich zusammengetan und das ihnen am nächsten liegende Gebiet bearbeitet und damit ein Werk geschaffen, das in der deutschjüdischen Geschichtsschreibung f a st ohne V o r - b i l d d a st e h t. ' Tie eigentliche Geschichte der Gemeinde Kassel wird erst der zweite Band enthalten. Aber schon in der Arbeit Rudolf Hallos über die „Kasseler Synagogengeschichte, Synagogen und Friedhöfe, Kunst und Handwerk der Juden in Kassel", wird naturgemäß auch die älteste Geschichte der Inden in .Kassel gestreift. 1293 wird zum erstenmal der Inden in Kassel gedacht. Tie Karmeliter kaufen einen der Jüdin Rahel in Kassel gehörigen Hof an. 1398 wird die Judenschule genannt. Wo sie lag, iü unbekannt. Ihre Erwähnung setzt notwendig eine stärkere Judensiedlung voraus. Tamit stimmt überein, daß wiederholt im 14. und 15. Jahrhundert einzelne Juden aus Kassel genannt werden. So 1367—1407 Genenchin aus Kassel (Gesamtarchiv der deutschen Juden, Jahrgang V, 111 Kassel). Um dieselbe Zeit werden im Erfurter Jud*enbuch verschiedene Juden aus Kasla erwäbnt. Ter um 1513 zuerst auftretende Meister Falcke ist darum m. E. kaum als der erste Repräsentant dieser Gemeinde anzuseben, wie Hallo vermutet, und ob man an der Fortdauer von Bctstube und Gottesdienst über 1524 hinaus, das Jahr der angeblichen Judenaustreibung durch Philipp den Großmütigen nach Hallos Allsicht zweifeln darf, erscheint m. E. um so weniger begründet, als diese Austreibung wahrscheinlich nur beabsichtigt aber llicht zlir Ausführung gelarlgt ist. Jedenfalls ist die vermutlich nur vorgeschützte talmudische Unwissenheit der „armen Judden" Philipps Wohl ein Zeichen der Rabbinerlosigkeit, aber keineswegs die. Nichtexistcnz eilles Betbauses. Tie verschicdellen Syliagogcn der Gemeillde werden in Hallos trefflicher Arbeit auf Grund von bisher kaum benutztem Aktenmaterial ausführlich besprochen, wobei ganz neues Licht auf viele Eiilzelbeiteil fällt. Besonders fesselnd geschrieben Ulid reich an Ergebnissen ist der zweite Abschnitt der Halloschen Abhandlung, der noch viele wertvolle Anmerkungen und prachtvolles Bildmaterial beigefügt siild, der die künstlerischen Ulld handwerklichen Verhältliisse der Juden in Kassel betrachtet. Ter uilglückliche Mar Lieberg, dessen Jereillias der Bericht von der Düsseldorfer Ausstellung 1888 als eine der „fesselndsten uild selbständigsten Erscheinungen der modernen Knnst" bezeichnet, der Landschasts-, Porträtltnb Stillebcnmaler Louis Katzenstein, der kindlich fromme Holzschneider Adam Rosenzweig im 19. Jahrhundert, die Familie Pinhas noch im 18. Jahrhundert, bald nach 1800 die Fiorinis, Rinald, Feidel, Rieberg, der ausgezeichnete Miniaturist Salomo Pinhas, dessen Identität mit dem in der Konsistorialschnle und Kousistoriallehrerseminar wirkenden Zeichenlehrer Felix Lazarus in seinem „Tas westfälische Konsistorium der Israeliten" nachgewiesen hat, der Hofmusikus Philipp Moscntbal, ein naher Verwandter des Dichters, kurz, lauter Rainen von gutem Klang in der Künstlerwelt. Ueberhaupt ist es keine Zufälligkeit, daß von ben besten Pionieren Südafrikas und Nordamerikas viele Hesfen-Kasseler Inden waren, daß der Erfinder des Truckknopfs und des ersten europäischen Nachrichtenbüros Hessen-Kasseler Juden waren, daß Kassel die erste von einem Juden erbaute Synagoge Deutschlands besitzt. — Viel Köstliches neben manchem Unbewiesenem und Nichtzubeweisendcn enthält der hochwertige Aufsatz von Julius Dalberg, der sicherlich einer der besten Kenner ans diesem Gebiet ist, über „Volkskunde der Hessen-Kasseler Juden", der m. E. für die Erforschung der jüdischen Volkskunde überhaupt bleibende Bedeichung hat. Freilich begeht Talberg den Fehler jedes Entdeckers von Neuland, das Gefundene zu überschätzen und vieles, als typisch hessisch hinzustellen, was doch nur allgemein menschlich oder allgemein jüdisch ist. Besonders interessant ist der Exkurs über hessisch-jüdische Küche. Man blättert überhaupt fröhlich rlnd immer fröhlicher geworden in diesem Buche, freut sich der prachtvollen und wertvollen, in so großer Zahl beigegebenen Illustrationen und bewegt sich gern in dieser reizvollen Welt, in der auf Schritt und Tritt Neues oder doch in neuem Licht Gezeigtes, in origineller Beleuchtung Vorgetragenes uns begegnet. — Ter dritte Aufsatz von Landrabbiner Tr. Walter bringt die Geschichte des Kultus und der Religionsschule seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nach den vorhandenen Akten, eine Arbeit, die gerade für die Jetztzeit von besonderem Interesse ist; so z. B. der Kamps um die Einführung der Orgel oder auch die Entwicklung des Unterrichtswesens, ein lehrreiches Kapitel für jede jüdische Gemeinde und eine wertvolle Bereicherung unserer historischen Literatur. ' — Diese wenigen Zeilen haben nur den Zweck, auf das vorliegende Werk, das die i n n e r e G e s ch i ch t e der Gemeinde darstellt, mit aller Wärme aufmerksam zu machen, dein hoffentlich recht bald der zweite Band folgen wird. Denn so, wie das Werk 6 jetzt vor uns liegt, ist es eine Geschichte der Gemeinde, der nur eins fehlt, nämlich die Geschichte. Man kann, der Kasseler Gemeinde, die mit der Veröffentlichung keinerlei materielle Vorteile verbinden kann und will, nicht genug dankbar sein. Es gereicht ihr zu R u h m und E hr e. Tr. Paul Lazarus, Wiesbaden, Stadtu. Bezirksrabbiner. Die völkische Zeitung „Fridericus" veröffentlichte in Nummer 3 des Jahrgangs 1930 einen sensationell aufgemachten Artikel über „Graf Arco — ein Erfinder?" Hier hieß es über Graf Arco, den Judenstämmling, wörtlich: „Es fei hier laut und deutlich behauptet, und der Graf von Arco mag diese Behauptung für falsch erklären, wenn er es kann, daß GrafArco, der Direktor der Telefunken, niemals und nirgendwo etwas erfunden hat, was mit der Radiotechnik zufammenhängt. Daß vielmehr all die schönen, gedruckten Lobhudeleien über etwaige Erfindungen von ihm nichts weiter sind als glatter Schwindel. Wenn es sich darum handeln soll, den wirklichen Erfinder und Verbesserer der Elektronenröhre kennen zu lernen, so ist cs der deutsche Baron von Lieben. Der „Fridericus" hat recht. Nicht Graf Arco ist der Erfinder der Verstärkerröhren, die in Form der kleinen Verstärkerlampe das moderne Rundfunkgerät überhaupt erst ermöglicht haben — sondern Robert von Lieben. Nur in einem kleinen Punkte irrt er: der geniale Erfinder war kein „deutscher Baron", sondern „ ein simpler jüdischer „von", Sohn des Vizegouverneurs der Oesterreichifch-ungarischen Bank Leopold von Lieben, Mitinhaber des Bankhauses Lieben, Auspitz und Eo., das vor kurzem zusammengebrochen ist. Der junge Robert wollte nicht „in das väterliche Haus eintreten, sondern wandte sich — trotz schärfster Widerstände im Elternhaus — der modernen Elektrotechnik zu. Um als Fünfunddreißigjahriger nach Vollendung einiger bahnbrechender Arbeiten zu sterben. Das Beispiel des „Fridericus" zeigt, wie falsch — oft nicht einmal in böser Absicht — die Frage: Juden in der deutschen Forschung und Technik von deutschvölkischer Seite gestellt wird. Da wird' einmal dem Juden jede technische oder, jede wahrhaft bahnbrccherische Begabung abgefprochen, wo das nicht geht — bewußt oder unbewußt — verdreht oder gefälscht. Um so gelegener kommt ein Buch Felix A. Theilhabers, das unter dem Titel „Schicksal und Leistung" die Lebenswerke eiiiiger bahnbrechender deutscher Judeii in Forschung und Technik behandelt (Welt-Verlag, Berlin). Wie wenig weiß die Oeffentlichkeit — selbst die jüdische — über einen kleinen Kreis voii Fachleuten hinaus, etwa von den bahnbrechenden Arbeiten des Aiiatomen Jakob Henle. Wie wenig voii dein Erforscher des Rückenmarks Benedikt Stilling, dem es gelang, ben Ursprung der meisten Wurzeln der Gehirnnerven iin grauen Mark der höher gelegenen Teile des Zentralhiriis nachzuweisen (Stilliligsche Nerveiikerne). Unter welchen kümuierlichen Umständen mußte dieser glänzende Wissenschaftler in Kurhesten arbeiten, da es ihm infolge seiner Weigerung, sich taufen zu lassen, nicht gelmig, die Dozentur zu erringen. Auf Hindernisse der „Rasse" stoßeii wir überhaupt bei fast jedeni der in dem Werke behandelten jüdischen Wissenschafter. Wieviel Hemmnisse hatte jeder dieser Männer in seiner Jugend, ja noch in späteren Jahren zu überwinden, um nur überhaupt an den Gegenstand seiner Begabung herangelassen zu werden — Hindernisse, die für seine arischen .Kollegen nicht existieren. Einstein hat die Zurücksetzungen und Entbehrungen in seiner Jugend mit einem nervösen Magenleiden bezahlt, das ihn noch immer begleitet. Freud, eine Kapazität von Weltruf, ist noch immer nicht ordentlicher Professor, Ehrlich, der Entdecker des Salvarsans, ein Mensch, der die Welt von einer der furchtbarsten Geißeln befreite, der Millionen ihr Lebensglück zurückgab, konnte es nicht zum Ordinarius bringen. Erst als er im Jahre 1908 den Nobelpreis erhielt (zusammen mit dem Pariser Halbjuden Mentschikoff) wurden die deutschen Behörden auf den genialen Gelehrten aufmerksam und Kaiser Wilhelm verlieh ihm den Titel Exzellenz. Man staunt bei der Lektüre dieses Buches, wieviel die Juden in der kurzen Zeit, da sie sich in Deutschland mit technischen Dingen beschäftigen konnten, auf dem Gebiete der Entdeckungen geleistet haben. Da ist Hermann A r o n , der Erfinder der modernen Elektrizitäts- und Gasmesser. Da ist der kleine Mechaniker Siegfried Marcus aus Malchin, der in der Wiener Mariahilferstraße eine Werkstatt eröffnet und dort in sieben Jahren unermüdlicher Studien das erste Automobil der Welt baut — Jahre vor Benz und Daimler. Und die Geschichte von dem fliegenden Holzhändler David Schwarz, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, das Problem des lenkbaren Luftschiffs zu lösen, und dem es nach ungeheuren Schwierigkeiten endlich gelungen war, seinen Lenkballon zum ersten Ausstieg auf dem Tempelhofer Felde flugfertig zu machen. Unter den Zuschauern, die den ersten Flug der großen Aluminiumzigarre aufmerksam verfolgen, befindet sich — Graf Zeppelin. Es ist ein Weg durch jüdisches Neuland, den wir mit Theilhaber durchschreiten, ein Gebiet, das nach hakenkreuzlerischer Anschauung dem „zersetzenden Judentum" verschlossen bleiben muß. Und

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