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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
7 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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bedürftigen aller Art. Alle Anfragen bittet man zu richten an den Vorsitzenden, Herrn Isaak Franz Ettlinger, Frankfurt a. M., Bockenheimer Landstraße 25. Am Mittwoch, den 9. März, hielt die Gesellschaft zur Fördeutitti der Wissenschaft des Judentums, E. V. ihre Hauptversanunlung in Berlin ab, die sich eines sehr zahlreichen Besuches dorr Mitgliedern, sowie von Vertretern der angesehendsten Organisationen zu erfreuen hatte. Der stellvertretende Vorsitzende, Rabbiner Dr. Leo Baeck, begrüßte die Erschienenen. Der Schriftführer, Professor Dr. I. Elbogen, erstattete den Geschäftsbericht, in dem er u. a. auch darauf hinwies, daß die Gesellchaft in ihr 30. Geschäftsjahr eingetreten ist. Sie blickt dadurch aus die Wirksamkeit eines vollen Menschenalters zurück und, wie nicht erst besonders gesagt zu werden braucht, auf ein ungewöhnlich schwieriges. Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise haben die allerschwersten Erschütterungen für kulturelle Organisationen gebracht und auch die Gesellschaft hat die stärksten Anstrengungen machen müssen, um sich zu behaupten. Die Gesellschaft war in der Lage, ihre Tätigkeit fortzusetzen und ihren Mitgliedern weiterwertvolle Schriften zu bieten und dazu die Genugtuung, an einer segensreichen Einrichtung mitzuarbeilen. Die Gesellschaft konnte das nur, weil ihre Existenz aus der breiten Grundlage eines ausgedehnten Mitgliederbestandes ausgebaut ist und sie in dem Dienst an den Mitgliedern einen wesentlichen Teil ihrer Aufgaben erfüllt. Die Mitgliedschaft der Gesellschaft hat es wohl erkannt, daß ihr durch die Gesellschaft für einen sehr mäßigen Jahresbeitrag außerordentlich viel Vorteile geboten werden, nicht nur reichliche geistige Anregung, sondern auch materielle Ersparnis beim Ankauf gediegener wissenschaftlicher Werke. Die von der Gesellschaft herausgegebene „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", hat jetzt ihren 75. Jahrgang abgeschlossen. Sie hat ein Alter erreicht, das bisher nur ganz "wenigen jüdischen Zeitschriften und auch höchst selten allgemein-wissenschaftlichen Zeitschriften beschieden ist. Der neue Jahrgang zeigt sie in veränderter Gestalt. Der kompresse Druck, der während der Papiernot der Inflation gewählt worden war, wurde wieder aufgegeben und ein für das Auge angenehmerer und gefälligerer Satzspiegel gewählt. Der Kassenverwaltung wurde Entlastung erteilt. Der Ausschuß wurde wiedergewählt', an Stelle des verstorbenen Ausschußmitgliedes, Herrn Geh. Oberregierungsrat Dr. David Hugo Mayer, Karlsruhe i. B. wurde Prof. Dr. Umberto Cassuto, Floreuz, zugewählt. Im Anschluß an die Hauptversammlung hielt Herr Dozent Dr. Albert L e w k o w i tz , Breslau, einen Vortrag: „Die Stellungnahme zum Judentum in der Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts". Ausgehend von dem Gedanken, daß die neue Zeit mit dem Grundsatz der Autonomie des staatlichen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens sowie der Trennung von Staat und Kirche begrüne, zeigte der Redner als grundlegendes Problem die Frage, was nun unter den neuen Verhältnissen aus dem Judesein des jüdischen Staatsbürgers und der Organisation des Judentums werden sollte. Während Mendelssohns Jerusalem das Judentum ausschließlich als einen religiösen Organismus erklärte, und die Anerkennung des jüdischen Gesetzes auch ohne staatliche Organisation forderte, widersprach Kant dieser Auffassung und erklärte, daß das Judentum keine Religion, keine Kirche, sondern nur ein Staat und politisches Gesetz sei. Man hat bisher meist versucht, diese Stellungnahme des Königsberger Philosophen aus den Einfluß Spinozas zurückzuführcn, der Redner aber sieht darin eine bewußte religionspolitische Interpretation des Judentums, die den aufgeklärten Juden das Schreckbild eines nur gesetzlichen Organismus malen wollte, um sie dadurch für das mit der Vernunftreligion gleichgesetzte Ehristentum zu gewinnen. So haben auch Kants Junger Ben David und Maimon ihren Meister verstanden, llm die Jahrhundertwende haben dann Moritz Lazarus und Hermann Cohen den Nachweis geführt, daß das Judentum in seinem religionssittlichen Gehalt wesentlich mit der Kantischen Philosophie übereinstimmt, ja sogar auf denselben Grundsätzen wie diese basiere. Sie haben dadurch das Judentum rationalisiert und ethisiert — fast bis zur Aufgabe alles Religiösen und Irrationalen, sie haben in diesem Rationalisinus Idee und Gestalt des Judentums getrennt. Von Herder aus, der Verständnis für Idee und Gestalt des Judentums zeigt, geht dann die Linie der Romantik, die in der biblischen Poesie eine echte nationale Literatur von religiöser Urkraft und universaler Bedeutung kennt. Von Herder geht die Wiederbelebung des Verständnisses für die Geschichte und universale Bedeutung des Judentums aus, die später von den Begründern der Wissenschaft des Judentums ersaßt und auch aus das nachbiblische Judentum übertragen worden ist. Für Frankel, Geiger, Graetz sind Idee und Gestalt im Judentum wieder unlösliche Einheit, das Judentum eine geschichtliche Individualität von gesetzlicher Bedeutung. Nebenher erwähnt der Redner, daß auch Herder die Frage stellt: „Warum wollen die Juden keine Heimat?" und daß in demselben Jahre 1783 ein unbekannter Jude im Deutschen Museum an den Präsidenten der Vereinigten 4 Staaten schrieb und ihn bat, in dem damals noch menschenleeren Lande den Juden ein Territorium zu überlassen. Der Redner geht rasch zur Gegenwart über und zeigt, daß heute im Wesentlichen drei Mächte des Naturalismus eine tragische Krise des Judentums bilden: Der Marxismus, der Darwinismus und die Lehre Nietzsches. Er sieht durch diese Kräfte den festen Glauben an den absolut religionssittlichen Sinn der Welt erschüttert und die Möglichkeit zu einer Rettung nicht in einer plötzlichen Erleuchtung, sondern nur in dem Ernst und der Tiefe der persönlichen Entscheidung und direkten Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit und den Fragen der Geschichte. Vom Boden der Geschichte her muß der Mensch hineinschreiten in Gegenwart und Zukunft. Im Jüdischen das Menschheitliche, im Menschheitlichen das Jüdische zu erstreben, das ist seine letzte Aufgabe. Die Kreisleitung des jüdischen Psadfinderbundes für Hessen erläßt nachfolgenden Ausruf: Her zu uns! Jüdische Jugend bricht auf, um dem deutschen Judentum einen neuen Grundstock zu geben. Täglich lesen wir von Zusammenbrüchen jüdischer Geschäfte, täglich lesen wir von Austritten aus jüdischen Gemeinden, täglich mehrt sich die Zahl der jüdischen Erwerbslosen. Aus der einen Seite zerfleischt sich das deutsche Judentum in innerjüdischen Parteikämpsen, aus der anderen Seite hat es einem gigantischen Gegner stand zu halten. Und in diesem Wirrwarr des Zeitlebens wächst eine Jugend heran, die all die Sorgen dieser Zeit nicht nur kennen lernt, sondern sogar am eigenen Körper verspürt. Die Erziehung in einem gut bürgerlichen Milieu mußte einer eingeschränkten Lebensweise Platz machen; und mancher der jungen Menschen zerbrach an dieser harten Umstellung, weil er sie nicht kannte und weil er diesem harten Lebenskampf nicht Trotz bieten konnte. Nicht verschont von all diesen Geschehnissen in Deutschland liegt naturgemäß auch die jüdische Jugend. Auch sie mußte erkennen, daß manches sich geändert hat, daß auch sie daraufhinzielen muß, in diesem harten Lebenskampf ihren Mann zu stellen. Vor vier Jahren prägten einige junge jüdische Menschen, jugendbewegt, einen Begriff, einen Begriff, den man zuerst verlachte, dann begeiferte, dann totschwieg und dann anerkannte. Den Begriff des Gesamt-Judentums und der gesamt-jüdischen Haltung. Und diese jungen, jüdischen Menschen, die damals den Begriff der Gesamtjudenheit prägten, wurden gehört, jüdische Jugend in allen Gauen des Reichs erkannte, daß sie das Judentum nur dadurch stützen konnten, indem sie sich zuerst von jeder jüdischpolitischen Bindung freimachten. Sie erkannten, daß es wichtigere Aufgaben für die gesamte Judenheit gibt, die zu erfüllen sind. Wir erkennen jede jüdisch-positive Leistung an. Wir unterstützen auf der einen Seite den Palästina-Ausbau, weil wir sehen, daß dort jüdisch-positive Arbeit geleistet wird. Wir lehnen aber die Priorität des Palästina-Gedankens ab, weil es zuerst gilt, für das alte Haus, das deutsche Galut, ein neues Fundament zu schaffen, Und wenn dieses Haus fest steht, dann können wir uns mit unserer ganzen Kraft auch für den jüdischen Palästinabau einsetzen. Dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der Ideologie. Der jüdische Pfadfinderhund Deutschlands ist ein Erziehungsbund, der seine Menschen durch das Psadfindertum zur freien Entscheidung innerhalb der gesamt-jüdischen Haltung erzieht. Was will der J.P.D.! Wir wollen ernst machen in unserem Streben, die grundlegenden ethischen Forderungen des Judentums zu erfüllen. Ehrlichkeit, Lauterkeit des Charakters, Brüderlichkeit den Mitmenschen gegenüber, Hilfsbereitschaft sind Eigenschaften, die den Pfadfinder auszeichnen. Disziplin, nicht nur "äußerliche, Unterordnung und Treue zum Führer, der ja nicht nur persönlicher Helfer und Freund sein soll, sondern vor allem Vertreter und Repräsentant des Bundes und damit der jüdischen Gemeinschaft überhaupt ist, soll das zweite sein. Noch sind nicht alle unsere Menschen so, aber alle haben sie den Willen dieses jüdische Psadfindertum durchzuführen und zu verwirklichen. Her zu uns! An die ganze jüdische Jugend Hessens richten wir den Appell. Reiht euch ein, in die Einheitsfront jüdischer Jugend, den jüdischen Pfadfinderbund Deutschlands. Gerade an die jüdische Jugend in Klein- und Landgemeinden richten wir den Ruf, organisiert euch, bildet Ortsgruppen. Pflegt den Geist jüdischer Gemeinschaft. Setzt euch umgehend mit dem Sekretariat der Kreisleitung des jüdischen Pfadfinderbunds für Hessen, Gießen. Moltkestraße 2, in Verbindung, unserer Unterstützung seid ihr gewiß.

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