Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 7 (1932)
- Issue
- 2 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Eich (Rheinh.). Am Donnerstag, 14. Januar, verschied hier im Alter von 76 Jahren Frau Wilhelmine Schott, Witwe des schon vor bald 20 Jahren Heimgegangenen Herrn Jakob Schott. Mit ihr verließ uns ein r.irx, eine brave, fromme, tapfere Frau, die stets den Weg ging, den ein gutes Herz, das Gefühl für Recht und Billigkeit, den Religion, Gewissen und gute Sitte vorfchreiben. Tapfer bestand sie den Kampf des Lebens und zwar erst recht, nachdem der treue Lebensgefährte sie verlassen, pflichtgetreu leitete sie die Erziehung ihrer Kinder, die denn auch alle brauchbare, tüchtige Menschen wurden und die sie — es war eine besondere Gnade Gottes — auch wieder mit ihren Kindern immer um sich sehen durfte. Was diesen Erfolg herbeisühren half, war die Tatsache, daß sie es nicht bei Worten bewenden ließ, sondern das, was sie lehrte, auch vorlebte. So blieb sie für ihre Kinder, auch für die angeheirateten, die liebe Mutter, das Familienoberhaupt, zu der sie hingingen in frohen und weniger frohen Stunden, um der Mutter eine Freude zu bereiten oder gestärkt und ermuntert wieder von ihr wegzugehen. Ihre Liebe und Gutherzigkeit erstreckte sich aber nicht nur auf ihre nächsten Angehörigen, sondern umfaßte alle Verwandten, alle, dre ihr nahestanden, alle ihre Mitmenschen ohne Unterschied, ohne 'Rücksicht auf Stand und Bekenntnis. So war es natürlich, daß sie sich stets allgemeiner Hochschätzung erfreuen durfte, daß ein starkes Trauergesolge ihr die letzte Ehre erwies. Sie, die Liebe gesät, hat auch Liebe geerntet. — Herr Rabbiner Dr. Holzer aus Worms entwarf in packenden, trefflichen Worten ein getreues Lebensbild von der nun Seligen, schilderte sie in ihrem vorbildlichen Tun und Lassen und erwirkte damit starken Eindruck bei den Zuhörern und Zugang zu den Herzen der Trauernden. — Uns allen aber, die wir zurückblicken, sei die Heimgegangene ein Mahner, uns von der Schwere der Zeit und der Verhältnisse, von den seelischen Schmerzen, die man uns bereitet, nicht unterkriegen zu lassen, sondern den Kopf hoch zu halten, sich bewußt zu bleiben, daß, so wie die Sonne auch das dichteste Gewölk durchbricht, die Wahrheit auch den beengendsten Nebel, den wirtschaftlicher und politischer Druck entstehen ließ, beseitigen und in ein Nichts zerfließen lassen wird. So wird .1212? p'nx -dt „das Andenken braver Menschen zum Segen". Friedberg (Hessen). Die Wohltätigkeitsvereine der Israel. Gemeinde konnten eine Doppelfeier begehen: Das 45jährige Bestehen des Frauenvereins und gleichzeitig das 10jährige Bestehen der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Wohltätigchkcits-Vereine. Beide Organisationen, die auch während des Jahres ihre gesamten Aufgaben gemeinsam erledigen, veranstalteten zur Feier dieser Jubiläen einen wohlgelungenen Wohlfahrtsabend, der einen glänzenden Verlaus nahm und dessen finanzielles Ergebnis ebenfalls recht zufriedenstellend war. Der Vorsitzende, Herr Siegfried Rothschild, begrüßte im Namen der beiden Vereine die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste. Trotz der schweren Zeit habe man sich zusammen gefunden, um wieder einmal den Gemeinschaftssinn zu stärken und den Sinn für die Opserwilligkeit zu heben. Nach diesen, mit großem Beifall ausgenommenen Worten, verbreitete sich der Schriftführer der Org., Lehrer Seelig, über die Geschichte der beiden Vereine, zeigte vor allem wie der Frauenverein zu allen Zeiten vorbildlich gewirkt hat und gedachte hierbei der verstorbenen Vorstandsmitglieder, deren Andenken in der üblichen Weise geehrt wurde. Es mag hervorgehoben werden, daß beide Vereine auch bei der allgemeinen Wohlfahrtspflege in großem Ansehen stehen und stets zu den Beratungen derselben herangezogen werden. Im weiteren Verlaufe des Abends entwickelte sich ein recht fröhliches Treiben. Den von dem Frauenverein ausgestellten Büfetts wurde kräftig zugesprochen. Unter den Klängen der aus jüdischen Künstlern bestehenden Tanzkapelle Kuttner, nahm der Abend einen sehr befriedigenden Verlauf. Gernsheim. Bei der Vorstandswahl der isr. Religionsgemeinde wurde das seitherige Vorstandsmitglied Bernhard Spieß einstimmig wiedergewählt. Neu gewählt wurde Herr Hermann Weil. Das Vorstandsmitglied Siegmund Nahm wurde gleichfalls wiedergewählt. Herr Spieß gehört nunmehr 35 Jahre dem Vorstand an, davon 29 Jahre als erster Vorstand. Heusenstamm. Die israelitische Gemeinde Heusenstamm hat zu Beginn dieses Jahres einen schweren Verlust erlitten. Im 78. Lebensjahre ist Herr Moses Gutenstein nach 2tägigem Krankenlager verstorben. 30 Jahre war er als Vorsteher in unserer Gemeinde tätig. Infolge seines vorgerückten Alters legte er vor wenigen Jahren dieses Amt nieder, um der jüngeren Generation Platz zu machen. Wo es galt, für die israelitische Gemeinde tätig zu sein, da war Gutenstein als erster am Platz. Er war so richtig das Vorbild für unsere Jugend, welche heute, mehr denn je, leuchtende Vorbilder nötig hat. Aber auch in nichtjüdischen Kreisen war der Verstorbene sehr beliebt, wovon die zahlreiche Beteiligung am Begräbnis Zeugnis ablegte. Nach der Rede des Herrn Rabbiner Dr. Dienemann aus Offenbach sprachen kurze Abschiedsworte Herr Moritz Frankfurter für die israelitische Gemeinde und Herr Eugen Ehrmann im Namen des Isr. Männer¬ und Frauen-Vereins Heusenstamm, dessen 2. Vorsitzender der Verstorbene war. Er ruhe in Frieden! Am 2. Januar 1932 feierte Frau Rebekka Eckmann in seltener Rüstigkeit ihren 82. Geburtstag. Der israelitische Männer- und Frauen-Verein Heusenstamm hielt anfangs Januar seine diesjährige General-Versammlung ab. Zu Beginn der Versammlung gedachte der 1. Vorsitzende des Vereins, Herr Eugen Ehrmann, des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Herrn Moses Gutenstein. In der stattgefundenen Vorstands- Ergänzungswahl wurde Frau Jda Frankfurter als 2. Vorstandsmitglied neu gewählt. Die übrigen Punkte der Versammlung wurden satzungsgemäß behandelt und durchgeführt. Als ein seltenes Zeichen religiösen Friedens sei nachstehendes der Allgemeinheit bekannt gegeben. Anfangs dieses Jahres wurde der hiesige katholische Geistliche zum Dekan ernannt. Unter den Gratulanten fand sich auch die israelitische Gemeinde ein. Darauf ging folgendes Dankschreiben ein: „Der israelitischen Religwnsgemeinde Heusenstamm sage ich für ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit gelegentlich meiner Ernennung zum Dekan, des Dekanats Offenbach herzlichen Dank. Nach wie vor wird mein Wirken dahin gehen, das gläubige Judentum nicht nur zu tolerieren, sondern es zu achten und zu lieben. Auf dem Boden des gemeinsamen Gottesglaubens haben beide Gemeinden heute eine gemeinsame Kulturmission in der sinkenden Welt. Darum erwidere ich Ihre Wünsche mit den gleichen für das neue Jahr und eine gedeihliche Zukunft der Israelitischen Religionsgemeinde Heusenstamm. Unter hochachtungsvollster Begrüßung gez. Eckstein, Dekan. Hillesheim (Nheinhessen). Vor kurzem feierten die Eheleute Albert Kahn im engsten Familienkreise das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Wie das Jubelpaar die vergangenen 25 Jahre in stiller Pflichterfüllung des Weges gegangen, so still verlies auch dieser Tag, der einen wichtigen Abschnitt in seinem Leben bildet. Beide Ehegatten verließen in dieser Zeit nicht den Weg, den die Liebe zeigte, den die Pflicht vorschrieb. Hierdurch wurden die Voraussetzungen eines musterhaften Ehelebens geschaffen, das sie befähigte, ihre Kinder unter Gottes Beistand zu braven Menschen großzuziehen, den Bestand ihres Hauses zu sichern, in Handel und Wandel den Weg zu gehen, den das. Gefühl für Recht und Billigkeit, den die Religion uns vorschreibt. So ist es denn auch natürlich, daß sich das Jubelpaar allgemeiner Hochschätzung und Beliebtheit zu erfreuen hat. — Herr Kahn macht sich noch dadurch besonders verdient, daß er seit vielen Jahren das heilige Ehrenamt eines Vorbeters in unserer Gemeinde in Gemeinschaft mit unserem Vorsteher, Herrn Max Gabriel, versieht. — Möge der Allgütige auch weiterhin dem Jubelpaar Führer und Beschützer sein, seinen Herzenswünschen Erfüllung werden lassen! Mainz. (Von der Tätigkeit des J.J.V. Mainz.) Ein reichhaltiges und — wie die Erfahrung zeigte — wirkungsvolles Programm brachte unsere Mitglieder auch im Januar regelmäßig zusammen. Jede zweite Woche finden Freitag-Abendfeiern statt. Nach dem Kiddusch und einer Besprechung der Wochenabschnitte sind wir bei Tee und Obst einige Stunden bis zum gemeinsamen Benschen gemütlich beisammen. Für die nächste Zeit sind vorangehende Gottesdienste vorgesehen. Ferner fanden statt: eine Arbeitsgemeinschaft: „Jüdische Ge- und Verbote", unter Leitung von Herrn Rabbiner Dr. Levi, eine literarische Arbeitsgemeinschaft (Leitung Sofie Guggenheimer), die sich z. Zt. mit Goethe und seiner Bedeutung für unsere Gegenwart beschäftigt, eine wirtschafts-politische Arbeitsgemeinschaft (Leitung Max Tschornicki und Walter Vogel), ein hebräischer Kursus (Leitung Marcus Drimmer). Daneben hatten wir einen gut gelungenen geselligen Abend mit Schallplatten und Rezitationen, ferner ein sehr eingehendes und umfassendes Pressereferat von Robert Strauß. Gemeinsam mit der Rhenus- Loge veranstalteten wir einen Vortragsabend, an dem Dr. Jul. Bab über „Goethe und das Judentum" sprach. Aus der Führertagung des Hess. Landesverbandes am 24. Jan. waren wir zahlreich vertreten. Wie notwendig die neu geschaffene Aelterengruppe ist, zeigt der rege Besuch ihrer Veranstaltungen. Den ersten Vortragsabend bestritt Max Tschornicki mit einem Vortrag: „Brüning oder Hitler", der großen Beifall fand, den 2. Abend (am 1. Febr.) Dr. Kahn mit einem Vortrag über „Mahatma Gandhi", der ebenso beifällig ausgenommen wurde. Auch die Junggruppe (jetzt BIP) kommt regelmäßig zusammen und beschäftigt sich u. a. mit Jüdischer Geschichte. Der Lesesaal mit den aufliegenden Zeitungen wird eifrig benutzt. Dieser kurze und durchaus nicht vollständige Bericht zeigt vor allem, daß das Schwergewicht unserer Arbeit nicht bei Vortragsabenden (von „Vortragskanonen" wie häufig noch anderwärts), sondern in den Arbeitsgemeinschaften liegt. Wir hoffen, — und der bisherige Eindruck uud der sichtliche Eifer aller Beteiligten bestärken uns darin — daß es weiter so bleiben wird. Der kommende Monat bringt die Fortsetzung aller erwähnten Kurse (siehe Programm), daneben vor allem einen Vortrag von Herrn Prof. Dr. Erich Stern, Mainz, über „Alte und junge Generation", der dann die Basis zu einer ausgiebigen Aussprache an mehreren Abenden bilden soll. E. M. 3