Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1931-10-01 · 10 (10.1931) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
6 (1931)
Issue
10 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9582242-9623188-9620980--0818-9620987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

$ct, das Gewölbe des Schädels sieht da, wie ein zweites Gewölbe des Himmels, und darum ist auch die Sonne an diesem Gewölbe, sie geht noch einmal hier ans. Es gibt Stirnen, die sind so klar, als würden sie jeden Morgen vom Bogen der Sonnenbahn klargestreist. Hier und da ist es, als höre man eine Stimme von oben: „Wo ist die Sonne am Gewölbe des Gesichtes?" ■— Und sivh: ein Gesicht stellt sich gegen den Himmel, zwei Augen leuchten, uich fcie Sonne am Himmel und die beiden Augen im Menschengesicht sind wie an einem gemeinsamen Gewölbe. Und manchmal ist es, als blieben die Augen hier und die Sonne dort oben einen Augenblick miteinander ruhig stehen: es ist der Mittag, Mittag der Einigkeit. Wo aber die Sonne ist am Tage, da ist am Abend nicht ferne der Mond. Langsam und wie zu Ende verglühend bewegt sich die Schwermut über das Menschengesicht: die Schwermut, das ist der Mond. Wenn nur die Sonne im Gesicht wäre, sie allein, das Gesicht würde die Sonne nicht ertragen, es würde niedergedrückt von der Sonne, aber da ist der Mond noch im Gesicht und die ganze Schöpfung und so tragen Sonne und Mond und die ganze Schöpfung einander selber auch im Gesicht. So also ist Sonne und Mond im Gesicht und so Tag und Nacht. Aber heller als der Tag der Erde ist der Tag des Gesichts, als ob der Tag der Erde klar geworden wäre durch den Tag des Gesichts. Und die Nacht im Gesicht, — dunkler ist sie, als die Nacht auf der Erde. Am Abend öffnen sich alle Schluchten des Gesichts, und die Nacht bricht daraus hervor. Tagsüber war sie in den Schluchten des Gesichts versteckt, — jetzt aber bricht sie hervor, stoßweise. An den dunklen Tannerk der Berge, die schon gefüllt sind mit Nacht, geht sie vorbei und überströmt die Felder. Wie ein See von Nacht wird es über den Feldern, doch immer strömt noch Nacht aus den Schluchten des Gesichts, immer noch ist alle Nacht darin. Der Himmel ist mit den Sternen schon hoch hinaus geflohen vor der steigenden Nacht. Aber endlich, endlich kommt der Mond, und alle Schluchten des Gesichts schließen sich auf einmal. Wie silbriges Moos ist es jetzt über ihnen, und der Himmel kommt mit den Sternen wieder näher der Erde und näher den Menschen. Die Erde selber, ihr Bild, ist auch in der Gestalt des Menschen. Wie ein Stück wandernder Erde ist des Menschen Gestalt: die Erde hat einen kleinen Hügel über sich hochgeworfen, das ist der Mensch. Ein kleiner Hügel wandert auf der Erde, er wandert wie im Auftrag der Erde. In manchen Gesichtern blühen die Blumen, und die Blumen der Erde, stehen vor dem Menschengesicht und schauen hinauf zu den Blumen in ihm. Die Blumen der Erde und die Blumen des Menschengesichts blühen einander entgegen. Immer gehen die Blumen auf im Menschengesicht, sie fürchten, wenn sie aufhören würden zu blühen, so würden auch die Blumen der Erde stocken und nicht mehr blühen. Manchmal geschieht es doch, daß im Menschengesicht die Blumen erstarren. Wie Eisblnmen an wintrigen Fenstern sind sie nun, — aber im Hauche des Traumes schmelzen wieder die Eisblumen des Gesichts. Die Einsamkeit des Waldes ist im Menschengesicht. Aber aus dem Dunkel der Einsamkeit leuchtet ein Helles entgegen: das Auge. Es ist, wie wenn in der Einsamkeit des Waldes ein Helles anfblitzt, ein Reh. Die Einsamkeit des Waldes hat sich für einen Augenblick geöffnet: das Reh springt aus ihr, aber schon schließt sich die Einsamkeit wieder, das Reh ist verschwunden. So leuchtet einem ein Menschenauge aus der Einsamkeit des Gesichts einen Augenblick entgegen. Aber hier und da bleibt das Auge groß und lange stehen: es will dnrch das Dunkel hindurchschauen, wo es ist. Die Ruhe aller Bäume der Erde ist im Menschengesicht. Heftiger getrauen darum die Bäume der Erde im Sturm sich zu schütteln, — denn nahe bei ihnen ist das Menschengesicht und seine Ruhe. Wenn dann, fast plötzlich, der Baum wieder ruhig steht, dann ist es, als habe die Ruhe sich wie eine Schale abgehoben vom Menschengesicht und sich hinüber ans den stürmenden Baum gelegt. Breit sitzt die Schale der Ruhe jetzt oben auf der breiten Krone des Baumes. Aber auf dem Gesicht ist die Ruhe nicht weniger, und ein Lächeln, ein Mehr, ist noch über der Ruhe. Erst am Abend, am Abend wieder hört man die Blätter dieser Bäume fallen, sie fallen in die Dämmerung des Gesichts. Die Quellen aller Ströme find im Menschengesicht. Im Winkel der Augen versanken die Quellen, — aber, wenn die Wasser wieder sich zeigen, sind es Ströme geworden: Ströme fließen breit dahin auf der Erde. Und eine Träne fällt von der Quelle im Winkel der Augen hinab zum Strom auf der Erde. Das Meer ist im Menschengesicht. In manchen Gesichtern ist so viel Meer, daß die Erde überflutet würde, wenn das Meer losgelassen würde aus dem Gesicht auf die Erde. Wie gestaut ist das Meer in einem solchen Gesicht. Wolken fahren darüber, die Sonne steigt auf an seinem Rande, aber vom höchsten Himmel senkt sie sich wieder tief in das Meer des Gesichts, — und noch tiefer wird jetzt das Meer des Gesichts, da die Sonne vom höchsten Himmel in jene Tiefe sich senkte. Die Weite der ganzen Welt ist im Menschengesicht. Sie begegnet im Menschengesicht der Weite Gottes. Es ist, als ob die Welt sich nicht getraute, allein weit zu sein, jeden Tag trifft sie die göttliche Weite im Menschcngeficht, erst dann ist sie ruhig und noch einmal so weit. Wie ein Haus auf dem Lande draußen Erde, Wasser, Himmel um sich hat, so gehört auch Erde, Wasser, Himmel zum Haus des Gesichts, und eben dadurch erscheint es weit. Die Gesichter heute sind wie Stadthäuser. Kein Himmel, keine Erde und kein Wasser ist bei ihm. Ein Haus ist am anderen, — und so ist ein Gesicht am andern, Himmel, Erde, Wasser zwischen ihnen sind vertrieben. In den Gesichtern von heute ist die Schöpfung zerstört. Gefällt sind die Bäume, eine Leere ist dort, wo einst die Bäume schattig waren im Gesicht. Draußen aber der Wald, er rauscht plötzlich auf. Wie im Traume schreckt er aus: er hat in ein Menfchengesicht hineingerauscht, — aber es war eine Leere, in die er rauschte, darum erschrack er und rauschte auf. Die Blumen, sie sind abgefallen ans den Gesichtern, wie weggcworfen, in den Boden gestampft; wie verjagt sind sie ans dem Gesicht des Menschen, — allein und langsam versuchen sie sich auf der Erde zu erheben. Nie sah ich die Sterne so zögernd dahinziehen: es ist, als ob sie versuchten, sich zu besinnen auf ihre Bahn, die sie zogen im Gesichte des Menschen. Nie sah ich sie auch so ferne, — und ans ihrer Ferne drohen sie wiederzukommen und den Menschen von neuem 31t erobern. Pflanzen l allen Bindereien Gelege Dekorationen ) beiten Staail. Loiieiie-Einnahme MAINZ Ludwigstr.9, Telefon 321S Adam Hatzmann ir.,cm. h j+fk Osleinstraile 2 MsillZ Fernruf Münsterpl. 32805 Kohlen :: Koks :: Holz :: Briketts Spezialität: Erstklassige Anthrazitkohlen (Marke Langenbrahm) Pa. Zechenkoks a. best. Ruhrzechen Reelle Bedienung Prima Qualitäten Vertretung: Frau Dr. Leopold Mayer, AlbinistraBe 11, Fernruf 34967 P. A. Stoss Nachfolger Mainz Ludwigstrasse 22/io Telefon 4107 Gummistrümpfe Bandagen Leibbinden Artikel zur Krankenpflege 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.