Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 5 (5.1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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Hochachtung. Als pflichttreuer Lehrer ist er iu seinen Gemeinden geschätzt. Leider sind seine letzten Dicnstjahre von grosser Sorge erfüllt. Dlirch den Wegzug vieler Gemeindeinitglieder ist der Bestand der Gemeinde sehr gefährdet. Selbst der regelmäßige Gottesdienst an Sabbat und Feiertagen läßt sich nur mit großer Mühe aufrecht erhalten. So teilt diese Gemeinde das Schicksal so mancher oberhessischen Gemeinde, die sich einen Beamten in Ankunft nicht mehr erlauben kann. Dem Jubilar wünschen wir an der Seite seiner wackeren Gattin eine recht gesegnete Zukunft. S. Offenbach. Einer der Höhepunkte unseres Gemeindelebens war auch in diesem Jahre das Stiftungsfest der Ehevra Kadischa am L rstr. Den Auftakt hierzu bildete die Generalversammlung der Ehevra am 28. Februar d. I. Ter Vorsitzende „Gawe", Herr N. Grünewald, begrüßte die Erschienenen und gab einer: kurzen Bericht über die Tätigkeit des Vereins im abgelanfenen Jahre. Dabei gedachte er besonders des verstorbenen langjährigen Mitgliedes, des Herrn Max Kamberg, der eine der festesten und treuesten Stützen der Ehevra war und durch seine ganze Lebensführung die religiösen Ueberliefernngen und Ideale unserer Ehevra in sich verkörperte. Diese wird ihm stets ein dankbares Gedächtnis bewahren. - Mit Genugtuung konnte der Gawe feststellen, daß die Mitglieder der Ehevra der ihnen obliegenden Pflicht des Gemiluth chesed bei allen traurigen Anlässen — deren wir im vergangenen Jahre leider verhältnismäßig viele zu verzeichnen hatten — in opferwilliger Weife nachkamen. Nach Verlesung des Protokolls und des Kassenberichtes wurde der seitherige Vorstand, die Herren Grünewald, Gumb und Hermann Kaufmann, wiedergewählt. Hierauf erfolgte die Aufnahme eines neuen Mitgliedes, des Herrn Wilhelm Löwcnberger. — Am Abend des 8. März vereinigten sich die Mitglieder der Frauen- und Männer-Ehevra in dem großen Gefellfchaftssaal des Synagogengebändes zu einem Festmahle, das durch ernste und heitere Ansprachen und Tischreden gewürzt wurde. -- Herr Gumb begrüßte im Namen des Vorstandes die fast vollzählig erschienenen Mitglieder der beiden Chevraus sowie die Ehrengäste, die Vorstandsmitglieder der Gemeinde. Er führte etwa ans: „Es freut uns ganz besonders, unter den Anwesenden zwei Jubilare begrüßen zu können, den l. Vorsteher unserer Gemeinde, Herrn Justizrat Dr. Goldschmidt, und den stellvertretenden Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, Herrn Notar Dr. Guggenheim. Diese beiden Herren haben nicht allein für die Gemeinde und das Gesamtjudentum ihre Kräfte eingesetzt, sie waren auch jederzeit Förderer der Bestrebungen unserer Gemeinschaft. Leider bat der Vorstand der Gemeinde sowie unsere Ehevra den Verlust eines verdienten Mitgliedes, des Herrn Max Kamberg, zu beklagen. Die Frauen- Chevra verlor durch das Hinscheiden der Frau Emilie Heß ein Mitglied, deren Familie immer mit dem religiösen Leben der Gemeinde verbunden war. Ich begrüße nun die neue,: Mitglieder der Franen-Ehevra, Frau Schanl, Frau Goldschmidt und Frau Löwenberger, und heiße sie in unserem Kreise herzlich willkommen. Sie haben sich bereits im Dienste unserer Ehevra betätigt und bieten die Gewähr, daß von Ihnen alle Funktionen in treuer Pflichterfüllung ausgeübt werden. Die Männer-Ehevra begrüßt als neues Mitglied Herrn Wilhelm Löwenberger, für den der Eintritt in nufere Gemeinschaft an Stelle seines Schwiegervaters Max Kamberg eine besondere Verpflichtung bedeutet. Wir freuen uns, daß -sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind trotz der schweren harten Zeit, in der wir leben. Sie sind damit der Linie unseres geschichtlichen Erlebens treu geblieben. Denn gerade in Notzeiten hat sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Einigkeit in uns Inden gestärkt. Auch die gegenwärtige Notzeit muß das Gemeinschaftsgefühl in uns noch'erhöhen. Ans diesem Grunde haben uns Bedenken wirtschaftlicher Art nicht bestimmen können, auf unsere heutige Veranstaltung zu verzichten, die das äußere Symbol der Verbundenheit unter uns Mitgliedern der Ehevra Kadischa und der jüdischen Gemeinschaft ist." — Auch Herr Grünewald dankt nochmals den beiden genannten Jnbilaren; ganz besonders aber richtet er herzliche Worte des Dankes und der Anerkennung an die Jubilarin der Franen-Ehevra, Frau Englcnder, eines der tätigsten und pflichteifrigsten Mitglieder der Bereinigung. — Bis nach Mitternacht blieben die Teilnehmer beisammen, umfangen von einer gehobenen, feierlichen und doch heiteren Stimmung, die für einige Stunde:: die PW *'P da draußen, die Stimmen des Lärmes, der Gewalt und des Hasses vergessen ließ. Offenbach. Am Ist. Mai d. I. kann Herr Kantor und Lehrer M. Gottlieb sein stöjähriges Dienstjnbilänm in der Gemeinde Offenbach a. M. feiern. Worms. In dem benachbarten H e r r n s h e i m wurde der jüdische Friedhof geschändet. Der Polizeibericht meldet hierüber: „In einer der letzten Nächte wurden auf dein jüdischen Friedhof in Herrnsheim etwa 10 Grabsteine nmgeworfen und beschädigt. Die Ermittlungen wurden durch die Gendarmerie und durch Beamte der Landeskriminalpolizcistelle -Worms ausgenommen." — Nach unseren Ermittlungen darf als ziemlich sicher angenommen werden, daß als Täter ein sinnlos Betrunkener in Betracht kommt. Ein Beweggrund politischer Art läge demnachnicht vor, vielmehr dürfte hier der Nachahmungstrieb durch die leider mehr denn hundert vorgekoinnlenen verbrecherischen Fricdhofsfchändnngen geweckt uni) zur Tat veranlaßt worden fein. — In H errnshei m wohnen jetzt noch zwei jüdische Familien, in dem nahegelegenen A b e n h e i in , das diesen Friedhof mich benutzt, wohnt nur noch eine Familie. Vereine und Verbände. Die diesjährige Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden, die am Sonntag, den 10. April, unter dem Vorsitz von Tr. James Simon im'Hotel „Kaiserhof" zu Berlin stattfand, nahm als 80. Jahresversammlung des Vereins einen imposanten Verlauf. Unter den Anwesenden bemerkte inan neben den zahlreich erschienenen Mitgliederii des Vereins ans Berlin, Breslau, Frankflut a. M., Hamburg, Königsberg, Leipzig, Nürnberg, Potsdain, swinemünde, Stettin, Wiesbaden und'anderen Städten eine Reihe führender Persönlichkeiteil des deutschen Judentums. Tie Jewifh Eolonization Association hatte ihren Geileraldirektor Louis Onngre zur Versammlung entsandt. Das Auswärtige Amt war dlirch die Legationsrätc Dr. T. Böhine nild Prof. Tr. M. Sobcrnheim vertreteil. Jli den auf der Tagung gehaltenen Referateil wurde ein anschauliches Bild des 80jährigcn Wirkens des Hilfsvereiils cntrolll, wobei bemerkenswerte Schlaglichter auf die Politischen Verhältnisse und die Lage der jüdischen Bevölkerung in den ostprenßifcheii Ländern, insbesondere in Rußland, Polen, Litauen und Rnmänicn fielen. Die inilige Zusammenarbeit des Hilfsvereins mit anderen großen jüdischen Organisationen, insbesondere mit der Jewifh Eolonization Associatioil ans dem Gebiete der Answandererhilfe, kam vor allem in den Aussprachen Dr. James Siiiloils lind Tr. Mark Wifchnitzers zniil Ausdruck. Bücherschau. Leo Baeck: Geist und Blut. Philo-Verlag Berlin, 1081. Brosch. RM. 0,60. ' Sonderdruck ist der Bortrag Baecks über „Geist nild Bliit" erschienen. Mit seiner bekannten Scharfsichtigkeit uiid geistvollen Darstellungskraft zeigt Baeck die Polaritätsspannungerl auf, die zwischen Geist nild Blut die Artung schöpferischeil Werdens nild Schaffens bestimmen. Geist ist als Gegensatz zum Blut die „Fähigkeit der Distailz", der Selbstentfernnng voll der Gattung, dem Blut. Geist ist der Bedentnngsgeber und Sinnträger des Blutes. Die Spannung zwischen Geist lind Blut wird zniil bindendeil Schicksal für den Menschen, der beide in sich ständig als bedingende polare Kraftzentren tragen iilnß. Geistlosigkeit, ineint Baeck, führt zur Entzweiung oder zur Verflachung. Denn reiner Blutshörigkeit fehlt oie freie Neberfchau. Erst der Geist gibt dem Leben die Einheit, die zum wahren Seiil notwendig ist. Durch Baeck erhält also der Geist eine primäre Position. Uns scheint zumindest eine Willküraxiomatik vorznliegen, erklärlich ans dem weltanschaulichen Konzeptionskreis des Verfassers. Wir wolleil nur zu bedcnkeil geben, daß mit derselben weltanschaulichen Berechtigung wie Baeck ein Mensch im Blut den Sinnträger des Geistes crblickeil darf, um dem Leben Einheit gli geben, und bezweckeil mit dieser Bemerkung nicht mehr als diese Feststellung: Wahre Ehrfurcht vor dem Leben und seiner Einheit verbietet felbstgewifse Systeme, verlangt vielmehr beu An- Gtz' die Berücksichtigung der Systemfeindlichkeit des Lebens als wirklichkeitsichernden Vorbehalt. Tr. Rene Hartogs. Souvenir et Science. Revue d'üistorie et de littöratnre jliives 1080. Das erste Heft dieser Zeitschrift bringt einen nnveröffentlichlcn Aufsatz von Georges Delahache über die elsäfsifchen Inden und ihre Treue zu Frankreich. Delahache behandelt insbesondere die Fllrcht unb die Flucht der elsäfsifchen Inden vor der preußischen Uniform der Jahre 1871 / /2. Der zweite Aufsatz ist eine archivalische Arbeit und enthält ein ausführliches Verzeichnis der Unterrhein- Kohle«, Koks, Briketts, Holz Erstklassige Qualität Reelles Gewicht El t im Abonnement bei I täglicher Lieferung Aug. Donzelmann, Telephon 34035 Vertreter: Frau OTTO LEVY, Gärtnergasse I 9