Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 4 (4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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großen Sälen des Zentrums auch in den Bezirken Groß-Berlins interkonfessionelle Vortragsabende zu organisieren. Die erste Veranstaltung dieser Art fand jüngst in der Aula des Lessing-Gymnasiums für den Bezirk Wedding 'statt. Der Saal war von einem Publikum überfüllt, das sich einerseits aus der führenden Intelligenz dieses Stadtteils, andererseits aus Arbeiterkreisen zusammensetzte. Auch die Jugend war stark vertreten; in ihren Reihen sah man viele Mitglieder des Stahlhelms und der NSPD. Dennoch verlief der Abend ohne die geringste Störung. Die feierliche Atmosphäre, die dank des geeinten Hervortretens der drei Bekenntnisse im Saale herrschte, die Sammlung, mit der man den Rednern lauschte, schien respektlose Opposition völlig auszuschließen. Prof. Dr. W i u ck l e r , der im Namen der ArbeitsgeMeiiischast die Kuichgebuug eröffnete, wandte sich mit eindrucksvollen Worten gegen die heute herrschenden Ströinungen. Angesichts der Vergötzung der diesseitigen Werte und des latenten Bruderkrieges müssen sich alle Menschen guten Willens um den lebendigen Gott scharen und in Lessingschem Geist für harmonische, gemeinsame Arbeit der Konfessionen an dem wahren Fortschritt wirkeil. Die Referenten des Abends waren drei.im Bezirk arlsässige, allgemein bekannte Geistliche. Als erster sprach der Vertreter der Mutterreligion, Rabbiner Dr. Siegfried Alexander. Er ging voll dem alten jüdischen Haussegen aus: „Wo Liebe, da ist Friede" und wies nach, daß alle Nöte unserer Zeit nur aus Lieblosigkeit entsprungen sind, die die Friedlosigkeit erzeugt hat. Diesem Zustande stellte er die große Friedenslehre Mosis gegenüber, die sich auf das Gebot gründet, den Menschkindern in jeder Form Liebe zli erweisen. Pfarrer G. B o u r q u i n , der für die evangelische Kirche sprach, erinnerte daran, wie kategorisch die deutsche Philosophie den Krieg verwirft. „Der Krieg zerstört alles Gute" — sagt Kant- - „Wenn die Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Sinn mehr, auf der Erde zu leben." Wie aber steht die Religion zu dein Problem? Daß auch das Evangelium sich in unzweideutiger Weise gegen alle Gewalt wendet, kann iiicht bezweifelt werden. Auch die Urchristen erklärten: „Wir leisten feinen Kriegsdienst, wir dienen liur Gott." Erst die spätere Entwicklung brachte es mit sich, daß Christen aus staatlichen uild natiorialen Rücksichteil das höchste Gut verletzteil. Wer aber im Namen der Religion für den Frieden eintritt, darf nicht vaterlandslos gescholten werden. Auf einer Linie köniien alle sich einigen. Kornmt ein neuer Krieg, so wird jeder liach seinein Gewissen handeln. Solange aber Friede herrscht, sollten Alle dafür wirken, daß er ilicht inehr gebrochen werde. Die Jugend will Kampf. Sie wähle den Kampf höherer Art: „Mit Gott für den Frieden!" Der katholische Pfarrer Max F a b i ch wies auf das Eintreten der Päpste Benedikt XV. und Pius XI. für den Frieden Hill uild legte danii durch koukrete geschichtliche Beispiele dar, welche kriegsüberwindende, versöhnellde Macht die Religion ausüben kann. „Auch die gegenwärtige Prüfung" — so schloß Fabich — nehmen wir religiösen Friedensfreunde keineswegs pessimistisch hin. Wir wollen sie abwenden, nicht mit Gewalt, auch nicht bloß mit Worten, sonderil mit liebevollen Taten." Zu dem Erfolg des Abends trug das vorzügliche Spiel des H i r s e l a n d - T r i o und der Vortrag von Arbeiter-Friedensgedichten durch Maria Meißle der bei. Zum Schlüsse rief Euratus H i n z in feurigen Worten die Anwesenden auf, die vernommenen Gedanken in den weitesten Kreisen zu verbreiten. Das tief ergriffene Publikum umdrängte die Redner unb besprach mit ihnen die praktischeil Wege für die Fortsetzung der religiösen Friedensarbeit. Vereine und Verbände. Das Präsidium des Eentraivereins deutscher Staatsbürger jüdischerl Glaubens hat aus Anlaß der jüngsten judenfeindlicheu Exzesse die politische Lage ilnd ihre Auslvirkuiigeu ailf die Situation des deutschen Judentuins in einer besonderen Sitzung erörtert. Es gibt der Hoffnung Ausdrilck, daß Bluttateii wie die in Hamburg und Pr. Holland Einzelerscheinungen bleibeil werden, wenn der Staat seine Machtmittel mit aller Energie einsetzt. Attentate, Ueberfälle, Friedhofsschänduugen, Beschimpuugeu ungeheuerlichster Art gegeil Juden und Judentum sind die Folge»! einer von liationalsozialistisch-antisemitischer Seite systeinatisch betriebenen Presse- und Versammln!,gstätigteit, die mit politischer Propaganda nichts inehr zu tun hat. Es gilt jetzt, die große Oeffentlichkeit auf die Ergebnisse dieser niaßloseu Hetze in besonders eindringlicher Form hiuzuweiseii ruid sie aufzurütteln. Schritte bei ben Zentralbehörden im Reich uild in den Ländern, Wachrüttelung der Oeffeiitlichkeit durch eine Reihe von Kundgebungen, Einleituiig einer die iueiteften Kreise erfassenden Ausklärungsattion über die schamloseil Uebergriffe und Robeiteil der Judenhetze siild zunächst in Aussicht genonimeii. Am Mittwoch, den 25. Februar d. I. hielt die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. V. ihre Hauptversanirnluilg ab, die sich eines sehr zahlreichen Besuches von hiesigen llnd auswärtigen Mitgliederii, sowie voll Vertretern der angesehensten Organisationen zu erfreueil hatte. — Der Vorsitzende, Professor Dr. M. S o b e r u h e i in , erstattete ben Geschäftsbericht. — Der Kassenverwaltuug wurde Entlastuug erteilt. — Ter Ausschuß wurde wiedergewählt; für ausgeschiedene Mitglieder fanden Ersatzwahlen statt. -- Es wurden die Herren Professor Tr. Samuel K r a u ß , Wiell uild Dozent Dr. Harry T o r e z y n c r , Berliii, zilgewählt. 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