Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 6 (1931)
- Issue
- 1 (1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite 1] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9582242-9623188-9620847--0679-9620848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BaNiiiiep-Seminar zu Berlin, -crr^rr-rrr< 6. Jahrs., Illr.1 f? Januar J93J des LanDesverdsnDes Der istselitischm llleligionsgemeinDkn Wens r- . —JESC " i Kieses Blatt erscheint monatlich und geht den Mit»!I! Luschristen: Dainr, tzindenburgstrahe sllr. 44 gliedern unentgeltlich >u. * Erscheinungsort fltaini. III Schriftleitung: klabbiner Dr. I. ftni, ßllainz {- , LL.-- - -1 Helft den Arbeitslosen! Die Arbeitslosigkeit ist eine wirtschaftliche Krankheitserscheinung unserer Zeit. Diesseits und jenseits des Atlantischen Ozeans zählt man viele Millionen von Menschen, welche Arbeit suchen aber nicht finden. Menschen, welche, ohne zu arbeiten, ihre Tage verbringen, gab es zu anderen Zeiten auch: z. B. in Indien, in China, bei primitiven Naturvölkern. Diese fristeten aber ihr Dasein als fromme Bettler, als Asketen oder vom Ertrag einer willig darbietenden Natur. In unserem Himmelsstrich und unter unserer Kulturausfassung ist ein solches unerarbeitetes Dasein unmöglich. Wer nicht arbeitet, den fällt die äußere Not an. Und diese äußere Not ist in den Ländern der Arbeitslosigkeit bereits so groß geworden, daß alle Organisationen privater, städtischer und staatlicher Hilfe sie nicht mehr meistern können. Die fortschreitende Zivilisation der neuen Zeit ist zur verzehrenden Bestie geworden. Die rationelle Produktionswirtschaft, die Maschine, wirft die Menschen aus ihren Arbeitsstellen, die maschinellen Pserdekräfte erdrosseln die Menschenkraft. Zwar lassen sich auch noch andere Gründe für diese Krisis im Wirtschaftsleben finden; aber alle gewissenhaften und wohlwollenden Untersuchungen nach den Gründen können diese wirtschaftliche Revolution, in der wir Heutigen stehen, und deren weitere Entwicklung nicht abzusehen ist, nicht ungeschehen machen. Viele Jahre internationaler Arbeit werden erforderlich fein, um die fürchterlichen Erschütterungen des Wirtschaftslebens zur Ruhe zu bringen. Nicht arbeiten ist aber auch eine innere Not, eine Tragödie. Wenn von der Zahl der Arbeitslosen gesprochen wird, dann denken die meisten Menschen nur an die Ziffern, in welchen die Zahl sich ausdrückt. Jeder Arbeitslose ist aber ein Mensch mit eigenem, innerem, geistigem Leben. Jeder einzelne von diesen Millionen erlebt ein zermürbendes Schicksal. Der junge Mensch, kaum ausgebildet für einen Beruf, wird ausgefchaltet, muß zähneknirschend draußen stehen und zusehen. Die junge Kraft ist ungenützt, erlahmt; der junge Sinn wird düster, verbittert; der junge Wille wird krank, zerfressen vom Laster, irregeleitet von falschem Drang. Der reife Mensch, der Familienvater, ausgeschiedcn von der Arbeitsstätte, die er viele Jahre am Schreibpult, hinter der Theke, am Werkzeug innehatte, beginnt an sich selber und an dem Zweck seines Daseins zu zweifeln, schämt sich dann vor Weib und Kindern wegen seines Müßigganges, wenn dieser auch ungewollt ist; ein trennendes Gefühlt tut sich auf zwischen den Blutnächsten. Die kleinsten und selbstverständlichsten Seelenfreuden verkümmern. Das Familienleben stirbt. Alle Kreise durchleben diese Tragödie. Wir Juden durchleben sie mit besonderer Härte, weil die Juden in überwiegender Zahl dem der Vernichtung zuschreitenden Mittelstände angehörten und ihr schönstes Glück im Familienglück erblickten. Das Familienleben war uns Juden von Alters her eine heilige und oft sogar beneidete Tradition. Die Familie war dem Juden immer Zuflucht und mußte oft Beruhigung und Ausgleich für manche Enttäuschung und Zurücksetzung im Leben draußen sein. Diese Glücksqnelle ist gefährdet. Von allen Sachkundigen ist längst erkannt, daß die dauernde Mehrung der Jugendfürsorgefälle, die Steigerung der Straffälle und die Zunahme der zerrütteten Ehen Folgen der Arbeitslosigkeit find. Diese Gefahr müssen wir erkennen: die Lebensquelle des Juden, sein Familienleben, muß mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft erhalten werden. Wir müssen und wir wollen, soweit wir es können, den Arbeitslosen helfen. Die Familienangehörigen sollen dem arbeitslosen Familienmitglied die Schwere,' die auf ihm liegt, zu erleichtern suchen und ihm nicht Schuld beimeffen, wo ein übermächtiges Zeitgeschick traf. Die Arbeitslosen selber sollen Vertrauen zur Hilfsbereitschaft ihrer Glaubensgemeinschaft haben können. Aber mitempfindendes Verständnis, so wertvoll dies ist, soll nicht die einzige Hilfe sein! In allen Gemeinden, in der Stadt wie auf dem Land, müssen vermittelnde Hilfsstellen organisiert werden; Männer und Frauen sollen es sich zur Aufgabe machen, Betätigung, wenn auch vorübergehender Art, den Arbeitslosen nachzuweisen. Wer einem einzigen Menschen Arbeit gibt, meistert eine Tragödie. Dr. L.