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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-11-01 · 11 (11.1930) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
11 (11.1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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von dem Zeitmangel deutlicher gesagt. Auch in unseren Mittelschulen lernt man Fremdsprachen nicht mit zwei Wochenstunden. So bleibt uns die Aufgabe, mit sehr beschränkten Mitteln und eingeengt in jeder Hinsicht möglichst viel zu erreichen. Den Gipfel können wir nicht erreichen, ehe nicht andere Voraussetzungen geschaffen sind. Die Schaffung anderer Voraussetzungen greift aus dem rein Pädagogischen hinüber ins Jüdisch-politische. In dieser Hinsicht wollen wir uns nicht die Augen verschließen. Für politische Entscheidungen sind wir hier nicht zuständig. Wir müssen uns nur darüber klar sein: wir können auf politische Entscheidungen nicht warten und inzwischen die Hände in den Schoß legen. Wir handeln zunächst auf Grund der heutigen Sachlage. Mit Wechseln auf die Zukunft können wir uns nicht abgeben. Wir können uns nur Hilfsmittel schaffen, die jetzt und in Zukunft gute Dienste leisten. Und ein solches Hilfsmittel ist das Schreiben. Und damit wären wir nun zu unserem kranken Kinde gekommen, mit dem wir uns in der Hauptsache beschäftigen müssen. Sprechen, Lesen, Schreiben — die Reihenfolge bedeutet keine Rangfolge — das ergibt einen vollgewichtlgen Dreiklang. Wenn aber das Schreiben fehlt, so gibt es nicht etwa einen Zweiklang, sondern einen Mißklang. Und dies nicht deshalb, weil vielleicht zwei Töne noch nicht selbständig und stark genug wären, sondern weil in unserem speziellen Fall, weil unter unseren speziellen Verhältnissen, die zwei Töne Lesen und Sprechen nicht „stark" und „rein" genug sind. Das brauche ich jetzt im einzelnen nicht mehr auszuführen. Zwar behaupte ich, daß das Schreiben in einein hebraisierten Religionsunterricht sehr wohl am Platze ist und zu seinem Rechte kommen wird, aber erst recht ist es heute nötig. Um ein Bild zu wiederholen — den Gipfel zu erreichen bleibt uns nach wie vor versagt, aber wir wollen wenigsten so hoch als möglich steigen. Und das Schreiben bietet uns eben so ungeheuer viele Möglichkeiten der Intensivierung des Religionsunterrichts, daß wir — besonders zu unserer Zeit und Lage — nichts besseres tun können als dieses Mittel immer und immer verwenden. Das wie soll nun gezeigt werden! Da beschäftigt uns zuerst die Frage: verwenden wir die Druckschrift oder die Schreibschrift? Es füllt uns gar nicht ein, hieraus ein „Problem" zu machen. Wir lernen ja lesen mit Hilfe des Schreibens. Wir beschränken uns beim Lesenlernen nicht auf Auge, Ohr und Mund, sondern nehmen die Hand noch dazu. Wir müssen aber zunächst die Druckschrift lesen lernen. Folglich schreiben wir auch zunächst die Druckschrift. Wer reichlich Zeit zur Verfügung hat, wessen Kinder aus traditionellem jüdischem Milreu kommen, der wird auch öald die Schreibschrift pflegen und fern Unterricht wird zweifellos eine weitere Vertiefung erfahren. In anderen Fällen wird man erst spät oder gar nicht zur Schreibschrift kommen. In der zeitlichen Reihenfolge und — unterrichtstechnisch gesprochen — in der Rangordnung, steht die Druckschrift obenan. Aber ich hoffe, daß bald in allen jüdischen Schulen und in jedem jüdischen Religionsunterricht Deutschlands Druckschrift und Schreibschrift gepflegt werden. Und ich setze den Wunsch hinzu, der meinerseits ein langjähriger ist, wir mögen bald zu einer Einheitsschrift für die ganze Judenheit kommen. Was schreiben und erschreiben wir uns nun mit unserer Schreibkenntnis? Und hier muß ich der Ordnung und Deutlichkeit halber beginnen zu numerieren und kurz aufzuzählen und ebenso kurz zu begründen: 1. Zuerst, ich muß es hier noch einmal ausdrücklich sagen, erschreiben wir uns das Lesen. Schon in der ersten Stunde erscheinen die Kinder mit Schreibzeug und einem quadrierten Heft und, kurz gesagt, alle Buchstaben werden nicht erlesen, sondern erschrieben. Wobei schreiben selbstverständlich faktisch Schreiblesen bedeutet. Die Einzelheiten der Schrifterlernung, wie wir sie üben, habe ich in dem erwähnten Artikel dargestellt, und ich kann mich hier auf den Hinweis beschränken. 2. Wie bekannt, ist aber die hebräische Schrift nicht eine Zeichen-, sondern eine Bilderschrift. Es bedeutet Alef: die Figur eines Rindes, Beth: ein Haus, Gimmel: ein Kamel, Daleth: eine Türe usf. Wir lernen nun zweierlei, zuerst den Namen des Buchstaben, also beispielsweise Resch, und fernen Klang, seinen Lesewert: r. Entsprechend den 22 Buchstabengrundformen (denn die Schlußbuchstaben und Sekundformen scheiderr hier aus) lernen wir also schon bei der Aneignung der Buchstaben 22 Wörter „übersetzen". Sofort mit dem Schreibunterricht beginnt also der Uebersetzungsunterricht und das Vertrautwerderr mit dem Klang der hebräischen Sprache. 3. Aber das Hebräische ist den meisten Kirrdern noch zu frenrd. Der Kostwechsel — vom Deutschen ins Hebräische, darf nicht zrr schroff, zu unvermittelt einsetzen, wir brauchen eine Zwischenstufe, einen Uebergang. Ein siebenjähriges Kind, kann unter unseren Umständen die gleichzeitige Aneignung der hebräischen Sprache und der Schrift nicht mühelos vornehmen. Wir sind aber darauf angewiesen, dem Kinde schnelOdas Lesen beizubringen. Nun aber Wörter zu lesen, die dem Kinde sinnlos sind, wäre falsch. So schreiben wir also deutsche Wörter in hebräischer Druckschrift, vornehmlich Namen aller Art, von Personen, Städten, Flüssen, Ländern. 4. Und nun gehen wir wieder einen Schritt weiter: wir schreiben hebräische Namen, von Personen vornehmlich. Bei dieser Gelegenheit machen wir unsere ersten Schrirte in das Gebiet der jüdischen Geschichte. Z. B. wir schreiben den Namen Simson (Schimschon) Da erzähle ich eben von Simson. Und ich möchte die Gelegenheit benützen zu bemerken: man soll ja nicht glauben, das Kind würde verwirrt, wenn sein Geschichtsunterricht nicht bei Adam und Eva beginnt. Im Gegenteil, diese Geschichten müßten die Primaner erstmalig lernen. Wir schreiben Midjon und ich erzähle von Midjan. Die Kinder merken natürlich den Klangunterschied und fragen, waruni heißt es denn einmal Midjon und einmal Midjan. Das gibt uns Gelegenheit, in ganz zwangloser Art von den hebräischen Dialekten zu sprechen, von der Zerstreuung der Juden, ihrer politischen und ethnischen Lage. Hier nun bin ich der umgekehrten Meinung. Von der allgemeinen jüdischen Situation müssen schon di» A-B-C-Schützen hören, und sie sind Wohl imstande, diese Dinge zu verstehen. 5. Wir ersteigen eine weitere Stufe. Wir schreiben die Monatsnamen. Noch immer muß das Kind wenig „übersetzen", es hat leicht zu merken und gewöhnt sich an das Hebräische. Von den Monatsnamen kommen wir auf die Feste. Hier müssen wir schon übersetzen, aber es ist leichte Uebersetzung, es ist Anknüpfung an bekannte Namen und Begriffe. Jeder mag ermessen, wie viel an Religionslehre bei solchen Gelegenheiten ernfließt. Wie überhaupt nach meiner Meinung, die einzelnen Lehrfächer des Religionsunterrichts sehr oft ineinanderfließen. Selbstverständlich darf aus dem Ineinander kein Durcheinander, kein Tohuwabohu werden. 6. Und nun, nachdem wir bereits gut schreiben und lesen können und — ich kann es wirklich nicht anders als allgemein ausdrücken — und nun, nachdem wir schon mancherlei wissen, schlagen wir die Fibel auf, lesen und machen uns mit dem Inhalt vertraut, auch sprachlich. Von nun ab wird in der Stunde, im Unterricht selbst wenig geschrieben und zur Stütze unserer ganzen unterrichtlichen Tätigkeit tritt in den Vordergrund 7. die schriftliche Hausaufgabe. Ich möchte ganz deutlich sein: schon aus der allerersten Stunde nehmen die Schüler eine schriftliche Aufgabe mit nach Hause. Das geschieht manchmal höchst einfach so: der Lehrer trägt die gelernten Buchstaben oder Wörtchen (man kann nämlich in der ersten Stunde schon kleine Wörtchen wie ja, da du, lernen) in das Schülerheft ein,. rechts auf der Seite den Buchstaben hebräisch, links deutsch, den Zwischenraum füllt der Schüler zu Hause aus. Das Schreiben an und für sich eine mechanische Tätigkeit, hat zu diesem Zeitpunkt noch Reiz für den Schüler, das nützen wir aus, der architektonische Charakter der hebräischen Druckschrift hift uns dabei, und nach einigen Wochen ist die unvermeidliche mechanische Arbeit des Schreibens überwunden, weil beherrscht. 8. Dann machen wir uns einmal eine vergnügte Stunde und schreiben — nennen wirs einmal Scherzschrift. Hierzu benützt man am besten auch deutsche Namen, vielleicht die Namen der anwesenden Schüler. Wie macht man das: man schreibt Schomajim und zieht den regten Arm des Schin zu einem Himmelsbogen aus, man schreibt Gaul und macht mit eingeknickten müden Buchstaben einen müden Gaul, man schreibt das Wort Gag: Dach mit zwei langgezogenen Gimmelbuchstaben in Dachform aneinandergelehnt. Also: der Fantasie sind ziemlich weite Grenzen gezogen. Der Unterricht erfährt eine Belebung, das Können erfährt eine Vertiefung, spielerisch, aber durchaus produktiv lernen die Kinder mit der Schrift umgehen und werden mit ihr gut Freund. Nach diesem Ausflug ins Gebiet der Scherzschrift kehren wir zu unserem Punkt 7, zur Frage der schriftlichen Hausaufgabe zurück. Ich betone schriftliche Hausaufgabe. Sie ist für der». Religionsunterricht doppelt wichtig. Denn, machen wir uns nichts vor, der Religionsunterricht ist immer noch das Stiefkind der Schule. Mehr noch, er ist das Stiefkind der jüdischen Eltern. (Die Gründe hierfür sind allzu bekannt.) Zu Hause kommt immer erst die Vorbereitungsarbeit für den profanen Unterricht, zuletzt die Arbeit für die Religionsschule. Verläßt man sich auf die mündliche Vorbereitung, sagt man den Schülern, dieses oder jenes Gebet soll zu Hause präpariert werden, so — ist man verlassen. Vor allen Dingen, die schriftliche Vorbereitung ist kontrollierbar, die mündliche nicht. Das müßte kein Schüler sein, der diese Situation nicht ausnützte. Deshalb ist bei uns die Hausaufgabe so wichtig, sie ist das „Salz des Bundes", sie führt den Schüler dauernd und bindet ihn an den Arbeitskreis des Religionsunterrichtes. Was^wird nun als Hausaufgabe geschrieben? Zuerst die Buchstaben, dann deutsche Namen, dann einzelne Fibelseiten, einzelne Lobsprüche, deren Texte wir uns so einprägen, wir schreiben Vo- 5

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