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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
5 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wählt am 14. S e p t ember! Zu den Ncichstagswahlen. Die außenpolitische Vereinsamung, in der sich unser deutsches Reich seit dem Ende des Krieges befindet, dazu der schwere wirtschaftliche Druck, der aus der gesamten deutschen Bevölkerung liegt, hat bei uns in Deutschland eine verbitterte Gereiztheit und eine tiefe Unzufriedenheit gezeitigt. Die Geringschätzung, ja Mißachtung, mit der die anderen Völker uns begegneten, hat bei weiten Kreisen unseres Volkes gleichsam als Reaktion zu einer Ueberbetonung des rassischen und völkischen Eigenwertes geführt, den man zwar durch eine mehr oder minder zuverlässige wissenschaftliche Forschung zu begründen sucht, der aber bei der großen Masse dieser „Völkischen" nur aus schwärmerischen Gefühlen beruht. Jedenfalls aber wurde durch die geschichtlichen Ereignisse der letzten zwölf Jahre in Deutschland ein geradezu klassischer Nährboden für rassisch-völkische Ueberheblichkeit geschaffen, die sich gegen alles „Fremde" verächtlich und feindlich zeigt. Träger dieser Einstellung sind vor allem die Nationalsozialisten, die im Juden das „Fremde" und darum das Bekämpfenswerte erblicken und die jeden Menschen, der sich ihren Gedankengängen nicht anschließt, auch wenn er nicht jüdisch ist, zur „minderwertigen Judensippe" mitrechnen. Eine ausgedehnte Literatur, Bücher, Zeitschriften, Zeitungen und Hetzartikel, wird in Massen unter die Bevölkerung geworfen; mit rücksichtslosen Schlagworten wird zunächst die Aufmerksamkeit erregt, durch formierte und uniformierte Aufmärsche wird ein Schneid vorgeführt, Musik und Fahnen tragen zur Auspeitschung und zum Volksrausch bei, die Jugend wird gepackt, Aeltere, die gern die Mitbaumeister an einer glücklicheren Zukunft sein möchten, werden gewonnen: Frauen und Männer fühlen sich innerlich zu dieser „starken" Bewegung hingezogen, die nationalsozialistische Partei oder die NSDAP, (das soll die nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei sein) hat in diesen letzten Jahren einen zahlenmäßigen Aufschwung genommen, wie man ihn nie für möglich gehalten hätte. An diesem Aufschwung ist allerdings die Masse des deutschen Volkes und sind zahlreiche politische Parteien, die an sich derartigen Schwärmereien abhold sind, zum guten Teil mit Schuld. Man glaubte zu lange, daß dieser Nationalsozialismus sich lediglich gegen die Juden und ihre Gleichberechtigung im Staate richte, man ließ diese „Schwärmerei" sich austoben und sah und glaubte nicht, daß der Nationalsozialismus im letzten Ziele an den friedlichen Zuständen des Volkes, an Verfassung und Negierung rütteln werde und daß der Jude nur ein wirksames Zweckmittel, einen billigen Lockruf bedeutet. Heute — sehr spät! — erkennen diese Parteien, daß nicht nur den Juden ihre „Minderwertigkeit" von den Nationalsozialisten bewiesen und ihre Gleichberechtigung genommen werden soll, sondern daß alles Bestehende in Religion, in Wirtschaftsordnung und Staatsverfassung gestürzt und daß über Revolution und Krieg ein neues, das dritte Reich, ausgerichtet werden soll. Noch heute schweigen verschiedene Parteigruppen, die dem rechten Flügel angehören, zu diesem Treiben der Nationalsozialisten oder dulden und fördern diese schädliche Verhetzung. Auch auf dem rechten Flügel der deutschnationalen Volkspartei finden sich zahlreiche Politiker, welche die Jdeengänge und Ziele der NSDAP, gern verwirklicht sehen möchten. Aber auch Parteien links von der deutschnationalen Volkspartei machen sich bei verschiedenen Gelegenheiten zu Helfershelfern des Nationalsozialismus. Die Verwirklichung dieser Ziele brächte aber nicht nur eine weitgehende Entrechtung der deutschen Juden mit sich, der innere und äußere Friede, Rechtsordnung, bürgerliche Freiheit und Gleichstellung kämen in Gefahr. Wer in solcher Zeit und angesichts solcher Ausblicke gleichgültig bei Seite steht, macht sich mitschuldig. Von der absoluten und relativen Zahl der judengegnerischen Abgeordneten, welche in den Reichstag einziehen, wird die Gestaltung der kommenden Politik in Deutschland und die Gestaltung der Judenlage abhängig sein; deshalb ist es Pflicht jedes Juden, und jeder Jüdin, die das Wahlrecht haben, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Jede Stimme, die einem verfassungstreuen Kandidaten zuteil wird, ist ein Beitrag und eine Mithilfe zur Erhaltung von Friede, Freiheit und Recht. Innerhalb dieses Rahmens bleibt jedem jüdischen Wähler die freie Entschließung für eine Partei, der er gestnnungsgemäß verbunden ist, überlassen. Aber kein Jude und keine Jüdin dürfte am 14. September an der Wahlurne fehlen. Dr. L. Mahnruf an die jüdische Jugend zum 14. September 1930. Seit dem Jahre 1919 haben die Männer und Frauen des deutschen Volkes vor keiner so folgenschweren politischen Entscheidung gestanden, wie sie die Reichstagswahl vom 14. September voll jedem Einzelnen fordert. Diese Wahl entscheidet nicht nur über etwas weiter rechts oder etwas links in der deutschen Politik. Sie entscheidet nicht nur darüber, welche Volksschichten stärkere oder geringere finanzielle Lasten aufgebürdet, welche Wirtschaftsformen begünstigt und welche gehemmt, welche außenpolitischen Vereinbarungen abgeschloßen und welche abgelehnt, welche Einrichtungen von Heer und flotte ausgebaut und welche vermindert werden sollen. Diese Wahl entscheidet nicht über Einzelheiten, sondern über das Ganze: Soll in Deutschland einer kleinen, aber desto energischeren Schicht die Herrschaft über das ganze Volk ausgeliefert werden, oder sollen alle Schichten, Klassen, Gesinnungs- und Wirtschaftskreise, Bekenntnisse und Berufe, sollen alle Menschen, welcher dieser Gruppierungen sie auch entstammen, gleichmäßigen Anteil an der Bestimmung ihres Gemeinschicksals haben? Soll in Deutschland Gewalt und Macht maßgebend sein in den Beziehungen der Bürger untereinander und in den Beziehungen des ganzen Volkes zum Ausland, oder sollen Recht und Frieden den Ausgleich von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk bringen? Soll in Deutschland Geistes- und Gewissensfreiheit herrschen, oder Unterdrückung aller weltanschaulichen, religiösen und kulturellen Mannigfaltigkeit und ihrer Träger? Von beiden Seiten, die um Verwirklichung ihres Wollens kämpfen, wird diesesmal die Jugend ganz besonders aufgerufen. Denn Jugend, das bedeutet: ganze Entscheidung. Der jüdischen Jugend Deutschlands fällt diese Entscheidung nicht schwer. Sie weiß: Je stärker zur Gewalt aufgerufen wird, desto aktiver muß sie sich für den inneren und äußeren Frieden einsetzen. Je lauter die Macht gepriesen wird, desto energischer muß sie die Reihen derer stärken, die das Recht schützen. Je stärker die Unterdrückung des Geistes auftreten will, desto tatkräftiger muß sie für den Schutz der Gesinnung und Freiheit auftreten. Die jüdische Jugend Deutschlands weiß in besonderem Maße, daß Friede, Recht und Freiheit keine abstrakten Begriffe sind, sondern daß ihr Fehlen für sie wie für das ganze deutsche Volk, ftir sie aber in ungewöhnlicher Stärke, ganz reale Folgerungen herbeiführt. Die Nationalsozialisten haben sich zum Ziel gesetzt, die entscheidenden Positionen des Staates zu erobern, um in ihnen nicht dem ganzen Volk zu dienen, sondern sie ihrem egoistischen Machttrieb nutzbar zu machen. Ihr offenes Ziel ist, alle Andersdenkenden von jeder Entscheidung über Politik und Wirtschaft, Erziehung und Recht, Gesetzgebung und Verwaltung auszuschließen und sie ihren Entscheidungen zu unterwerfen. Wir deutschen Juden erinnern uns besonders deutlich, was es bedeutet, einseitig Objekt und nicht zugleich Subjekt des Staates zu sein. t Die Nationalsozialisten erklären offen, daß ihr Ideal das des Kriegers ist, der sich die Beute erobert, wo er auf einen Schwächeren stößt: außerhalb der Landesgrenzen und innerhalb der Landesgrenzen. Sie erklären, daß das Recht, Fremden und Fremdstämmigen gegenüber Gewalt zu gebrauchen, höher steht, als Menschenglück und Menschenleben, Gerechtigkeit und Sittlichkeit. Wir deutschen Juden wissen aus terroristischen Vorfällen der jüngsten Zeit zur Genüge, was es im einzelnen bedeuten würde, wenn diesen Gewaltinstinkten im deutschen Staate Tor und Tür geöffnet würde. - s. ^^Nationalsozialisten erklären offen, daß sie jede Gesinnung, jeden Glauben, jede Ueberzeugung, die nicht ihrer eigenen entspricht, und jeden Menschen, der sich zu einer solchen bekennt, mit allen verfügbaren Kräften als minderwertig zu verfehmen und zu unterdrücken gewillt sind. Wir deutschen Juden haben an den Thüringer Schulgebeten, an der Schachtverbotspropaganda und vielem anderen einen ausreichenden Vorgeschmack hiervon erlebt. Deutsche jüdische Jugend! Seit Jahren ist zu beobachten, daß ^^^.E^dulistischen Aktivität im deutschen Volke viel zu wenig entgegengesetzt wird, daß auch in den jüdischen Reihen Schwache und Gleichgültigkeit weit verbreitet sind. Ohne diesen Mangel an Widerstand hatte der Nationalsozialismus unter der 2

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