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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-10-01 · 10 (10.1929) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
10 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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bertmumc von Alter, Geschlecht und Konfession auf. Nach einer Auswertung der bisher gefundenen Ergebnisse für die Frage ihres Symptonwertes zieht der Verfasser die pädagogischen Folgerungen aus seinen Unternehmungen. Da er die religiöse Struktur des Kindes von der religiösen Struktuierung des Erwachsenen nicht so sehr in der Quantität als vielmehr in der Qualität unterschieden sieht und da nach seiner Ansicht das Kind selbst bei intensivster religiöser Beeinflussung höchstens ans die Stufe der ethischen Gesetzesfrömmigkeit gelangen kann, so erscheint ihm d i e religiöse Erziehung bereits erfolgreich genug, die das Kind lediglich zu einfachem religiösem Erleben fähig macht. Die Kraft, den lebendigen Inhalt der Religion zu erkennen und in seinem Werte zu erfassen, will der Verfasser dem Kinde nicht zusprechen. Wenn die Abhandlung bedauerlicherweise jüdisches Material, das manche Frage von anderer Seite hätte beleuchten können, auch nicht bringt, so verdient sie doch in Kreisen der religiösen Führer und der Lehrer des Judentums Beachtung. Das Augustheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums zeichnet sich wieder durch besondere Reichhaltigkeit des Inhaltes aus. Als erfreulich darf insbesondere hervorgehoben werden, daß zahlreiche der gründlichen und gediegenen Abhandlungen auch für einen weiteren Leserkreis verständlich und anregend sind. Die einleitende Abhandlung von A. Lewkowitz über „Moses Mendelssohns Stellung zur Religion" erklärt Mendelssohns Denken insbesondere aus seiner Beziehung zu Locke und anderen englischen Denkern. Die klare und völlig neuartige Darlegung dessen,^ was Mendelssohn bei diesen seinen Vorgängern fand und was er als glaubenstreuer Jude hinzutat, darf unter den zahlreichen Untersuchungen, die das Mendelssohn- Jubiläum zweifellos Hervorbringen Wird, einen besonderen Wert beanspruchen. Gelehrt und doch zugleich dem Laien verständlich ist eine Abhandlung über die Wiedergabe unseres „Höre, Israel" in den verschiedenen Uebersetzungen — oder vielmehr über die Unmöglichkeit, das hebräische Original voll zu erschöpfen; sie hat den jüngst hochbetagt verstorhenen Berliner Seminardirektor Holzmann zum Verfasser, dem Hermann Vogelstein ein einleitendes Wort des Nachrufs widmet. Unter den folgenden Beiträgen zur Erklärung mittelalterlicher Dichtungen darf insbesondere Eduard Baneths Übersetzung und Erläuterung der berühmten Klage des Rabbi Meir aus Rothenburg über die Verbrennung des Talmud gerade jetzt, kurz nach dem Fasttage, in dessen Ritual sie ausgenommen wurde, auf Beachtung aller Leser rechnen. Von den Beiträgen zur Erklärung hebräischer Worte, die mehrere Gelehrte beigesteuert haben, werden namentlich die Ableitungen der Namen Israel und Zion Aufmerksamkeit finden. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von RM. 10.— an diese Gesellschaft (Postscheckkonto Paul Veit Simon, Berlin 7030) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgezählt sind. Curtaz, Tr. jur. L., „Das Recht des Kindes auf religiöse Erziehung", nach dem Neichsgesetz für Jugendwohlfahrt, mit besonderer Berücksichtigung des bürgerlichen Gesetzbuches über die religiöse Kindererziehung. Earitasverlag GmbH., Freiburg i. Br., 1929. 80 Seiten, kart. RM. 2.50, geb. RM. 3.—. Diese Abhandlung ist aus einem anläßlich der Jubiläumstagung des Caritasverbandes für die Erzdiözese Freiburg am 1. Oktober 1928 gehaltenen Vortrage hervorgegangen. Das Referat hat durch nähere Angaben über Literatur und Rechtsprechung bei der Drucklegung eine wesentliche Ergänzung erfahren. Wenn die Darlegungen zunächst nur für einen katholischen Kreis bestimmt waren, so enthalten sie doch sowohl nach dem beigebrachten Material wie nach dessen Auswertung auch für jüdische Kreise sehr Beachtenswertes- Die juristische Fachbildung des Verfassers, wie seine praktische Betätigung als Oberregierungsrat im badischen Justizministerium, geben seinen Ausführungen besonderen Wert. Der Verfasser behandelt die Erziehung vom Standpunkt des Kindes aus, als Recht des Kindes gegenüber den Erziehungsberechtigten und gegenüber dem Staat, er will die religiöse Erziehung nicht als Teil der Erziehung, sondern als die Erziehung s e l b st erkennen, jedenfalls für diejenigen Kinder, deren Erziehung aufgebaut ist auf der Grundlage des Bekenntnisses. Die in Frage kommenden Artikel der Reichsverfassung, die Paragraphen des Reichsgesetzes für Jugendwohlfahrt mit dem dazugehörigen Einführungsgesetz und der Verordnung über sein Inkrafttreten, die einschlägigen Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches und schließlich das Gesetz über die religiöse Kindererziehung sind als Material beigefügt und sind unter dem Gesichtspunkt des Themas behandelt. Aus den Zeilen sachlicher Auseinandersetzungen spricht zu „Allen, die es angeht", die Pflicht, sich des rechtlichen Rüstzeuges in vollem Bewußtsein ihrer schweren Verantwortung gegenüber der Seele des Kindes zu bedienen, nicht anders, als wie das Gesetz es wollte und heute noch will." Dr. L. 8 Sinclair, Upton. Boston, Roman, Berlin. Malik-Verlag. Kart. 4.80 RMk., geb. Leinen 7.— RMk. Wer diesen neuesten Sinclair liest, wird sich der verzweifelten Anteilnahme erinnern, mit der die Welt die Sacco-Vauzetti-Affäre verfolgte, wie man überzeugt war von der Unschuld der Angeklagten und in welch atemloser Empörung man ihre Verurteilung miterlebte. Um der Gerechtigkeit willen, für die diese beiden Anarchisten ihr Leben Hingaben, hat Sinclair sein Buch geschrieben — kein Kunstwerk; dafür ist er mit „Für und Wider" viel zu leidenschaftschaftlich beteiligt — aber in monumentalen Strichen ein Bild von der Wehrlosigkeit des Guten gegenüber der heimtückischen Korruptheit mammonistischer Mächte; ein Bild seiner Wehrlosigkeit und seiner dennoch unverletzlichen Sieghaftigkeit. Gegen die Bankier- und Richtertypen, unerschütterlich bigott und verlogen, stehen die Vertreter der brüderlichen Liebe, diese vermeintlichen Räuber und Mörder, an deren Schuld niemand glaubt und die doch sterben müssen, weil sie die Machtsphäre der anderen beunruhigen. Nun wohl: sie sterben. Aber wie ist es Sinclair zu danken, daß er in seinem Werk dokumentarische Zeugnisse ihres Wesens aufbewahrt hat, wörtlich wiedergegebene Briefe, aus denen ihre kompromißlose Bereitschaft spricht und die Gewißheit, mit ihrem Tode das Leben zu fördern. Da sind kleine Briefe, die Sacco an seine Kinder schreibt, bevor er zum elektrischen Stuhl geführt wird, Vanzettis Briefe an die Kinder des Freundes und dann seine Briefe an eine alte Frau aus Bostoner Blaublüter-Kreisen, die frei von Kasten- Vorurteilen den Weg zu den wirtschaftlich Armen gefunden hat, ihr Vertrauen, ihre Liebe und den Reichtum ihrer Herzen miterlebt. Einen von diesen Briefen wollen wir wenigstens anführen. Denn wie dürfte man versuchen, für die Wahrheit zu reden, wenn sie selbst den Mund auftut und ihre eigenen schlichten Worte formt. „Vielen Dank aus tiefsten Herzen für Ihren Glauben an meine Unschuld; ich bin unschuldig. Ich habe mem ganzes Leben lang keinen Tropfen Blut vergießt und keinen Cent gestohlen. Ein bißchen Kenntnis der Vergangenheit, eine traurige Erfahrung des Lebens selbst hat mir manche Gedanken gegebt, die sehr anders sind als die Gedanken vieler anderer Menschen. Aber ich will meine Mitmenschen überzeugen, daß nur durch Tugend und Ehrlichkeit für uns möglich ist, ein wenig Glück auf dieser Welt zu finden. Ich predigte, ich arbeitete. Ich wünschte mit all meiner Kraft, daß der gesellschaftliche Reichtum allen menschlichen Kreaturen gehören würde, so wie er die Frucht ihrer aller Arbeit ist. Aber das bedeutet nicht einen Raub für einen Aufstand. Der Aufjtand, die großen Bewegungen der Seele brauchen die Dollars nicht. Es braucht Liebe, Erleuchtung, Opfermut, Ideen, Gewissen, Instinkte. Es braucht mehr Gewissen, mehr Hoffnung und mehr Güte. Und alle diese beglickenden Dinge kann man auf vielerlei Art in die Herzen der Menschen pflanzen, erwecken und pflegen, aber nicht durch Raub oder Raubmord. Sie sollen wissen, daß ich dabei nach Italien denke. Wenn ich mich von der universalen Familie diesem geringen Sohn zuwende, will ich sagen, daß ich jetzt, soweit meine Bedürfnisse, mein Wunsch und meine Bestrebungen gehn, nicht nötig habe, ein Bandit zu werden. Ich liebe die Lehren von Tolstoi, dem heiligen Franziskus und Dante. Ich liebe das Beispiel Cincinnatis und Garibaldis. Die epikurischen Freuden gefallen mich nicht. Ein kleines Dach, ein Bett, ein paar Bücher und Nahrung ist alles, was ich brauche. Mir liegt nichts an Geld, an Müßiggang, an mondäner Vergnügung. Und auf mein Wort, selbst in dieser Welt der Lämmer und Wölfe kann ich das alles haben. Mein Vater hat viele Felder, Häuser, Gärten. Er handelt mit Wein und Obst und Körnerfrüchten. Er hat oft an mich geschrieben, nach Hause zu kommen und ein Geschäftsmann zu sein. Nun, dieser angebliche Mörder hat ihm geantwortet, daß mir mein Gewissen nrcht gestatte, ein Geschäftsmann zu sein, und ich will mir mein Brot durch Arbeit auf den Feldern verdienen. Und weiter: die geistige Klarheit, der Friede des Gewissens, die Entschlossenheit und Kraft des Willens, der Verstand, alles, alles, wodurch der Mensch sich als ein Teil des Lebens fühlt, die Macht und Intelligenz des Universums, wird bei jedem Verbrechen ein Hemmschuh sein. Ich weiß das, ich sehe das, ich sage das allen. Verletze nicht das Gesetz der Natur, wenn du nicht ein Unglücklicher sein willst. Ich erinnere mich: es war eine Nacht ohne Mond, aber sternig. Ich sitze allein in der Dunkelheit; ich war traurig, sehr traurig. Mit dem Gesicht in den Händen begann ich, die Sterne anzusehen. Ich fühle, daß meine Seele aus meinem Körper Weggehen will, und ich muß mich bemühen, sie in der Brust zurückzuhalten? So bin ich der Sohn der Natur, und ich bin so reich, daß ich kein Geld brauche. Und deshalb sagen sie, ich bin der Mörder und wollen mich zum Tode verurteilen. Tod? Er ist nichts. Aber diese Schändlichkeit ist grausam. Nun raten Sie mir zu lernen. Ja, das wäre gut. Aber ich kann diese Sprache nicht genug, um durch sie ein Studium zu betreiben. Ich will gerne Longfellows, Paines, Franklins und

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