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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1929-10-01 · 10 (10.1929) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
4 (1929)
Issue
10 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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UUa lODE'X Oschamnu bogadnu gosalnu. „Wir sind schuldig, haben verdeckt und geraubt". Es gab Völker zu allen Zeiten, die den Wendepunkt ihrer Zeitrechnung, das neue Jahr, mit lautem Taumel, mit Jauchzen und Getöse feierten, als wollten sie sich und die Stimmen der Tiefe übertönen und als wollten sie unbequeme Mahnungen zum Verstummen bringen. Wir Juden beginnen unser neues Jahr nicht auf diese Art. Nicht nur, daß lautes Jauchzen und übermütiger Taumel dem Rosch-haschonoh-Fest serngehalten ist, über, diese ganze Zeit von den Selichostagen an bis zum Ende des Versöynungstages ist ein Ernst ausgebreitet, der gerade erreichen möchte, daß die Stimmen der Tiefe, der seelischen Mahnung und der Selbstprüsung zu unserem Bewußtsein durchdringen. Neben zahlreichen anderen Gebeten dient diesem Zwecke vornehmlich jener Teil unserer Gebetordnung, den wir das Sündenbekenntnis, die "INI, nennen und das.in seinen Anfängen bis auf die biblische Zeit zurückgeht, wie wir es beispielsweise schon bei der hohepriesterlichen Sühnehandlung im 3. Buche Moses, Kap. 16, Vers 21, finden. Auch die Mischnah-Lehrer betonten die Bedeutung des Sünden-Bekenntnisses an verschiedenen Stellen des Talmud und die Form des Sündenbekenntnisses wie sie uns heute in dem alphabetischen Gedicht des Oschamnu, bogadnu, gosalnu vorliegt, dürste schon vor etwa anderthalb Jahrtausenden un Judentum gebräuchlich gewesen sein. Ein eigener, religiöser Zauber geht von diesem Sündenbekenntnis aus, wenn der Jude still für sich in Selbstzerknirschung diese Worte flüstert und dabei mit geballter Hand Herz und Gewissen schlägt, oder wenn die Gemeinde im lauten Ehor es Wort um Wort ausruft, um die Verbundenheit und die Mitverantwortung des einen für den anderen zu bekunden. Im letzten abgelegenen Dorfe, wo die Juden heute oftmals Zeit und Gelegenheit nicht wahrnehmen, um über den tiefen Sinn unserer jüdischen Lehre und ihrer Bräuche zu grübeln und wo leider vieles in Verfall und Vergessenheit geraten ist, wie auch im Herzen neuzeitlicher, von der Alltagshast städtischen Lebens sortgerissener Juden,. die jüdischer Frömmigkeit und Sammlung entfremdet sind, hat dieses alte Gebet des Sündenbekenntnisses noch eine mystische Kraft. Das Mystische, das Geheimnisvolle, das Gefühlsmäßige des Sündenbekenntnisses darf aber eine gedankliche Klärung erfahren, damit der Inhalt des Gedichtes auf unsere Zeit und ihre Ausgaben Anwendung finden kann, obwohl wir das Gefühlsmäßige, das fromme Empfinden im religiösen Leben nicht unterschätzen wollen. Die gegenwärtige Generation ist nicht gern geneigt, Bekenntnisse über eigene Unzulänglichkeit oder Vergehungen abzulegen. Es ist auch leichter, sich selber zu rühmen, als sich selbst zu b eschuldigen. Und wer sich (wie heute manchmal geschieht) leicht über Schulden hinwegsetzt, fühlt schließlich auch den Druck der Schuld nicht mehr so schwer. Man macht viel lieber die Zeit und die Umstände verantwortlich als sich selber. Dabei geben doch wir Menschen der Zeit das Gepräge und was man den Z e i tgeist nennt, ist der Geist der Generation. Wenn Menschen scheitern oder Enttäuschungen erleben, dann sind nicht immer unverdiente Schicksalsschläge die Veranlassung. Und es ist aus die Tauer keine seelische Befreiung oder Erleichterung, wenn man sich selbst von Schuld und Verantwortung sreispricht. Man findet seinen Glauben, sein Gottvertrauen, seinen Halt erst dann wieder, wenn man sich zu seiner eigenen Schuld bekannt hat und die Folgerung für das künftige'Leben mit Entschlossenheit daraus zieht. In dem mittelalterlichen Religionswerk Or Sarua findet sich ein Midrasch, der folgendes erzählt: Die Engel des Himmels sprachen zu dem Heiligen, gelobt sei er, „es heißt in der Schrift ^5. Mose, Kap. 10, Vers 17) der Herr kennt kein Ansehen und nimmt keine Bestechung ^; das ist ein Widerspruch zu der Stelle im Priestersegen (4. Mose, Kap. 6, Vers 26) der Herr wende sein Angesicht dir zu. “p*‘s Daraus gab der Heilige, gelobt sei er, die Antwort: Wie sollte ich Israel mein Angesicht nicht zuwenden, da es doch vor mir das Bekenntnis ablegt mit den Worten: Oschamnu, bogadnu, gosalnu. Wir sind schuldig, wir haben verdeckt und geraubt. Bekenntnis als Selbsterkenntnis kann Wunder vollbringen! Wichtiger freilich als das Bekenntnis nach begangener Schuld ist das Bestreben, tu Schuld nicht mehr zu geraten. Und so wie es im Talmud heißt: „Im Anfang ist Begehrlichkeit so düiin wie ein seiner Faden und am Ende so dick wie ein Wagenseil (Sukkah 52, Sanhedrin 99b.) so wollen auch die beiden Worte bogadnu-gosalnu eine Steigerung vom einfachen Beginnen der Schuld bis zum gefährlichen Ende andeuten und vor dem unscheinbaren ersten Schritt warnen. In bogadnu ist der Stamm des 2 Wortes Beged — Kleid enthalten. Das bedeutet „mit einem Kleidungsstücke etwas zudecken", etwas verhüllen, bemänteln. Gosal bedeutet „etwas an sich reißen", mit Gewalt rauben. Tatsächlich gelangen die Menschen oftmals zu gewalttätigen räuberischen Vergehungen, weil sie zunächst verhüllten und bemäntelten. Man soll was klar und wahr ist, nicht zu verdecken und zu verwischen suchen. Im wirtschaftlichen, im gesellschaftlichen und im staatlichen Leben muß man sich vor dem Versuch hüten, das Recht zu verdrehen, falschen Schein zu erwecken, zu beschönigen und zu bemänteln, was bei seinem wahren Namen genannt werden muß. Wenn jeder glaubt, die Grundsätze der guten Sitte und des Rechts nach fernen Wünschen auslegen und anwenden dürfen, dann geraten auch die Begriffe von Mein und Dein sehr leicht ins Wanken. Und wenn heute an allen Ecken und Enden geklagt wird, daß Treu' und Glauben in der Welt nicht mehr zu finden sei, dann soll man sich darüber klar sein, daß dies zum guten Teil daher kommt, daß man Grundsätze nur noch in Ausnahmefällen gültig sein läßt. Wir sollen schwarz schwarz und weiß weiß nennen; halbes Recht ist kein Recht und halbe Wahrheit ist schlimmer als offenbare Lüge. Die Gesundung unserer Zeit mutz aus dem Innern des Menschen selber kommen: Fangen wir also bei uns an im neuen Jahr, mit wahrem Bekenntnis und starker Tat. Oschamnu — bogadnu — gosalnu. „. . . . spricht der Mensch: ich habe gesündigt, das Grade gekrümmt und nichts hat mir genügt, so befreit Er dessen Seele, daß sie nicht sinke in die Grube und sein Leben freut sich am Licht" (Hiob 33, 27). Rabbiner Dr. S. L e v i. Der Weltfriedenskongreß der Religionen und das Judentum. Der „Jüdische F r i e d e n s b u n d" (Berlin) versendet einen Bericht, betreffend die Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in der Vorkonferenz des Weltfriedenskongresses der Religionen (Frankfurt a. M., 19. bis 23. August), dem folgende Zeilen entnommen sind: An der zweiten Vorkonferenz des von der „Church Peace Union" vorbereiteten Weltfriedenskongresses der Religionen waren die jüdischen Kreise verschiedener Länder erheblich stärker beteiligt, als an der vorangehenden (Gens, September 1928). Der inzwischen gegründete „Jüdische F r i e d e n s b u n d", an dessen Spitze Oscar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, steht, batte, der Einladung des Exekutivkomitees entsprechend, den Vorsitzenden seines Arbeitsausschusses, Dr. Alfred N o s s i g , zu der Tagung entsandt. Die Begrüßungsansprache an die Konferenz hielt im Namen des Jüdischen Friedensbundes und der Frankfurter Gemeinde, Rabbiner Dr. S e l i g m a n n. Die Jüdische Gemeinschaft — führte er aus — hat als erste die Friedensidee verkündet, jedoch erst als letzte eine Organisation für die Friedensarbeit geschaffen. Der Grund hiervon lag darin, daß für die Bekenner des jüdischen Glaubens die Fiedensliebe etwas Selbstverständliches war. Die jüdische Auffassung der Friedensidee spiegelt sich in nachstehender Erzählung des Talmuds. Ein jüdischer Weiser wurde gefragt: „Wann wird der Messias kommen?" — „Heute — antwortete der Rabbi — wenn Ihr guten Willens sei d." Sobald jeder einzelne das Bewußtsein haben wird, daß er für Krieg und Frieden verantwortlich ist, dann wird der Friede verwirklicht werden. An der Weckung dieses Bewußtseins mitzuarbeiten, ist die Aufgabe des Jüdischen Friedensbundes. Eine Schwesternvereinigung des „Jüdischen Friedensbundes", die „I e w i s h Peace Association" (London) vertrat deren Präsident Dr. I. H. H e r tz , Chief-Rabbi des Englischen Empire's. Der Leitung dieser Organisation gehören gegenwärtig auch Lionel de Rothschild, Dr. Claude Montesiore, Sir Herbert Samuel, Sir Meyer Spiel mann an. Die amerikanische Judenheit war durch die Rabbiner Dr. D. de Sola Pool und Dr. Stephen Wise' repräsentiert, die polnische durch Rabbi Rub instein aus Wilna, Mitglied des polnischen Senats. Aus Palästina waren Herr und Frau B e n s i o n , sowie Herr A g r o n s k y eingeladen. Mit stärkstem Beifall wurde die durch den Generalsekretär Rev. Atkinson verlesene Botschaft des großen Philantropen Nathan Straus ausgenommen. Hier die Hauptstellen dieses umfassenden Kabeltelegramms: „Eine religiöse Weltkonferenz für Internationalen Frieden ist eine Vorläuferin des Tages, an dem die Völker ihr Schwert nicht mehr gegeneinander erheben und nicht mehr Krieg führen lernen werden." „Jetzt, am Abend meiner Tage, wird es mir klarer als je, daß sämtliche Religionen ihre Bekenner ermahnen, im Namen der

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