Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 4 (1929)
- Issue
- 7/8 (Juli/August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichte des Bundes. Die Geschäftsführerin des Bundes, H a n n a h K n r in i n s k i, hält ein großangelegtes und formvollendetes Referat, in dem sie die Entwicklung und den Ausbau des Bundes schildert. Am Dienstag vorinittag leitete die 2. Vorsitzende des Bundes. Frau P a u l a O l l e n d o r f s die Tagung. Zunächst begrüßt Frau Ministerialrat H i r s ch s e l d im Namen des Neichsarbeitsministeriums. Ueber die soziale Arbeit der jüdischen Frauenv er eine sprach Frau Bertha Eschelbach er, Düsseldorf. Fräulein Frieda Weinreich, Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, sprach über soziale Arbeit als Beruf. —■ ©g folgte eine sehr lebhafte Diskussion, die zum Teil Historisches über die Bedeutung der jüdischen Frauenvereine brachte, zum Teil die Notwendigkeit der tlnterstützung der jiddischen Frauenarbeit in den kleinen Städten und auf dem Lande darlegte. Vorgeschlagen wurde u. a., daß die Vereine auf dem Lande sich zu Landvereinen zusammenschließen sollen. Den Abschluß und Höhepunkt der offiziellen Tagungen des Jüdischen Frauenbundes bildete die unter Leitung der Frau Paula Olle n'd o r s s stehende K u n d g e b u n g am Dienstag abend im Herrenhause. Führende Frauen aus England (Frau Henriqucs, Newyork), Holland (Frau Schwimmer, Amsterdam, Frau Polak, Haag), A m e r i k a (Frau Eichel Sternberger), Schweiz (Frau Abraham, Zürich), Polen (Frau Tr. Reichenstein, Lemberg), P a l ä st i n a (Frau Helene Hanna Thon, Jerusalem) berichteten über jüdisches Leben in ihren Ländern, die Stellung der jüdischen Frauen, ihre Leistungen aus sozialeni Gebiet und über die Organisationsformen und Einrichtungen sozialer Frauenarbeit. Frau Dr. E s ch e l b a ch e r , die Seniorm des Jüdischen Frauenbundes schloß die große Versammlung^ mit der Feststellung, daß in allen Ländern die Juden eine Schicksalsgemeinschaft und darum die Pflichten die gleichen siiid, die in dem Gedanken des Weltfriedens gipfeln. Ter jüdische Friedensbund erläßt nachstehenden Ausruf: Weltumspannende, katholische und evangelische Friedcnsorganisati.onen haben an die jüdischen Kreise die Einladung ergehen lassen, mit ihiien zu einer: Arbeitsgemeinschaft s ü r den Frieden zusammenzutreteii. Mit dieser äußeren Anregung, der sich unsere Gemeinschaft nicht ciitzieheil darf, verbindet sich der iiulere Antrieb zum Mitwirken an der welthistorischen Aufgabe uiiserer Zeit. Das Judentum, das die Jdeeri des Weltfriedens und der Völkerversöhnung vor Jahrtausenden zuerst verkündet hat, Lessen heilige Schriften von dieseii Ideen erfüllt sind, kanii jetzt, da ihre Verwirklichung anbricht, nicht untätig beiseite stehen. Unserer Hoheit Ideale eingedeiik, wolleii wir nu Rahmen des „Jüdischen Friedens-Bundes" für die Versittlichung der Menschheit und den dauerndeii Weltfrieden wirken. Es gilt einerseits innerhalb der jüdischen Gemeiiischast den Gedanken der jüdischen Friedcnssendung iieu zu beleben, andererseits die jüdischen Energien, Hand in Hand mit andereii Bekeiiiitniskreisen, für den praktischeii Aufbau des Friedens einzusetzeii. Uiisere Ziele siiid allen jüdischeii Parteieii geiiieiiisain. Wir rufen daher alle Glaubensgenossen auf, sich unserer Bewegung anzuschließen und in alleii Gemeinden organisatorische Stützpunkte für sie zu schaffen. Der Jüdische Friedensbund ist gern bereit, mit den Schwestervereiniguiigen in ben anderen Staaten zusammenzuarbeiten und hofft, daß in allen- Kulturländern ähnliche Organisationen entsteheii werdeii. Wir bitten, sich mit uiis in Verbindung zu setzen, und Nachrichten uns unter der Adresse der Geschäftsstelle des Jüdischen Friedeiisbuiides, Berlin- Schöncberg, Am Park 15, zukoinmen zu lassen. Vereinigen wir alle unsere Kräfte, um das, was unsere Vorfahren geträumt und gelehrt haben, heute iiis Lebeii umzusetzeil. Das Präsidium: Oscar Wassermanu, Erster Vorsitzender. Rabb. Dr. Baeck, Vorsitzelider des Allgerii. Rabbinerverbandes. Prof. Dr. A. Einstein, Komm.-Rat. G. Simon, .Rechtsanwalt H. Stern. Verein „EA" Gemeinnützige Jüdische Eheanbahnnngsstelle e.V. Frankfurt a. M. Zweck des Vereins ist, Ehen unter Juden aller Stände anzubahnen. Seine Geschäftsführung wird ehrenaintlich geleitet und ist für die Beteiligten kostenlos. Anmeldebogeii -- ge fl. anzugeben ob für Herrii oder Dame — liebst Merkblatt werdeii auf Verlangen zugesaiidt. Als Anschrift geiiiigt „EA" Frankfurt a. M., Eschersheimerlaudstratze 29. Frankfurt a. M., Juiii 1929. Der Verwaltungsausschuß: Prof. Dr. Hanauer, Vorsitzender, Frankfurt a. M.; Wolsgang Auerbach, Frankfurt a. M.; Benno Basch. Magdeburg; Frau Johanna Baer, Vertreterin des Schwesternverbaiides des U.O.B.B. Frankfurt a. M.; Julius Bloch, Fraiitfurt a. M.; Rabbiner Dr. Dieiieinanii, Offenbach a. M.; Arzt Dr. Ehreiireich, Kölii; San.-Rat Dr. Goldschmidt, Berlin, Vertreter der Großloge des U.O.B.B.; Fritz Hirsch, Ladenburg; Rechtsaiiwalt Horovitz, Frankfurt a. M.; Frau Hauptlehrer Kaufmann, Gelsenkirchen; Map Markreich, Vorsteher der Israel. Gerneiiide Breiiicn; Frau E.Rosenzweig, Frankfurt a. M.; Rabbilier Tr. Itimrr, Mannheim, Prof. Tr. Wölbe, Berlin. Bücherschau. Enctzclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart. Verlag Eschkol A.-G., Berlin. Dieses Werk, dessen Erscheinen vor kurzem begonrien hat, ist eiue groß anlegte Samutlung des Wissens von Juden urid Judentum. Drei voii deu prächtigen, geschmackvoll ausgestatteteii Foliobänden (der Halblederband kostet: 55.—, der Ganzleinenbmid 50.— RMk.) liegen bereits vor uns; auf fünfzehn Bäiide ist das ganze Werk berechnet—wenn nicht die Fülle des Stoffs den gesetzten Nahmen noch spreiigt. Der erste Band sei hier zuriächst angezeigt und besprochen. Er zeigt uns, daß zwischeri dem Erscheinen der letzten großen Eiicyclopädie, der Jewish Eiichclopedia (Loiidon 1905, —- die Realeiicyclopädie von Dr. Hamburger kommt hier nicht in Betracht — und der Herausgabe des rieuen Werks eine Zeit iieuer wissenschaftlicher Erkenntnisse uiid umwälzender zeitgeschichtlicher Veränderungen liegt. Durch Verarbeitung dieser Tinge kann sich die ireue Eiicyclopädie bis zu den neuesten Erscheiuuiigen jüdischeii Lebens diircharbeiten; z. B. (im ersten Band) zu Achad Haain uiid der durch ihn veraiilahteu Blüte iieilhäbräischer Literatilr, oder zu dem nioderuen Jiidividualpshchologen uiid Freud-Schüler Alfred Adler. Die Zentralredaktion des Werks liegt iu deii Händen von Tr. Jakob Klatzkin, fein Stellvertreter ist Prof. Tr. I. Eibogeii. Nebcii beiden ein Redaktioiisstab voii etwa 20 Redakteuren mit ihren vecschiedelieii Fachgebieten. Sie haben die Einzelartikcl der mehreren buiidert jüdischen und riicht-jüdischeii Mitarbeiter der gaiizeii Welt voii New-^ork bis Jerusalem durchzuarbeiteii und eiiiztlordrieii. Ein äußerst geschicktes uiid sachgeiitäßes Priiizip ivählte nuin, indeni man in größeren Artikeln den Wissciisstosf von vielen zersireuteu Enizelaussätzeii saminelte; hierdilrch irahrte :nan. die Eiiiheit des Gaiizeri Uiid verhinderte zugleich, daß das Werl sich in ein Gewirr von kleiiieii Mitteilungeii zersircute. So stehen im erjren Band von größeren Artikeln z. B.: Aaron, Abbreviatiir, Aberglaube, Abgaben und Steuerii, Abraham, Adam, Adel, Afrika, Agada. Agadische Literatur, Aegypten und talmudische Akademieii. Der ctoff ist so vielgestaltig, daß in it Andeutungen kau in eine rechte Vorstellung entsteht. Es sei trotzdem Einzelnes erwähnt: z. B. daß man in iveitgehendem Maße Geographie behandelt (die badische Stadt Aach, Aachen, Abessinieii, Afrika, Ahrweiler, Aegypten); daß man Personen in einer schier erdrückendcii Fülle vorsindet: 120 Aaron's, 180 Abba's, 400 Abraham's. Man zieht auch die christliche Theologie in den Kreis der Betrachtiliig. etwa den mittelalterlichen Philosophen und Theologen Abälard, das Abendmahl (und seine Ableitung aus dem Jüdischen) und die agadischen Stoffe der Kircheiwäter. Atich die mohammedanische Literatur ist berücksichtigt (z. B. iiatürlich bei Abraham). Von abergläubigen jüdischen Bräuchen erfährt man und ihrem — meist nicht-jüdischen --- Ursprung; auch vom nicht-jüdischen Ursprung der Ahasversage; von talutudischen Akademien und ihrer inneren Organisation; dem Artikel aggadischeii Literatur siiid sehr instruktive uiid plastische Textproben cinverleibt. Vorzügliche Bildbeigaben und Notenreproduttionen erhöhen den Genuß des Lesens, das zum Dtirchlesen lockt. Hier trägt vor allein der Stil der Aufsätze mit seinem geiiieinverstäiidlichen Deutsch bei — ein Beweis dafür, daß Gelehrsamkeit sich sehr gut mit Verständlichkeit vertragen kann. Auch die sachliche Art der Darstellung (unter Vermeidnng unnötiger Anpreisungen und Superlative) berührt sehr sympathisch, zumal diese Sachlichkeit alles andere als Trockenheit bedeutet. Wenn man an einem solch eindrucksvollen Werk eine Kritik übt, so kann sie sich nur auf Kleinigkeiten, auf „Schönheitsfehler" beziehen. Mitunter wünschte man sich die Anordnung der Bilder in besserer Verbindung mit dem Text; die Abbildung sollte möglichst an der Stelle erscheinen, wo sie der Text erwähnt. Auch bei den Notenbeigaben gilt dieselbe Forderung (der Verfasser der Notenbeigabe Sp. 579 ist mit anderer Schreibung wiedergegeben als im Text.) Zum Abschluß dieser Eiusührung bleibt nur der Wunsch auf recht weite Verbreitung des Werks. Sein Preis ist in Anbetracht des auf Jahre berechneten Erscheinens nicht zu hoch, lind schließlich darf man hoffen, daß diese Eiicyclopädie liicht nur eiue Sammluiig jüdischen Wissens sein, soiideru auch zur Befruchtung jüdischeii Lebens führen möge. Dr. R. Stahl, Bad-Nauheim. 9