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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-12-01 · 12 (12.1928) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
12 (12.1928)
Date
1928-12-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Darum Lehrer, Leiter, Führer und Führerinnen, lassen Sie sich Bücher kommen aus den Wanderbibliotheken der Frankfurt-Loge. In Fragen praktischer Art über Versand und Ausleihe wende man sich an Frau Capell, Wiesbaden, Rauenthalerstraße 5, Part., oder an Frau Irene Darmstädter, Frankfurt a. M., Oberweg 33, 1. Verbandsgemeinden. Vücherschau. Wir bringen heute eine umfangreichere Bücherschau, weil wir von der Annahme ausgehen, daß jetzt in den Wintermonaten ein regeres Verlangen nach gutem Lesestoff vorliegt. Wir möchten unseren Lesern mit unseren Hinweisen behilflich sein. Die Redaktion. Baum, Oskar. Drei Frauen und ich. Stuttgart. Engelhorn. 4.50 RM. Wie außerordentliche musikalische Begabung einen jungen Blinden aus der Enge, aber auch aus dem Behütetsein der Blindenanstalt heraushebt, daß er mitten hineingestellt wird in die Welt der Sehenden, davon erzählt der Verfasser schlicht, dabei voll Jugend und Frische, voll Natürlichkeit und heiterem Ernst — ergreifend an sich, doppelt ergreifend, wenn man bedenkt: es ist ein Bekenntnis, ist selbsterlebtes Schicksal, was da sich entrollt. Iw eigentümlich gegensätzlicher Uebereinstimmung zu diesem Bekenntnis stehen Paula Epsteins „Briefe an die tote Mutter", auch bei Engelhorn in Stuttgart in der von Frank Thietz herausgegebenen Sammlung „Lebendige Welt" erschienen. Leinen 4.50 RM. — Derselbe Weg vom musikalischen Klang zum Wort bei beiden. Für Baum ist das früh erlöschende Außenlicht Eingangspforte zum Leben nach innen; für Paula Epstein muß erst ein langes Leben im Tag, ein Leben voller Mühsal und Erschütterungen die Bahn frei machen zu den Weiten, Höhen und Tiefen ihres Wesens. Dann aber: erst noch scheu erschreckt durch die Dunkelheit von außen, doch stiller und stiller werdend im allmählich vertrauten Schicksal, spürt sie das Licht im Innern immer tiefer leuchten und das eigentliche Leben in immer reinere Helle steigen. Kerr, Alfred. Caprichos. Berlin. I. M. Spaeth. 6.50 RM. — Kerr hat diese Sammlung von Bildern, Eindrücken, Stimmungen und Erkenntnissen dem spanischen Maler Goya, dem Darsteller grotesker und erschütternder Wahrheit gewidmet und damit eine tatsächliche Beziehung zwischen seiner eigenen Kunst und der von Goya gekennzeichnet. Da wie dort der Sinn für das Bizarre, irgendwie Zerlöcherte, da wie dort aber auch der Sinn für das, was als Eigentliches hinter „den Löchern des Mantels" sich verbirgt. — Aber die verschiedene Belichtung sichert jedem seine Besonderheit. Erkenntnismäßig dem Spanier verwandt, steht Kerr eben viel mehr im Hellen; und so kann er wohl oft schnoddrig, ja auch zynisch reden, doch ist über allen seinen Worten immer eine beschwingte Anmut als wesentliches Merkmal seiner Kunst, beschwingte Anmut über allem kecken Florettieren und über allem tiefen, warmen und ernsten Umfassen. Die Einsamen. Kindheitsnovellen von Fallada, Hesse, Musil, Zweig, Dymow und Ssologub. Herausgegeben von H. Stroh. Berlin. I. M. Spaeth. 6.— RM. Kindheitsnovellen? — nein, eigentlich Wohl Zwischenlandsnovellen, aus denen das Suchen der Werdenden dunkel, angstvoll, trotzig und verzweifelt aufsteigt. Warnend läßt aus der vorliegenden Sammlung besonders hochwertiger Studien sich ablesen, wie das Tasten nach dem Weg über Umwege und Abwege reißt: vorwärts, aufwärts oder — hinab. Urbanitzky, Grete v. Miriams Sohn. Roman. Stuttgart. Engelhorn. 3.60 RM. — Das Amsterdam des 17. Jahrhunderts, buntfarbig und lebensvoll, rollt sich auf mit seinen Handelsbeziehungen, seiner stolzen Gastlichkeit, mit den starken geistigen Strömungen und Erschütterungen, den sozialen und religiösen Kämpfen. In großer Kraft und Anschaulichkeit ist auf diesem Hintergrund das Leben der Judengemeinde gezeichnet. Die nicht zu erschütternde Erinnerung an die Schönheit und Grausamkeit der spanischen Heimat brennt und schlägt hier empor in Künstlerschaft' und religiösem Fanatismus; Empörer gegen^das Bestehende rufen zum Kampf, wollen die Menschen vom Koiqpromiß hinzwingen zum unbedingten Streiten für ihren Glauben und gehen dafür zugrunde. Salten, Felix. Simson. Das Schicksal eines Erwählten. Roman. Berlin-Wien. Paul Zsolnah. Hlbl. 5.— RM. — Aus Nässendem Herzen und großer künstlerischer Kraft ist hier ein Werk geschaffen, lang verschüttetes Leben wieder wach gerufen worden. Salten breitet vor uns die Gnade und die Gebundenheit des Auserwählten hin, zeigt ihn menschlich verstrickt, doch mit dem Wissen überirdischer Verankerung. Idylliker und Tragiker in einem. Mitten in dem lebendig atmenden Landschaftsidyll, dem er vollkommen organisch sich einstigst erfüllt sich tragisch das Schicksal des Erwählten von unbekümmerter Freude an Kraft und Dasein durch lieblichstes und bitterstes Erleben bis zur letzten Freiheit im Tod. Ein ergreifendes Geschenk, das Salten mit der Wiedererweckung dieses uralten Schatzes uns gemacht hat; ein Geschenk, an dem 'man erkennen kann, wie schon beginnt sich zu erfüllen, was Achad Haam von Palästina für uns erhofft: daß es eine Quelle des Lebens werden möchte für die Judenheit der Diaspora. Denn gewiß hätte Salten das Buch nicht so schreiben können (falls er es überhaupt hätte schreiben wollen), wenn nicht dort unter dem sonnigen Himmel Palästinas dieses aus Volk und Landschaft emporwachsende Schicksal ihm wieder lebendig geworden wäre — so unmittelbar überzeugend durch die Echtheit der geistigen und seelischen Atmosphäre, wie eben nur Eigenstes. Frieda Weißmann. Im Verlage des Heine-Bundes, einer jüdischen Buchgemeinde, erOhienen der zweite und dritte Band der zweiten Jahresreihe in der gewöhnten geschmackvollen Ausstattung. „Ter letzte Waldjude" von Opatoschu ist ein aus dem Jidischen von Dr. S. Schmitz übersetzter Roman, der in Stil, Sprache und gedanklicher Gestaltung das mystisch-verwobene Halbdunkel des Chassidismus aus seiner religiösen Urkraft heraus faßt und trägt. Der Polenaufstand von 1863 und die (stille) jüdische Revolution werfen ihre finsteren Schatten aus die unruhig strömende Bewegung der historischen Ereignisfolge, die die chassidische Religiösität zu einem formalen Zaddikismus verblassen und einen neuen Tag der Wandlungen und Umbiegungen anbrechen ließ. Das zweite Buch „Das Land zwischen Orient und Okzident" enthält die äußeren und inneren Ergebnisse der Spamenreise des jetzigen Stockholmer Oberrabbiners Marcus Ehrenpreis. Der Verfasser wurde — wie wir der Oktobernummer der gehaltvollen Blätter des Heine-Bundes entnehmen — in Lemberg geboren, studierte in Berlin Philosophie, debütierte schon als 15jähriger in der hebräischen Presse, war von 1900—1914 Grotzrabbiner von Bulgarien und hat sich auch durch Herausgabe verschiedener Zeitschriften um das jüdische Geistesleben manche Verdienste erworben. Die große Lebenserfahrung und Lebensklugheit, der scharfe, tiefsehende Blick dieses Mannes in Menschen und Verhältnisse zeigen sich mit überragender Klarheit in diesem Buch, zu dem Alfons Paquet ein warm empfundenes Vorwort schrieb. Die schreckenvolle, düstere Geschichte Spaniens, insbesondere das Märtyrertum der iberischen Juden gewinnen eine grauenvoll-erhabene Gestalt. Das Wesen der spanischen Seele und ihrer Ausdrucksformen in Religion und Kunst findet in Ehrenpreis einen wertvollen Interpreten. Die vielen Bilder und Aufnahmen vervollständigen durch ihre großartige Wiedergabe den Eindruck, den dieses lesenswerte Buch macht, als Kraftfeld der Polarität morgenländischer und abendländischer Lebensspannung. Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmüler gibt ihr „Notizblatt" Nr. 20 heraus. Verschiedene wertvolle Nitualgegenstände des jüdischen Gottesdienstes erfahren außer sachgemäßer Abbildung auch fachmännische, streng wissenschaftliche Untersuchung und Beurteilung. Eduard Lamparter, Evangelische Kirche und Judentum (Verlag der „Abwehrblätter", Berlin). Der Verfasser ist ehemaliger evangelischer Geistlicher und hat sich im Kampf gegen den Antisemitismus, besonders in der evangelischen Kirche, einen rühmlichen Namen gemacht. In dieser Broschüre versucht Lamparter, auf Grund eines geschichtlichen Abrisses der Verhältnisse zwischen Judentum und evangelischer Kirche, in unbestechlicher Offenheit die bisherige evangelische Stellung zur Judenfrage zu umreißen. Er kommt aus wissenschaftlicher Ueberzeugung und aus wahrhafter Liebe zu Menschentum und seiner Religion zur starken Forderung des Verstehens, der Achtung und des Friedens zwischen Christentum und Judentum und zu einer scharfen Verurteilung des Antisemitismus. Singalowsky, Aufbau und Umbau. (Zum Problem des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa.) Philoverlag, Berlin 1928. 46 S. br. 1,50 RM. Ueber das Wirtschaftsleben der Juden in Polen und Rußland, ihre Umschichtung in das Gebiet landwirtschaftlicher und handwerklicher Berufsbetätigung, wie auch insbesondere über die umfassenden Hilfsaktionen der Gesellschaften „Ort" und „Jka" wird ein genauer, auf anscheinend stichhaltigem Tatsachenmaterial fundierter Bericht abgegeben. Rene Hartogs. Der R. Löwit-Verlag bietet mit der Skizzenreihe „Das elfte Gebot" von Karl Klüger Bilder von den Juden östlicher Städtchen zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Wenn auch diese Art jüdischen Lebens verschwunden ist, weil sie keine Lebensfähigkeit und damit auch keine Daseinsberechtigung mehr hatte, so sind doch die fesselnden Erzählungen des Lesens wert, denn gerade wir Menschen einer Zeit, die so rasch über alles Geschehen hinwegeilt, können nur gewinnen bei der Rückschau ins Vergangene, wenn wir verstehen, das Wertlose vom Wertvollen zu unterscheiden, um für uns das Wesentliche zu übernehmen. H. L. 9

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