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Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens · 1928-09-01 · 9 (9.1928) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
Volume
3 (1928)
Issue
9 (9.1928)
Date
1928-09-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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einskonto Frankfurt a. M. 47 620 erworben. Mitglieder erhalten sämtliche Publikationen der Gesellschaft zu wesentlich ermäßigten Bezugsbedingungen; die Ermäßigungen machen allein schon einige Jahresbeiträge aus. Berichtigung. In der Nummer 83 des „Israelit" befindet sich ein Bericht über die Tagung des Hess. Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden. In diesem Berichte heißt es: „An Stelle des znrückgetretencn Herrn Lebermann ist vom L e h r e r v e r e i it Herr Lehrer Simon, Pfungstadt, in den Vorstand delegiert." Ich erkläre hiermit, daß weder der israelitische Hess. Landeslehrerverein noch der unabhängige Verein israelitischer Lehrer im Volksstaat Hessen einen Lehrer in den Vorstand des Hess. Landesverbandes gesetzestreuer Synagogengemeinden delegiert hat. Sulzbacher. Bücherschau. Franz Werfel, Ter Abituriententag. Paul Zsolnay Verlag, 1928. 324 S. „Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe". Dieses Wort aus Goethes Wahlverwandtschaften gibt Werfel als Motto seinem neuen Buche mit, das uns die Geschichte einer Jugendschuld erzählt. Mit diesem Leitwort lenkt Werfel mit nur ahnender, kaum zu spürender Feinheit auf die eigentliche, die innere Wesensabsicht hin, mit der er hier äußerlich vielleicht belangloses, oft nur durch seine psychologische Motivierung interessantes Menschcnschicksal erstehen ließ. In literarischen Kreisen ist man sich über die hier nunmehr einmal klarzustellende eigentliche Intention Wersels kaum klar geworden, wie es sich u. a. auch aus den schon erschienenen Besprechungen dieser Neuheit nur zu deutlich ergibt. Meint man denn wirklich, ein Werfel werde die Meisterschaft seines Wortes, die ganze umspannende Kraft seiner Seeleneinsühlung auswenden, nur — um uns eine literar-psychologische Delikatesse vorzusetzen, wie wir sie leider in letzter Zeit, z. B. sogar von Th. Mann u. a. hinnehmen mußten? Ich glaube, wer Werfel kennt, wird nie sich zu der Ansicht bekehren können, daß dieser Dichter und Schriftsteller zu der heute besonders in Deutschland grassierenden Literatenmethode geistreich-manirierten Psychologisierens greisen wird — nur aus spielerischer Freude am Wissen um seelische Bewegungen. Armselige Kellnerdienste an der literarischen Table-d'hote des modernen geistigen Geschmacks! Uns, die wir in Deutschland gewiß viele gute Schreiber besitzen, bleibt, ivenri wir ari geistiger (nicht iiitellektueller!) Kultur zurückbleiben ivollen, iiur eiii Weg übrig, den uns heute besonders das modernste literarische Rußland zeigt: Selbst drinstehen im Werk, nicht wie ein Regisseur über dem Geschaffenen schweben, sondern drinstehen niit der ganzen Freude am Leben, mit der ganzen Qual tiefinnersten Schmerzes über Hemmungen und Widerstände. Diese Offenheit und Hingabe ist Mitteluiid Zielpunkt des Strebens, wie es Werfel heute wieder ganz klar und bewußt vertritt, wenn er das Seelische oft iiur als Klanggebärde in seinem Worte ausklingen läßt. Alle äußeren Bedingtheiten treten zurück und hinein in den Strom des Lebens, der Empfindung, der unmeßbaren Dynamik, der fein Schassen innigst um- und durchpulst. Erleichtert wird Werfel .dieses Streben durch sein Judesein, das hier im „Abituriententag" äußerlich kaum merklich, aber doch unbeugsam stark Stellungnahme vom Ich des Dichters und der „Andern" fordert. Wenil man iiur die Beziehungen zwischen den beiden Hauptpersoiien des Roinans, dern Richter Sebastian und seinem ehemaligen Schulgenossen Adler ins Auge saßt, erhellt sich Wersels künstlerisch-menschliche Absicht ohne weiteres. Sebastian war als Gymnasiast an Adler, dem hochbegabten, durch seine seltsamen Eigenarten ausfallenden, jüdischen Mitschüler schuldig geworden. Warum? Weil er die „geistige Schönheit", die begnadete Kraft, die Ueberlegenheit gerade dieses Menschen nicht ertragen konnte, weil er „in Adler den Juden fühlte, die Rasse also, von der man gerne alles hinnimmt, nur nicht Herrschaft." lS. 113). Hier aber hilft kein Widerstand, keine Auflehnung, sonderii — und mit diesem Akkord klingt das Buch aus — „gegen große Vorzüge eines andern gibt es keiii Rettungsmittel als die Liebe." So wirkt Wersels neues Buch als heiliges Bekeniitnis zur Soiiderheit uiid Schicksalsbestimmtheit jüdischen Wesens und als Aussorderuiig zum Verständnis und zum Frieden unter den Rassen und Religioiien. AuS unbekannten Schriften. Festgabe für Martin Buber. Verlag Lambert Schneider. Berlin. 1928. 245 S. RM. 7.—. In diesem Jahre feierte man Bubers 50. Geburtstag. Aus diesem Anlaß erschien eine Sammlung von schriftlichen Aeußerungen der Freunde und Verehrer des bekannten und anerkannten jüdischen Schriftstellers.Maii hatte dafür eine besondere Form gewählt, näm¬ 12 lich die „der Mitteilung und Deutung von Texten". Ungedrucktes, Unbekaiintes, Unerkaiiiites, Verborgenes, wird als Festgabe dem Manne dargebracht, dem selbst das Ünbekanlite das Heilige ist, das zur Offenbarung kommen soll. Buber erkennt im lebendigen Mythos die Wiirzel alles Lebendigen. Ist er darum Mystiker? Ich glaube: Durchaus nicht. Das „ewig Unbekannte", in seinem schöpferischen Wesen Unbekaniite ist das Leben selbst, das nur in feinen bewegenden Aeußerungen zur Ossenbarniig gelaiigt. Dieses Anerkeniien uiid bewußte Tragen des Schwedens zwischen Unerkennbarein und Erkaniitem, dieses „Gegenüberstehen und Zueinanderkomnien" von Mensch uiid Gott steht in seiner liebevollen und doch unerbittlich streiigen Klarheit in Bubers Werk vor uiis. Der jüdische Mythos des Unbekannten wird zur offenbarenden Zwiesprache. So stellt Buber sein Leben uiid Denken in den Dienst seiner Volkheit und trägt hierdurch zur Klärung eines Problems von menschheitsgeschichtlicher Bedeutung bei: Judentum und Menschheit. Im Bewußtsein der ungeheuren geistigen Bedeutung Bubers finden sich hier Männer zusammen wie Baeck, Beer-Hosmann, Brod, Holitscher, Mombert, Fr. Oppenheimer, Paquet, A. Schaesser, H. Stehr, Wittig, Wolsskehl, A. Zweig u. v. a., um Buber als den Menschen, den Juden, zu grüßen und zu feiern, der den Weg in die Wirklichkeit wagte, getragen von der ganzen Spannweite seiner Religiosität. Das sehr geschmackvoll ausgestattete Buch bietet die dementsprechende Form. I. Pollak, Vom jüdischen Sein und Werden. Verlag Dr. Jos. Flesch, Prag. 145 S. RM. 3.50. In diesen volkstümlichen Aussätzen aus dem Nachlaß des Prager Universitätsprofessors für semitische Sprachen lebt eine große, tiefe Liebe zum Judentum, seindr Geschichre uiid Gegenwart. Wie viel stille, bescheidene, überragende Weisheit, welche Fülle lebendigsten Wissens, welche Kraft wissenden Lebens muß diesen Mann getragen haben, der — wie uns Friedr. Thieberger in seinem Vorwort erzählt — ein mühsames Leben in schweigendem Stolz durchkämpfte uiid mit 48 Jahren im Jan. 1922 starb. Unmittelbarste Anschauung, wirklichkeitsersüllteste Darstellnng, gepaart mit Menschenkeniitnis und feiner, weiser Ironie geben diesen Vorträgen und Aufsätzen einen Wert, der sehr bald überall freudig anerkannt werden wird. Jüdische Geschichte und Philosophie werden spielend in ihrer Lebendigkeit erfaßt. Das moderne Judentuin, Orthodoxie sowie Reforrnertum werden in ihren positiven uiid iiegativen Seiten ehrlich und mit lebensklngem Humor gewürdigt und kritisiert. Ein uralt-neues, besserungversprechendes Gebot wird gestellt: Studium der jüdischen Lehre, Wissen und Erkenntnis unserer Religion und ihrer Geschichte. Wir sollen unsere Tradition verstehen lernen und lehren, „aber nicht nur die Synagogen- und Küchentradition, sondern auch die wissenschaftliche Tradition von der jüdischen Weltanschauung, die Lehre eines reinen, geläuterten Monotheismus und einer auf diesem Monotheismus beruhenden, natürlichen — und darum von Gott eingesetzten — reinen Ethik-Die Religion i st nicht, sie wird, sie entwickelt sich allmählich wie alles auf Erden; unter ungünstigen Umständen erfolgen Zeiten des Verfalls; Stillstand heißt Tod, auch int Leben der Religion." Wie befreiend, wie lösend wirken diese Worte! Wirklich, an der Zukunft unserer Religion kann und braucht nicht gezweifelt zu werden, wenn Männer, die wir geriie und freudig als Führer anerkennen, wie dieser zu uns gehören lind wenn ihre Worte den Boden finden, den sie verdienen. Das Buch versteht jeder, und er folgt ihm bedingungslos, wenn ernochMenfch und Jude ist. Pollaks Schaffen bedarf keiner Empfehlung, cs spricht durch sich selbst. Emanuel Lasker, Tie Kultur in Gefahr. Siedeiitop & Co., Berlin, 1928. 64 S., gr. O. RM. 2.—. - --Die Kultur in Gefahr". Mit diesem Brandruf will uiis der bekannte jüdische Schachmeister erschrecken. Es ist aber nur ein blinder Alarm und als solcher eigentlich recht überflüssige Was uns da auf 64 Seiten alles erzählt wird, brauchen wir uns wirklich nicht erst jetzt und wiederholt sagen zu lassen. Das „Nene", das entwickelt wird, ist ein philosophisch-mathematisches Potpourri von verschiedensten Systemen, die eine für den nicht näher Nachprüfenden eine fast unmerkliche, geschickt verdeckte Vermischung emgegangen sind. Dr. Lasker fordert in erster Linie, „die Gläubigkeit, das Vertrauen zu der unendlichen schöpferischen Macht des kosmischen Ethos." Und diese Gläubigkeit brauche Europa „dringender als Häuser und Brot. Ein Europa, das wieder an eine Kultur glaubt, wird sich eine daueriide Kultur schaffen und daneben, beiläufig, auch Häuser und Brot die Fülle." Hierzu ist ein Kommentar überflüssig. Um wenigstens noch ein Beispiel aus vielen arideren für die seltsame Denkweise des Verfassers zu bringen, lese nraii folgenden Satz, der den „grandiosen" Schluß eines Vortrags über Weltbejahung bildet, gehalten am 3. Jan. 1928 in der Hochschule der Wissenschaft des Judentums: Uiid vielleicht in fernen Zeiten, wenn die Menschheit gestorben sein wird, wird, ich weiß nicht auf welchem Sterne, eiii Nachfahre beten: Höre, oh Menschheit,' der

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