Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 6 (6.1928)
- Date
- 1928-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rodheim v. d. H. Der noch nicht ein Jahr bestehende Israel. Frauenverein hat in der kurzen Zeit seines Bestehens unter der zielbewußten Leitung seiner verdienstvollen 1. Vorsitzenden Frau Bettina Friedmann am heutigen Dag den vollen Beweis seiner Existenzberechtigung erbracht. War es ihm doch in der erwähnten Zeit möglich, die Mittel herbeizuschaffen, um den Gefallenen der Israel. Religionsgemeinde Rodheim—Holzhausen eine würdige Gedenktafel zu widmen. Die Weibe derselben fand heute in dem stimmungsvoll geschmückten Gotteshaus der Gemeinde statt. Rührige Franenhände hatten ans der kleinen Synagoge euien weihevollen Raum geschaffen. Die altehrwürdigen Raufch-Haschonoh- Deckcn erhöhten den Eindruck. Neben der ganzen Gemeinde, zu der sich eine große Zahl auswärtiger Gäste gesellte, sah man den Herrn Bürgermeister der Gemeinde mit dem Gcmeinderat, den evangelischen Geistlichen mit den Vertretern des Kirchenvorstandes. Die Leitung des Festgottesdienstes lag in den bewährten Händen des Herrn Lehrer Selig aus Friedberg, Nach den: Minchohgebet und Psalmvorträgen übernahm der 1. Vorsteher der Gemeinde, Herr Bena Astern, die Tafel im Auftrag der Gemeinde unter Dankesworten an den Frauenverein. Alsdann bestieg Herr Lehrer Selig aus Friedberg die Kanzel, der die Feier durch seine, dem Geiste der Veranstaltung entsprechend würdig und stimmungsvoll vorgetragencn Gesänge verschönerte. Ganz besonders machte sein unvergleichlich wohlklingend vorgetragenes Mah towu den denkbar tiefsten Eindruck auf alle Anwesenden. In der darauffolgenden ergreifenden Rede gedachte er in tiefbewegten Worten vor allem der 12 000 jüdischen Gefallenen, die auf dem Felde der Ehre ihr Leben für das Vaterland opferten, wovon auch unsere Heine Gemeinde vier hoffnungsvolle Menschen zu beklagen hat, deren ^unvergeßliches Andenken die heutige Feier in aller Herzen wachgerufen hat. Tie Rede des Herrn Lehrer Selig endete mit einem ^eelengebet für die Gefallenen, der die Gemeinde in tiefer Ergriffenheit zuhörte und ist das Gelingen der Feier demselben znm großen Teil zuzufchreiben und fei auch an dieser Stelle nochmals der Tank aller Beteiligten ausgedrückt. Alsdann entbot Herr Pfarrer Job im Auftrag der evangelischen Gemeinde den Gruß derselben und sprach herrliche Worte ehrenden Gedenkens für die Gefallenen, warme Trostworte für die Hinterbliebenen. Nach einem Gebet für das Vaterland schloß die erhebende Feier mit dem Kaddisch-Gebet für die Gefallenen. --- 1 1 ■■■ ---L; Verbände und Vereine. Vom 1. bis 13. Juli d. I. findet in Paris eine Internationale Soziale Doppelwoche statt. Mitarbeiter in der jüdischen Wohlfahrtspflege, die beabsichtigen, an dieser Tagung teilzunehmen, wollen sich gefl. an die Zentralwohlfahrtsstelle der isr. Religionsgemeinde Mainz, Neue Synagoge, Gabelsbergerstraße, wenden, die zu weiterer Auskunft bereit ist. Köln, als Stadt der Pressa, von zahlreichen Organisationen zum Tagesort erkoren, sah am 3. d. M. die Rheinlandtagung des Zeniral-Vercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens iii seinen Mauern. Aus deni gaiizen Rheinland uiid weit über feine Grenzen hinaus waren viele hundert Teilnehmer erschienen. Die Arbeitstagung wurde durch eine als Morgenfeier geslaltete überaus eiiidrucksvolle öffentliche Kundgebung in der Kölner städtischen Oper eiiigeleitet, die weit über tausend Personen füllten. Ter Vorsitzende des gastgebeiidcn linksrheinifchcii Landesverbandes des Zentral-Vereins, Bernhard Feilchenfeld, Köln, koiiiite in seinen Begrüßniigsworten eine große Reihe Vertreter der staatlichen, städtischen und Justizbehörden, darunter den Kölner Polizeipräsidenten Bauknecht und den Landesgerichtspräsidenten Dr. Kuttenkeuler willkommen heißen. Das Präsidium des Zentralvereins war durch seinen ersten Vorsitzenden, Justizrat Dr. Brodnitz (Berlin), einen der Stellvertreter des Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin) und den Direktor des Zentral-Vereins, Dr. Ludwig Holländer (Berlin) vertreten. Einen ausführlichen Bericht über diese Veranstaltung werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes bringen. In Köln fand am 4. und 6. Juni eine Tagung der Landesverbände statt, welche sich mit der Schaffung des Reichs- Verbandes der deutschen Juden befaßte. Für den Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens nahm dessen Vorsitzender, Herr Kommerzienrat B. A. Mayer, Mainz daran teil. Durch die Verhandlungen wurde der langersehnte Reichsverband seiner Verwirklichung ein gutes Stück näher gebracht. Die zu diesem Zwecke vorgelegten Satzungen wurden von den zahlreichen Delegierten aus dem ganzen Deutschen Reich in.eingehender Aussprache durchberaten und mit einigen Abänderungen schließlich angenommen. Als Name dieses Reichsverbandes wurde endgültig „Reichsverband der deutschen Juden" festgelegt. Seine Leitung wird aus der in der Regel jährlich einmal zusammentretenden R e i ch s t a g u n g und dem R a t bestehen. An der Reichs¬ 8 t a g u n g werden etwa 90 Vertreter der Landesverbände und 12 Kulturträger tcilnehiuen. In den Rach wird Preußen 24, Bayern st, Sachsen und Baden je 3, Württemberg, Hessen und Hamburg je 2 Vertreter entsenden. Thüringen, Mecklenburg, Braunschweig, Oldenburg, Anhalt, Bremen, Lübeck und Lippe werden durch je einen Delegierten vertreten sein, außerdem wurden einigen Standesorganisationen, der Zentralwohlfahrtsstelle und dem TJGB. zusammen 3 Vertreter zugebilligt, so daß der gesamte Rat 57 Mitglieder aufweiscn wird. Zwecks lleberwindung einiger Schwierigkeiten wurden Übergangsbestimmungen ' geschaffen. Der V o r st a n d des Rates wird sich aus 13 Personen zusammcnsetzen. Wenn auch noch nicht alle Schwierigkeiten endgültig überwunden sind, so darf man dach annehmen, daß der Reichsverband jetzt bald feine Tätigkeit aufnehmen wird. Die wichtigsten Satzungsteile werden wir in unserer nächsten Nummer im Auszug bringen. In Köln fanden sich am Montag, den 4. Juni, Schriftleiter und Vertreter der in Deutschland bestehenden Gemeindebl ätte r zu einer Aussprache über die Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Die Einladung zu dieser Tagung war durch einen vorbereitenden Ausschuß, bestehend aus den Herren Rabbiner Dr. Cohn-Leipzig, Rabbiiier Dr. S. Levi-Mainz und Rechtsanwalt Dr. Eugen Schmidt-München auf Anregung des Erstgenannten erfolgt. Die Versammlung wurde vou Herrn Blunienau-Köln im Namen der Kölner Gemeinde und der Rhemland-Loge, von Herrn Rabbiner Dr. Kober-Köln im Namen des Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege begrüßt. Herr Rabbiiier Dr. Eohn-Leipzig leitete die Verhandlungen. Iii anregender Aussprache wurden fiiiaiizielle Fragen der Gemeindeblätter geklärt uiid die Anbahnurig einer Interesseuiid Arbeitsgemeinschaft der genaiiiiteii Blätter beschlossen. Die Durchführung dieses Beschlusses wurde einem Ausschuß, bestehend aus den Herren Rabbiiier Tr. Eohn-Leipzig, Rabbiner Dr. Levi-Mäinz, SyndikusDr. Meyer-Frankfurt a. M. und Sternlicht-Dresden, übertragen. Grundsätze für die Arbeit der Geiiieindeblätter wurden festgelegt; die Verbreitung der Geineindeblätter wurde auch außerhalb der Städte, in ivelchen sie erscheinen, befonders auf deni Laiide, gefordert. Tie zeitgemäße Eiiirichtung der Gemeindeblätter hat durch diese Aussprache eine wesentliche Befruchtung erfahren. Wir werden auf diese Tagung iioch zurückkommen. Aiii 11. März d. I. tagte zu Marburg cm der Lahn unter dein Vorsitz des dortigen Provinzialrabbiners Dr. Cohn das vorbereitende Komitee für die Gründung eines israelitischen Erziehungsheimes für schwer erziehbare Kinder. Zu der Sitzung waren außer dem Vorstand und einigen Kuratoren des bisherigen Israelitischen Schüler- und Lehrlingsheimes zu Marburg a. d. L. Vertreter von Landesverbünden der israelitischen Gemeinden, des Hessischen Logenverbandes und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutscher! Juden erschienen. Der Vorstand verlas die eingegangenen Begrüßungsschreiben und konnte feststellen, daß die Landesverbünde der Synagogengemeinden sämtlicher deutschen Lärrder sowie die Wohlfahrtsverbände die beabsichtigte Neugründung erfreut begrüßen und sich mit namhaften Beträgen an den Kosten beteiligen wollen. Das Kuratorium des Israelitischen Schüler- und Lehrliugsheimes, das einst von den Herren Provinzialrabbiner Dr. Leo Munk s. A. und Geheimrat Professor Dr. Hermann Cohen s. A. sowie Bankier Hermann Eichelberg gegründet worden ist, will sein Haus, das infolge der inzwischen erfolgten Gründung von höheren Schulen an vielen kleinen Plätzen für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr gebraucht wird, für das neue Erziehungsheim zur Verfügung stellen. Der Vorsitzende dankte allen denen, die sich schon vor dem genannten Tage um die Sache bemüht hatten und unter ihnen ganz besonders Herrn Rabbiner Dr. Horowitz in Frankfurt a. M., der die Gründung eines solchen Vereins schon seit vielen Jahren anstrebt und mit Eifer verfolgt. Ihm war es in erster Linie gelungen, den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden in Berlin für die Sache zu interessieren und zur Bewilligung von 10 000 RM. zu den Kosten des Baues und 5 000 NM. für den Haushalt des ersten Jahres zu bestimmen. Inzwischen haben auch der Preußische Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden in Halberstadt und andere Landesverbände größere Summen bewilligt, so daß die Versammlung der Ansicht ist, daß die Anstalt nunmehr gesichert ist und mit dem Umbau alsbald nach den Feiertagen begonnen werden kann, zumal nicht daran zu zweifeln ist, daß die Anstalt, mit deren Gründung eine seit langem schwer empfundene Lücke in der Reihe der jüdischen sozialen Einrichtungen der deutschen Juden ausgefüllt werden wird, sehr bald eine große Anzahl von Gönnern auch aus den Kreisen unserer Privaten oft bewährten Wohltäter finden wird. Endlich fei noch erwähnt, daß auch der Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik dem Plane seine volle Sympathie entgegenbringt und der neu zu gründenden Erziehungsanstalt seine Unterstützung zugesagt hat. So wünschen wir dem Unternehmen ein volles Gelingen.