Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 3 (1928)
- Issue
- 3 (3.1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Verbände und Vereine. Mainz. Auf eine segensreiche fünsundsiebzigjährige Wirksamkeit kann in diesem Monat der Israelitische Waiienpflegevercm in Mainz zurückblicken. Als von einem achtbaren Teile unserer Gemeinde mit der Mission betraut, wandten sich namens des Vorstands nnd des Festkomitees der Gemeinde Dr. Jos. Aub (Rabbiner), Leop. Goldschmidt, Mich. Reinach und I. Nachmann untern: I.März 1853 mittels Rundschreiben an die Gemeindemitglieder um die Stiftung einer wohltätigen Institution zum Denkmale an den schönen Einweihungstag der Synagoge (11. März 1853) anzuregen. — Die von Baumeister Opfermann errichtete monumentale Betstätte kann zusolge der Vergrößerung der Gemeinde und wegen der höheren Anforderungen, die in der von ihrem Festungsgürtel befreiten Stadt nunmehr gestellt werden, ihrer Zweckbestimmung nicht mehr dienen, das schlichte Denkmal, das zur Erinnerung an die Einweihung geschaffen wurde, „die fortdauernde unversiegbare Wohltätigkeit" — wie die Waisenpflege in dem Aufrufe zur Gründung unter Hinweis auf den Talmud bezeichnet wird —, aber hat das steinerne Baudenkmal überdauert.— Es war dem Vereine mit Gottes Hilfe nicht nur möglich, seiner hehren Aufgabe gerecht zu werden, darüber hinaus konnte er z. Zt. der schweren Jahre des Weltkriegs zu seiner und der ganzen Gemeinde Ehre in weiterem Umfange wohltätig wirken. — Es hat sich hier die im erwähnten Aufrufe zum Ausdrucke gebrachte Hoffnung der Gründer erfüllt: Das fromme Werk war gediehen und es.konnten Ueberschüsse zur Unterstützung verschämter Notleidender verwendet werden. Der Verein war materiell auch hierzu in der Lage, waren doch die Früchte seines mehr als 350 000 Mark betragenden Kapitals ein vielfaches der Beiträge seiner Mitglieder. — Durch die Inflation find diese Pupillengelder, wie die Kapitalien der anderen Wohlfahrtsvereine sehr entwertet worden. — Es sei daher zum 75. Geburtstage an den Hinweis in dem Gründungsaufrufe erinnert, daß, wie der Vergangenheit, so der Gegenwart und Zukunft es Vorbehalten ist, zeitgemäße wohltätige Anstalten ins Leben zu rufen. - - Möge der edle Sinn bei der heutigen Generation sich in der Gemeinde bewähren, möge der Mainzer israelitischen Neligionsgememde und den in ihrer Mitte bestehenden wohltätigen Körperschaften Kapitalien zugeführt werden, deren Zinsen dazu dienen müssen —- ohne allzugroße Begrenzung der Zweckbestimmung — innerhalb der Gemeinde die Armen- und Krankenpflege zu fördern. Ter Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt seine diesjährige Hauptversammlung vom 11.—13, Febr. tut Plenarsaale des vorläufigen Reichswirtschastsrates zu Berlin ab. lieber 200 Delegierte waren zu der Tagung erschienen. Im Mittelpunkt des I.Berhandlungstages stand ein Berichtdes C.-V., Syndikus Dr.Wienerund ein hochinteressauterBortrag desstaatssekretärsa.D. Prof. Dr. Julius Hirsch über „Wirtschaftsprobleme der deutschen Juden". Am Vormittag des 12. Februar fand im „Capitol" am Zoo eine große öffentliche Kundgebung statt. Künstlerische Darbietungen umrahmten 4 Vorträge, die unter dem Gesamttitel „Lebensfragen der deutschen Juden" standen. Es sprachen Rabbiner Dr. Lazarus-Wiesbaden, Chefredakteur Georg Bernhard- Berlin, Rechtsanwalt Dr. Norbert Regensburger-Braunschweig und Direktor Dr. Ludwig Holländer. Die bedeutsame Versammlung, welche vom Vorsitzenden des C.V., Herrn Justizrat Tr. Brodnitz, geleitet wurde, schloß mit der Absingung der 3. Strophe des Deutschlandliedes. Die Nachmittagssitzung, die um 3 Uhr begann und ohne Unterbrechung bis 11 Uhr dauerte, war gänzlich vou geschäftlichen Dingen ausgefüllt. Der 3. Verhandlungstag brachte danu einen Vortrag des Direktors Dr. Ludwig Holländer über „Abwehrverein oder Gesinnungsverein" und anschließend hieran ein Referat von Dr. Eduard Strauß über „Der C.-V. der Gegenwart, der C.-V. der Zukunft". Zu den Ausführungen beider Redner wurde in einer lebhaften und ausgedehnten Diskussion Stellung genommen. lieber „Das Wirtschaftsprogramm des C.-V." sprach nachmittags Dr. Norbert Einstein. Einen würdigen Abschluß erhielt die Hauptversammlung durch die in den Ulnion-Festsälen" veranstaltete Kundgebung, bei Unser Mazzenbestellungen ist ein erfolgreiches Insertionsorgan für Pessach wolle man baldigst erledigen bei Max Adler, Mazzenfahrik Zanggasse 21 * Tel. 1599 Frische Mazzen den ganzen Tag der als Redner über das gleiche Thema wie im „Capitol" Rechtsanwalt Dr. Reichmann-Berlin, Rabbiner Dr. Levi-Mainz, Frau Paula Ollendorf-Breslau, Dr. Ludwig Haas M.d.R.-Karlsruhe und Rechtsanwalt Tr. Bruno Weil-Berlin eindrucksvoll referierten. Tie Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" hielt Ende Januar in Berlin eine Sitzung ab. Ihr gingen Beratungen der Unterkommissionen fiir Gefangenen- und Psychopathenfürsorge voran. Die Verhandlungen standen unter den: Vorsitz von Sanitätsrat Dr. Seeligsohn-Berlin. In der Kommissionssitzung für Gefangenenfürsorge, an der auch der Vorsitzende des sozialen Ausschusses des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes, Rabbiner Tr. Horovitz-Frankfurt am Main, teilnahm, wurde mit Besriediguug davon Kenntnis genommen, daß vom 1. Februar ab eine enge Zusammenarbeit zwischen der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und dem Sozialen Ausschuß^ des Allgemeinen deutschen Rabbiner- Verbandes durchgeführt ist, über die noch Näheres durch besondere Mitteilung an die Presse bekanntgegeben wird. Bei den Beratungen standen Fragen des weiteren'Ausbaues der Seelsorge und Fürsorge im Vordergrund. Es wurde beschlossen, demnächst in Gemeinschaft m:t dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und dem Sozialen Ausschuß des Allgemeinen deutschen Rabbinerverbandes über die einschlägigen Fragen, zunächst für Preußen, mit dem Ministerium zu verhandelt unb alsdann Richtlinien für die Arbeit aufzustellen. Im übrigen wurde von dem Beitritt zu dem neugebildeten „Reichszusammenfckiluß für soziale Gerichtshilfe, Gefangenenulid Entlassenenfürsorge", der unter dem Vorsitz des Strafvollzugspräsiden len Muntan in Celle steht, zustimmend Kenntnis genommen. Tie jüdische Wohlfahrtspflege wird nach den getroffenen Vereinbarungeil wie die übrigen Konfessionen durch 3 Vertreter int Arbeitsausschuß des Reichszusammenschlusses vertreten sein. In der Kommissionssitzung für Psychopathenfürsorge war diesmal die Frage der Beratungsstellen für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche Hauptgegenstand der Erörterungen. Im einzelnen galten sie der Aufstellung eines lückenloseil Verzeichnisses der Beratungsstellen, das nunmehr zusammengestellt ist und nur noch durch Verhandlungen mit einigen jüdischen unb interkonfessionellen Stellen abschließend ergänzt werden soll. Zum schluß wurde angeregt, sich demnächst mit der Frage voii Beobachtungs-Kindergärten und -Horten zu beschäftigen. Die Kommission für Psychopathenfürsorge ist zue Erteilung aller Auskünfte bereit nnd würde für jede Mitteilung aus der praktischen Arbeit der jüdischen Psychopathenfürsorge jeglicher Art sehr dankbar sein. In der Plenarsitzung der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" konnte Herr Sanitätsrat Dr. Seengsohn mit besonderer Freude zwei ausländische Gäste begrüßen, uämlich die Herren Cohen-London, Generalsekretär der Jüdischen Gesellschaft für Mädchen- und Frauenschutz und Glücksinann- Buenos-Aires, einen Vorsitzenden der Jüdischen Mädchen- und Frauenschutzorganisation in Bnenos-Aires. Beide gaben eingehende außerordentlich interessante Berichte über den stand ihrer Arbeiten. Herr Cohen erläuterte dabei insbesondere die Tätigkeit der internationalen Kommission für die Fragcri des Mädchenschutzes und Mädchenhandels beim Völkerbund in Genf. Er begrüßte es mit großer Genugtuung, daß nunmehr in der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" eine alle beteiligten jüdischen Organisatiollen umfassende Zentralstelle für die allgemeinen Aufgaben dieses Gebietes tn Deutschland geschaffen ist. Herr Glücksmann berichtete ausführlich über die Organisation in Bnenos-Aires und brachte vor allem zum Ausdruck, ivie stark die jüdische Mitarbeit in Argentinien bei allen Fragen des Mädchenschutzes und der Bekämpfung des Mädchenhandels fei. Die Arbeitsgemeinschaft nahm im übrigen vor: den Ergebliissen der eben erwähiiteii Beratungen ihrer Unterkommissionen Kenntnis, bestätigte die Wahl von Frau Paula Olleiidorf-Breslau zur Mitvorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdeten-Fürsorge" ulid wählte eine Anzahl von Vertretern anderer Organisatiorleu teils in ihren Kreis, teils in ihre Unterkommissionen hinzu. Ferner wurde der Arbeitsgemeinschaft ein eingehendes Rundschreiben über die Mitwirkung der jüdischen Wohlfahrtspflege in der neugeregelteil Geschlechtskranken- und Gefährdetenfürsorge, das demnächst gemeinsam mit dem „Jüdischen Frauenbund" versandt werden soll, zur Genehmigung vorgelegt. Schließlich wurde eiu kurzer Bericht über den Stand der Verhandlungen wegeii stärkerer Mitarbeit der jüdischen Jugendwohlfahrts- und Gefährdetenfürsorge im allgemeincil Deutscheii Fürsorge-Erziehungstag gegeben. Alle Anfragen, die in diesem Bericht erwähnte Arbeitsgebiete im allgemeiiicn uiid besonderen betreffen, werden aii die Arbeitsgemeinschaft „Jüdische Gefährdetenfürsorge" oder ihre Unierkommissionen, sämtlich Berlin X 24, Oranienburgeruraße 00, II., erbeten. 7