Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 11 (11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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tums geworden ist, solange ist keine durchgreifende Besserung unserer Lage zu erwarten. Wenn wir gesagt haben, daß wir Verständnis für die Lage des Verbandes haben, so fehlt uns dies für die Besoldungspolitik recht vieler hessischer Gemeinden. Ist es nicht eine Kulturschande, daß trotz aller Mahnungen, trotz aller Aufklärungsarbeit der jüdischen Körperschaften und der jüdischen Presse, in Hessen es immer noch Gehälter gibt, die man sich schämen würde einem Kuhknecht anzubieten, Gehälter, ich brauche Ihnen keine Zahlen zu nennen, sie haben sich seit dem Vorjahre nicht verändert, Gehälter, die trotz der Geldentwertung seit 1914, die auch damals schon völlig unzureichend waren, immer noch sich auf dem Vorkriegsniveau bewegen und mit denen der Empfänger, auch wenn er ein Hungetckünstler wäre, (Lebenskünstler sind ja die meisten Lehrer) absolut nicht auskommen kann. Herr Rabbiner Tr. Levi, .Kollege Simon und auch ich haben als Vertreter des Schulausschusses auf dem letzten Gemeindetag diese Verhältnisse offen und rückhaltlos besprochen und Abhilfe gefordert. Unsere Darlegungen, die überzeugend nachwiesen, daß durch die wirtschaftliche Not der Lehrer die religiöse und geistige Not bedingt wird, hatten damals (es war wahrscheinlich das erstemal, daß vor Nichtlehrern diese Tinge so unverschleiert und offen gebrandmarkt wurden), unverkennbaren Eindruck gemacht. Es ist mir aber noch nicht zu Ohren gekommen, daß auch nur ein einziger Parnes damals nach Hause gegangen ist und seinem Lehrer von selbst eine Gehaltsaufbesserung gegeben hat. Allein wir werden nicht Nachlassen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit unsere Finger in diese schwörende Wunde am Körper der hessischen Judenheit zu legen. Wir wissen, daß alle Einsichtigen, alle die es ernst damit meinen, und durchdrungen sind von dem Verständnis, daß nur durch die Hebung der wirtschaftlichen Lage des Lehrerstandes sich auch eine Hebung und Renaissance des hessischen Judentums herbeisühren läßt, in dieser Frage zu uiis stehen. Wir wissen vor allen Dingen, daß der Oberrat unseres Verbandes in dieser Lebensfrage unseres Standes mit uns zusammengeht und ernstlich bemüht ist, eine Aenderung dieser unhaltbaren Zustände herbeizuführen. Es ist eine der wichtigsten Ausgaben des Verbandes in dieser Angelegenheit, die zugleich eine Lebensfrage des Judentums ist, einen Wandel in der Gesinnung, zunächst in der Gesinnung der ihm angeschlossenen Gemeinden herbeizuführen. Wenn erst die Verbandsgemeinden ihre Lehrer anständig bezahlen, werden die anderen von selbst kommen. Andere Gemeindeverbände sind denselben Weg gegangen. Die Gemeinden können mehr bezahlen, müssen bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in der Bezahlung ihrer Lehrer gehen. Was dann noch fehlt bis zur Gruppe 7, kann der Verband zuschießen. Ich bin überzeugt, daß fast alle hessischen Gemeinden bei ernstlichem Willen und Wollen, mindesten zwei Drittel bis drei Viertel der Gruppe 7 ausbringen köunen. Ju anderen Ländern, insbesondere in den süddeutschen Ländern, müssen alle Gemeinden solche Leistungen vollbringen und es fällt dort keiner Gemeinde ein, dem Lehrer das Anerbieten zu stellen, weniger als Gruppe 7 zu nehmen. Wir werden deshalb demnächst im Oberrat den Antrag stellen, daß der Verband seine ihm angeschlossenen Gemeinden, die noch nicht eingruppiert haben, dahin beeinflussen möge, ihre Lehrer nach einem bestimmten Regulativ (zwei Drittel oder drei Viertel) nach der jeweiligen staatlichen Besoldungsordnung zu bezahlen. Die dann noch fehlenden Gehaltszuschüsse werden, davon bin ich überzeugt, nicht allzuschwer vom Verband aufgebracht werden können, selbst wenn der Staatszuschuß, was wir nicht hoffen wollen, noch länger ausbleibt. Aber wir geben uns keinem allzugroßen Optimismus hin, es wird nicht leicht sein, unsere hessischen Landparnossim zum Einlenken zu bringen, erst wenn sie sehen und sie werden es ja noch sehen, daß auch der Bestand ihrer Lehrerstelle bedroht ist, werden sie, wir wollen es hoffen, wenn es nicht zu spät ist, zur Besinnung kommen. Aber wir werden trotz aller Bedenken, die wir haben, uns nicht zurückhalten lassen, diesen Antrag zu stellen. Den richtigen Zeitpunkt werden Sie uns überlassen müssen. Der Verband gibt in dieser Beziehung seinen ihm angeschlossenen Gemeinden ein gutes Beispiel. Die von ihm heschästigten Wanderlehrer werden nach Gruppe 7 bezahlt und er hat auch bei der Wiederanstellung eines Lehrers eine Gehaltsbeihilfe in einer Höhe übernommen, die ich schon als Gehaltszulage gerne für jeden jüdischen Lehrer akzeptieren würde (1200 Jt). feie sehen, der Anfang ist gemacht, die ersten Schritte sind erfahrungsgemäß stets die schwersten. In den kommenden Jahren werden alle Hess. Lehrer Vorteile vom Verband erhalten! Auch sonst wurden allerlei Verbesserungen unserer Lage im vergangenen Jahre erzielt. Ein von uns eingebachter Antrag, einer Lehrerwitwe eine monatliche Pension zukommen zu lassen, wurde vom Oberrat nicht nur angenommen, sondern es wurde auch zugleich der Beschluß gefaßt, daß in Zukunft alle Lehrerpensionäre, die keine staatliche Pension bekommen, eine Pension vom Verbände erhalten. Damit ist auch ein alter Wunsch und eine alte Forderung, die sich bisher in keiner Weise verwirklichen ließ, weil ja die betreffende Stelle fehlte, erfüllt worden. Unser Verein hat weiter im vergangenen Jahre einen Schlüssel bei dem Verbände eingereicht, nach welchem in Zukunft die Geldmittel des Verbandes verteilt werden sollen. Auch dieser Vorschlag wurde vom Verbände genehmigt. Des weiteren gehören Ihre Vertreter verschiedenen Kommissionen und Ausschüssen des Verbandes an und wir haben als Ihre Vertreter bei allen Aufgaben des Verbandes nach bestem Wissen und Gewissen mitgearbeitet. Ich habe mich bisher bemüht, Ihnen in Kürze ein Bild zu geben, von dem, was im abgelausenen Jahre erreicht wurde, aber auch vou dem, was wir noch vou der Zukunft erhoffen. Ich wende mich nun einer anderen Frage zu, die gerade m der Gegenwart für unseren Stand von eminenter Bedeutung ist. Es ist jene Frage, die auch iu anderen Ländern, vor allen Dingen in Preußen die Gemüter der jüdischen Lehrerschaft erregt hat, nämlich die Frage der nicht seminaristisch vorgebildeten Lehrer. Es braucht nicht unsere Ausgabe zu sein, hier von dieser Stelle aus gegen die geplante Ausbildung der zukünftigen Schochtim zu Religionslehrern zu protestieren, wir können dies den Kollegen in Preußen überlassen. Jenem Protest der preußischen Lehrerschaft ist ja schon ein Dementi des preußischen Verbandes gefolgt, in dem es heißt, daß man das, was die jüdische Lehrerschaft aus jenem bekannten Ausruf herauslas, nicht wollte, daß man die Schochttm nur zu Vorbeteru und nicht zu Lehrern ausbilden will. Aber mag dieses Dementi auch aus Wahrheit beruhen, es besteht dennoch die Gefahr, daß unsere jüdischen Gemeinden jene in Berlin ausgebildeten Schochtim, die man, das wollen wir Lehrerschochtim doch anerkennen, bei den heutigen Sch'chitahverhältnissen unbedingt nötig hat, nicht nur als Schochtim und Vorbeter, in welcher Eigenschaft sie viel Gutes wirken können, gebrauchen wird, sondern daß man ihnen auch den Religionsunterricht übertragen wird. Und hier liegt nicht nur eine Gefahr für unseren Stand und für seinen Kampf um wirtschaftliche Hebung, — wir wissen aus Erfahrung, daß diese Elemente auch ohne Eingruppierung zufrieden sind, — sondern zugleich auch eine Gefahr für das Ansehen der jüdischen Gemeinschaft und unsere Religion. Eine jede Religion wird nach ihren Vertretern beurteilt und daß diese Herren nicht geeignet sind, ganz abgesehen von der Vorbildung, als Lehrer und geistige Führer ihrer Gemeinde bei der nichtjüdischen Außenwelt aufzutreten, das bedarf wohl hier keiner besonderen Erörterung. Wir werden, da man hier in Hessen sicher gern und freudig solche billigeren „Lehrer" von unserer Reichshauptstadt beziehen und 3