Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 2 (1927)
- Issue
- 7 (7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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III. Sitzungsbericht über den am 19. Juni 1927 in den Räumen der Nhenusloge zu Mainz stattgehabten 2. Gemeindetag des Landesverbands der israelitischen Religionsgemeinden Hessens. Aus alleu Bezirken des Verbandes sind Vertreter erschienen und bei Beginn der Verhandlungen 91 Abgeordnete zugegen. Der Verbandsvorsitzende, Herr Kommerzienrat B. A. Mayer- Mainz, begrüßte die Erschienenen und erteilt Herrn Rabb. Dr. Holzer-Worms das Wort. Herr Dr. Holzer erfleht mit den von unserem Lehrer Moses beim Bau des ersten Heiligtums gesprochenen Worten „W'hi noam!" den himmlischen Segen für die vom Verbandstage zu leistenden Arbeiten. Der Vorsitzende erstattet hierauf den Geschäfts- und Kassenbericht (siehe oben). — Im Anschlüsse hieran verließt er 3 Resolutionsentwürfe und ersucht um Stellungnahme zu denselben.— In dem ersten wird Verwahrung eingelegt gegen den Erlaß von 'einer einem Sch'chitahverbote gleichkommenden gesetzlichen Bestimmung. Als erster ergreift Herr Rechtsanwalt Joseph-Darmstadt das Wort. — Er berichtet über den Verlauf der am 10. d. M. in der Generalversammlung des Tierschutzverbands zu Darmstadt stattgehabten Schächtdebatte, weist hin auf die Betäubungsversuche mit chemischen Mitteln und empfiehlt — besonders in Hinsicht auf die Möglichkeit, daß im Laufe der Zeit eine den Juden statthafte physikalische oder chemische Betäubungsart ausfindig gemacht werde —, einen Betäubungszwang als nicht absolut unzulässig zu erklären. ' i ■ ■■ ,; ^jj Bei der sich hieran anschließenden Aussprache beteiligten sich die Herren Rabbiner Dr. Holzer, Worms; Rechtsanwalt Dr. Baum, Alzey; Rabbiner Dr. Levi, Mainz; Ferd. Mayer, Harxheim; Justizrat Dr. Goldschmidt, Offenbach a. M.; Ad. <Äeinberger, Alsfeld; Rabbiner Dr. Dienemann, Ofsenbach a. M.; Lehrer Kahn, Alsfeld; Fritz Reis, Bankdirektor, Friedberg; Jak. Mainzer, Heppenheim a. d. Bergstraße. Hierauf wird folgende Entschließung gefaßt: „Der Landesverband steht einmütig auf dem Standpunkte, daß alles getan werden muß, um die Sch'chitah den Juden zu erhalten, die Form der Resolution und die Mittel dies zu erreichen, bleibt dem Oberrat Vorbehalten." Die 2. Resolution: „Der Gemeindetag billigt einmütig die Stellungnahme des Oberrates in der Frage eines Reichsverbandes und gibt der Erwartung Ausdruck, daß ein solcher Verband recht bald auf der Grundlage des ursprünglich von Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, München, unter Mitwirkung aller übrigen Landesverbände festgestellten Verfassungsentwurfs zustande kommt." wird ohne Debatte einstimmig angenommen. Bei der sich anschließenden Aussprache zu dem Entwurf einer dritten Resolution, die Stellungnahme des Gemeindetags ‘<m den Schreiben des Hess. Landesverbands gesetzestreuer Synagogengemeinden in Darmstadt betreffend, beteiligen sich die Herren: Steinberger, Alsfeld; Reis, Friedberg, dem die Bezeichnung „Rat" nicht so hart klingt, als die „Oberrat"; Dr. Levi, Mainz; Dr. Baum, Alzey; Ferd. Oppenheimer, Oberingelheim; Jsaac Oppenheimer, Gaubickelheim; Justizrat Dr. Marx, Bingen und Lehrer Kahn, Alsfeld. Herr Kahn äußert sich als Mitglied des Oberrats und als Vertreter der orthodoxen Mitglieder des Landesverbands. Die Verbandsleiiung habe sich jederzeit in der loyalsten Weise verhalten, die Wünsche der Orthodoxie seien stets erfüllt und nichts sei im Verbände den Thorahgesetzen zuwider geschehen. Der vom Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden gegen den diesseitigen Verband erhobene Vorwurf: der Verband bekämpfe die Orthodoxie, sei zu Unrecht erhoben; in unserem Verband, dem der größere Teil der Hess, orthodoxen Gemeinden angehöre, fänden die gesetzestreucn Gemeinden ihre Interessen am besten gewahrt; der Landesverband gesetzestreuer Gemeinden hat daher nicht das Recht, im Namen der Hess. Orthodoxie zu sprechen und Behauptungen aufzustellen, die in jeder Beziehung durch das Wirken des Landesverbandes widerlegt sind. Zur Klärung der tatsächlichen Verhältnisse wäre es erwünscht, wenn der Verband der gesetzestreuen Gemeinden sich als ein Verband der Trennungsorthodoxie bezeichnen würde. Nach Schluß der Beratungen wird folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Gemeindetag billigt das Verhalten des Oberrats, er wünscht die Beibehaltung der Namen: „Landesverband der israelitischen Religionsgemeinden Hessens" und „Oberrat", er erstrebt weiterhin einen möglichst lückenlosen Zusammenschluß aller hessischen israelitischen Gemeinden ohne Unterschied der religiösen Richtung. Der Landesverband bedauert, daß durch das Verhalten des Landesverbands gesetzestreuer Synagogengemeinden zur Zeit die von uns gewünschte Vereinigung nicht gefunden werden konnte." Zur Kasseprüfung werden die Herren Ferd. Oppenheimer, Oberingelheim und Bankdirektor Fritz Reis, Friedberg, gewählt. Der Vorsitzende berichtet, daß die Aufstellung eines Jahresvoranschlags noch nicht möglich sei. — Die Versandspesen für das Mitteilungsblatt und die Reisekosten erforderten einen Aufwand von insgesamt nur zirka 2 500 RM. Zuschuß, alle über diesen Betrag hinausgehenden Einnahmen könnten — wie im Vorjahre — für den Religionsunterricht usw. Verwendung finden. Der Verbandsvorsitzende wird auf Vorschlag des Herrn Dr. Baum, Alzey, der ihm für feine aufopfernde Tätigkeit den einmütigen Dank der Versammlung zum Ausdruck' bringt, einstimmig wiedergewählt. — In gleicher Weise vollzieht sich die Wahl seines Stellvertreters, Herrn Kommerzieiirat L. Kronenberger, Mainz. Herr Rechtsanwalt Joseph, Darmstadt, der vor Beginn der Tagung dem Herrn Vorsitzenden bereits erklärt hat, daß er eine Wiederwahl nicht annehmen werde, schlägt Herrn Bankdirektor Karl Benjamin, Darmstadt, als Oberratsmitglied uiid Herrn Hachenburger, Darmstadt, als Stellvertreter vor. Von dem Herrn Vorsitzenden wird aii Stelle des nach Hamburg. übersiedelnden Herrn Rabbiner Dr. Jtalieiier, Herr Rabbiner Dr. Sander, Gießen als Oberratsmitglied und an dessen Stelle, Herr Rabbiner Dr. Lewit als Stellvertreter vorgeschlagen. Die vorgeschlagenen Herren werden mit den seitherigen Mitgliedern des Kollegiums durch Zuruf gewählt. Herr Decker, Wachcnheim dankt dem Verbände, ohne dessen Wirksamkeit das religiöse Leben auf dem Lande verfallen wäre, für seine Sorge für Unterricht, Sch'chitah usw. Hieraus berichten im Aufträge des Schulausschusses Herr Rabbiner Dr. Levi über die religiösen Verhältnisse in Rheinhessen, Herr Dipl. Handelslehrer Simon, Tarmstadt, über die in Starkenburg und Herr Lehrer Kahn in Alsfeld über die in Oberhesfen. Herr Dr. Levi berichtet über die vom Verband bereits entfaltete Tätigkeit und über das günstige Urteil, das über die Wirksamkeit der beiden Wanderlehrer des Verbands, des Herrn Reallehrer i. R. Salomon zu Wornis und des Herrn Lehrers Rosenberg zu Mainz, zum Ausdruck gebracht werden kann. — Er erwähnt. welche vielfacheii Mäiigel in deii religiöfcii Einrichtunaen der Provilizgcmeinden noch bestehen, bespricht die Möglichkeiten zur Beseitigung der Mißstände und erwähnt, wie sehr, ausweislich des Regierungsblattes, innerhalb der Hess. Gemeinden die freiwilligen Zuwendungen abgenommen haben.. Herr Dipl. Handelslehrer Sinioii, Tarmstadt, schließt sich deii Ausführungen des Herrn Dr. Levi an, er verweist auf den oroßen Jndiffcrentismus, der bei der Stadtbevölkernng jüdischen Dingen gegenüber besteht, auf die geringen Einkommen der Lehrer (Jahreseinkommen von 250, 750, 1000, 1200 RM.) und appelliert an den guten Willen der Gemeindevorstände, die Mißstände zu beseitigen, damit sich Bewerber für die vakaten Lehrerstellen finden lassen. Herr Lehrer Kahn, Alsfeld, schließt sich den Vorrednern in seinen Ausführungen an, erwähnt die durchschnittlichen Alter und Dienstalter der oberhessischen Religionslehrer und weist darauf hin, daß seit 1918 in Oberhessen 9 Religionslehrerstellen unbesetzt geblieben sind. Wenn erfreulicherweise auch zur Zeit noch in Oberhesfen fast kein Kind ohne Religionsunterricht fei, so müsse man gleichwohl wegen der Zukunft ernstlich besorgt sein. Es habe ihm ein Seminardirektor erklärt, daß sich jüngere Lehrer nicht nach Hessen meldeten, tatsächlich seien auch sogar mit der Gruppe VII ausgeschriebene Stellen ohne Bewerbungen geblieben. Dankbar erkenne er und seine Berufsgenosscn an, daß der Landesverband im abgelaufencn Gründungsjahr das seinige zur Besserung getan habe, aber dabei dürfe man nicht stehen bleiben. Wenn cs auch für dieses Jahr noch nicht zu erwarten sei, so müsse doch schon jetzt die Forderung erhoben werden, daß kein Lehrer in Hessen hinter der Gruppe VII (Anfangsbesoldung für Lehrer) zurückbleibe. 5