Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Journal
- Mitteilungsblatt des Landesverbandes israelitischer Religionsgemeinden Hessens
- Volume
- 1 (1926)
- Issue
- 3/4 (August/September 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ben-Ouartetts, welches der Synagogen-Knabenchor Frankfurt entsandt hatte. Unser Landesverband war durch seinen Vorsitzenden, Herrn Kommerzienrat B. A. Mayer, vertreten, der in einer kurzen Ansprache die Glückwünsche unserer Landesorganisation überbrachte. Die ganze Feier verlies harmonisch und schön und wird allen, die daran teilgenommen haben, immer im Gedächtnis bleiben. Gau-Odernheim. Am 11. Juni fand eine Versammlung der hiesigen Ortsgruppe des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jiidischen Glaubens in der Synagoge statt, zu welcher auch Vertreter der Genteindcn Hillesheim, Heßlich, Hahnheim und Dolgesheim erschienen waren. Der Syndikus ErwinBaer,Frankfurta.M., gab einen Bericht über die Ausbreitung antisemitischer Propaganda im besetzten Gebiete und über wirksame Maßnahmen zu deren Bekämpfung. Es schloß sich eine Aussprache an, aus der sich ergab, in welchem Umfange berufsmäßige Hetzer völkische Irrlehren unter der von diesen Dingen nicht unterrichteten ländlichen Jugend verbreiten. Eine Anzahl von neuen Mitgliedern meldeten sich an. 60. Geburtstag. Das Mitglied des Oberrates unseres Landesverbandes, Herr Stadtverordneter Heinrich Hirsch, Groß-Gerau, feierte am 23. Juli seinen sechzigsten Geburtstag. Herr Hirsch, der nicht nur ein umsichtiger, arbeitsfreudiger und erfolgreicher Kaufmann in seinem Fabrikbetriebe ist, sondern seine klare Urteilskraft und sein herzliches, menschliches Empfinden in den Dienst zahlreicher Ehrenämter in seiner Religionsgemeinde wie in seiner Stadtgemeinde seit vielen Jahren stellt, war an seinem Jubeltage Gegenstand herzlicher, wohlverdienter Ehrungen. Das „Groß- Gerauer Tagblatt" schrieb in einem Festartikel an Hirschs Geburtstag die Worte: „So sehr auch der Parteien Gunst und Haß die Charakterbilder all der Männer verwirrt, die heute im öffentlichen Leben stehen, so kann doch nie dem objektiven Beurteiler verhüllt bleiben die hohe Wertschätzung und das unbedingte Vertrauen, welches die Mehrzahl unserer Mitbürger Heinrich Hirsch entgegenbringen. Möge dieser ausgezeichnete Mensch und Bürger unserem Gemeinwesen zum Segen aller noch recht lange erhalten bleiben." Mit dem Ausdruck des Stolzes auf diese Wertschätzung, welche Herr Hirsch in seiner Gemeinde findet, verbinden wir auch unsererseits unsere Glückwünsche für den Jubilar, dem wir noch viele Jahre rüstigen Schaffens auch in unserem Landesverbände von Herzen wünschen. Parlamentarisches. __ Die Verfügung des hessischen Landesamtes für das Bildungswesen betreffend die Befreiung israelitischer Kinder vom Schulbesuch an den Sabbaten, deren Wortlaut wir in Nr. 1 unseres Mitteilungsblattes brachten, hat der deutschnationale Abgeordnete Dr. Werner, welcher aus seiner antisemitischen Tätigkeit zur Genüge bekannt ist, als ein Ausnahmerecht zugunsten der „hessischen Staatsbürger jüdischer Abstammung" — so drückt er sich rassenwissenschaftlich aus — ansehen zu müssen geglaubt. Er versuchte deshalb in Form einer Anfrage einen Vorstoß gegen die genannte Verfügung, weil sie nach seiner Ansicht eine Verletzung der Reichsversassung (Artikel 109 Absatz 1 und 3 und Artikel 148 Absatz 2) darstelle. — Herr Dr. Werner erfuhr aber eine glatte Zurückweisung seiner Beschwerde; die Regierung sagte in ihrer Antwort, daß eine Zurücknahme der Verfügung ungerechtfertigt wäre, denn sie sei gerade eine Erfüllung der Reichsversassung, welche in -Artikel 135 sagt: „Alle Bewohner des Reiches genießen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die ungestörte Religionsübung wird durch die Verfassung gewährleistet und steht unter staatlichem Schutz." Außerdem könne man den Israeliten nicht ein Recht versagen, welches nach dem Beispiel fast aller Länder den Adventisten ohne Widerspruch eingeräumt sei. Und schließlich sei den jüdischen Schülern die Möglichkeit, unter den vorgeschriebenen Bedingungen vom Samstagsunterricht befreit zu werden, schon seit Jahren auch in anderen deutschen Ländern wie Preußen, Bayern, Württemberg, Hamburg, Braunschweig, Anhalt gesetzlich zugesichert. Bücherschau. Mit glühender Feder, Erzählung von Marius Colibert (Philoverlag und Buchhandlung, 1926. 147 S., brosch. 3.— Jl). Eine Erzählung nennt der (?) Verfasser sein Werk, wohl weil es sich hauptsächlich an die äußere Schilderung eines Lebensganges hält, der sich aus unglückseligen Zufälligkeiten im Leben und aus charakterlicher Eigenart im Wesen der Hauptfigur ergibt. Mnra, die jüngste von sieben Töchtern im Schönfeldschen Hause, verliert, kaum geboren, ihre Mutter und als fünfzehnjährige auch den Vater. Die düsteren Jugenderlebnisse schmieden ihr Wesen zu Festigkeit, aber auch zu Verschlossenheit. Nachdem sie den aus Rücksicht auf die materielle Lage des verwaisten Kreises gewählten Büroberuf, angewidert von persönlichen Erlebnissen, ausgegeben hat, wird sie nach vorzüglichem Lehrgang und Examen Lehrerin, kann aber, weil sie Jüdin ist, keine feste Anstellung bei Staat oder Stadt finden; sie lebt im vorkrieglichen Preußen. Sie findet aus Grund ihrer Lehrbefähigung eine private Stellung in Paris, kehrt aber, von den Angehörigen gerufen, wieder nach Deutschland zurück und findet schließlich nach weiteren Demütigungen doch eine feste Anstellung im Lehrberufe. Auf ihrem schweren Lebensweg begleitet sie das Bild eines Arztes, Dr. Schönfeld, mit dem sie ihre Krankheit zusammengeführt hatte, der sie liebt und den sie liebt, mit dem sie aber — das entscheidende Wort und Gegenwort fanden sie nicht — zu einer Lebensgemeinschaft nicht kam. Seelisch bleiben die Beiden sich — auch nach der Heirat des Arztes — nah. Nach dem frühen Tode des Arztes infolge Ueberanstrengung im Kriegsdienst, will Mara am Kinde des Verstorbenen gemeinsam mit dessen Mutter die Herzensverbundenheit mit dem Vater, die nicht zum Ausdruck gekommen war, bewähren. Der Stoff hätte durch vertiefte Behandlung etwas wertvolleres werden können. Hölscher, Gustav, Dr. theol. u. phil. ord. Prof, an der Univ. Marburg. Die Ursprünge der jüdischen Eschatologie. (Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen 1925, brosch. 0.70 RM.). In dieser 16 Seiten umfassenden Abhandlung, welche als 41. Folge in den Vorträgen der theologischen Konferenz zu Gießen erschienen ist, beschäftigt sich der Verfasser mit der Frage, wie der eschatologische Glaube, d. h. der Glaube, daß einst das ewige Reich des göttlichen Heiles und der Erlösung kommen werde, im Judentum entstanden sei. Die Arbeit gibt eine Darstellung und eine Beurteilung der hauptsächlichsten in den letzten Jahrzehnten veröffentlichten Behandlungen dieser Frage, wie sie aus dem Kreise evangelischtheologischer Gelehrter hervorgegangen sind. Er weist mit guten Gründen die Erklärung der jüdischen Eschatologie als einer rationalistischen politischen Hoffnung, wie auch als einer kosmischen Naturmythologie zurück. Auch die Lehrmeinung, daß diese eschatologische Glaubensvorstellung von einem fremden Volke, wie von den Babyloniern, Aeghptern oder Perfern entlehnt und von den Juden nur entwickelt sei, ist als unhaltbar zu betrachten. Vielmehr kommt Hölscher zu dem Ergebnis, daß die Quelle der jüdischen Eschatologie im Kern des jüdischen religiösen Lebens, im Kulte zu suchen sei, daß in der Eschatologie alte Vorstellungen der Juden leben, welche in der Exilzeit bestimmte Formen erhalten haben. Hölschers Vortrag unterrichtet über den Kampf der Lehrmeinungen über diese Frage, zeigt, wie frühere Methoden iviKfK6V^| mmm -'VW'