Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 4 (1878)
- Issue
- 2 (1878)
- Date
- 1878-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616701-9619793-9619877--1187-9619881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
84 sie auf dem Thron gesessen, sondern weil sie ein echt jüdisches Herz gehabt, weil aus diesem Herzen die persönlichen Wünsche durch die Liebe zum Judenthum verdrängt wurden. Als Ahasverus seine Gattin ausforderte, ihm ihre Bitte vorzutragen, da stand ihre Krone, da stand vielleicht auch ihr Leben aus dem Spiele, aber sie verleugnete doch nicht einen Augenblick ihre Religion, ihre Nationalität. Die mit seltenen Reizen ausgestattete Frau hätte sich die Begnadigung der Juden als Gunst erbitten können, auch wenn sie den Schleier ihrer Abstammung nicht gelüftet hätte, aber in dem entscheidenden Augenblick wurde die Königin von der Jüdin zurückgedrängt, im entscheidenden Augenblick säumte sie nicht auszurusen: ״ תנתץ לי נפשי בשאלתי ועמיבבקשתיAuf meine Bitte werde mir mein Leben und aus mein Verlangen mein Volk gewährt." Es ist ein trauriges Zeichen für unsere Zeit, daß man die Lectüre der Estherrolle mit vornehmer Geringschätzung behandelt, und diese Schuld trifft weniger die Männer, sondern mehr die Frauen und Jungfrauen in Israel, die im gesellschaftlichen Leben über ihr Judenthum einen Schleier ziehen, auch wenn es sich nicht um einen Thron, auch wenn es sich nicht um eine Krone handelt. Nicht durch ihre Schönheit, nicht durch ihre Reize, sondern durch ihre Liebe zum Judenthum hat Esther ihr Volk befreit; die Verläumdüngen Haman's fanden die beste »Widerlegung durch die Anhänglichkeit der Königin an ihren Stamm, an ihre Religion. Oder mußten nicht dem irregeleiteten König die Augen aufgehen, als er aus dem Munde seiner Gattin die Worte vernahm: איככה אוכל וראיתי ברעה אשר ימצא את ״ עמי ואיבכה אוכל וראיתי באבדן מולדתיwie vermöchte ich das Unheil zu sehen, das :nein Volk treffen wird, wie könnte ich es mitansehen, wenn mein Stamm untergehet." Diebleibende Bedeutung, die dem Erlösungswerke Esthers innewohnt, liegt darum weniger in dem Erfolg, sondern weitmehr in den Mitteln, mit welchen dieser Erfolg erzielt wurde, weniger in der Thatsache, daß Haman's Anschläge vereitelt wurden, sondern weit mehr darin, daß er wider seinen Willen dem jü-