Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 6 (3.1975)
- Date
- 1975-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9616701-9619452-9619603--0181-9619632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
157 II. M. Fr. Ist es uns klar geworden, daß die Liebe zu unserer einstigen Heimath und die Anhänglichkeit an dieselbe ein natürliches Bedürfniß des jüdischen Herzens ist: so können wir uns doch auch jener Liebe und Anhänglichkeit nicht entziehen, die die Natur gegen unsere gegenwärtige Heimath uns in Herz und Geist gepflanzt hat. Erblickten wir doch auf diesen! Boden zuerst das Licht der Welt. Hier stand unsere Wiege, gewannen wir die ersten bleibenden Eindrücke, spielten wir unsere ersten Spiele; hier ward unser Geist genährt, unser Denken geweckt, unser Herz erwärmet und veredelt, unser Wille gekräftigt und gestärket: ja wer vermag es auch nur auszusprechen, was wir der Heimath danken. Auch hier schlummern uns ja liebe, theure Wesen und haben des Vaterlandes Boden uns hierdurch geheiligt und geweihet. Wen gäbe es daher, der nicht mit heiliger Liebe den Boden umfaßte, an den er mit so heiligen, festen Banden geknüpfet ist! Fraget doch den Jüngling, die Jungfrau, die hinausziehen in die Fremde, wie viel Thräneu sie doch diese Trennung kostet, ja, wie sie sich nicht losreißen können von dem Plätzchen Erde, auf dem sie einst so glücklich sind gewesen. Und in der Fremde — wie wenden wir uns der Heimath zu und bewahren die Erinnerung an sie als ein theures Gut in unserm Innern! Und wenn wir wieder zurückkehren in die Heimath, wieder schauen die alte Umgebung, wie glücklich fühlen wir uns da, wie heiter und zufrieden! Wie jubelnd möchten wir Jedem aus vollem Herzen zurufen: In der Heimath sind wir wieder; die Heimath hat uns wieder ausgenommen. Lieblicher scheinet uns hier der Vögel Sang, der Blumen Duft; mit reicherem Schmucke scheint die Natur uns angethan zu sein. O, m. Fr., es ist ein heiliges, unauflösliches Band, Mit dem die Natur uns an's Vaterland geknüpfet hat, und wahrlich, riefe es der Prophetuns auch nicht mahnend zu: ״ דרשו את שלום העירfördert das Wohl der Stadt, wohin ich euch geführt!" —die Liebe zum Vaterlande wäre dennoch mit unauslöschlichen Zügen uns in Herz und Geist geschrieben. III. Kann nun aber, m. Fr., die Liebe zu dem einen Lande bestehen neben der Liebe zu dem andern? Wird die eine nicht aufgehoben oder dochs beschränket durch die andere, wie man dies vielfach hat behaupten hören? Nein, m. Fr., so wenig wie die Liebe zum Vater die zur Mutter beschränket oder ausschließet, oder die Liebe zu dem einen Kinde die zum andern unterdrückt oder un-