Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 6 (3.1975)
- Date
- 1975-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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143 Scheu vor den geweiheten Formen — es hat in ihrer Brust immer höher erglühen lassen das Gesühl der Pietät, es hat sie schonend und liebreich gemacht nach allen Seiten und würdig der Befreiung. M. A.! auch wir erheben den Becher des Heils und rufen den Ewigen an! Wir werden dadurch gemahnt, daß zwiefach dieses Heil, daß es in Gedanken und in Formen zu Tage tritt. Manchmal wohl wechseln Formen und Gestalten, und der Gedanke allein bleibet ewig. Aber soll und darf jeder Einzelne für sich ersinnen neue Fornien, wie sie seiner Laune, wie sie seinen augenblicklichen Einfällen behagen? Sollen wir nach den unsichern Gründen allein, die hie und da der Eine und der Andere für die Gesetzesvorschrif- Len sich erkünstelt hat, wir auch diese ummodeln und wandeln? Und wieder — wie oft entschwindet mit der Form zugleich der Gedanke, mit der unansehnlichen Schale zugleich auch der edle, kostbare Kern? Sehet um Euch — in allen Verhältnissen äußert sich der Bildung Wirken darin, daß die Formen fester sie gestaltet. In religiöser Beziehung allein will man sprengen die Fessel der Form — von sich werfen die Ceremonien! Namen aber und Formen — bezeichnen und umhüllen nicht allein die Sache, sondern e r h a l t e n sie auch. Heraus aus dem Chaos der Unklarheit erhebt zur vollen Entfaltung, zum Wirken sich der Gedanke, wenn ihm die passende Form ist zuertheilt worden. Und nicht der Masse allein ist die Form nothwendig — jeder Mensch bedarf derselben, auch der geistig Hochgestellte. Wie die Kleidung dem Klima und den verschiedenen Beschäftigungen angepaßt, zu einem Theile des Menschenwesens wird — wie eine Aenderung darin oft des Wesens Wandelung bedeutet, so und noch inniger schmiegen die Formen der Religion sich ganz ihrem Gedankeninhalte an. In ihnen wird dieser erst faßlich, wirkungsvoll — ohne sie ist er ohnmächtig, ein leerer Schall! Diese Formen, die wohl hie und da den Einen beengen, dem Andern fremdartig erscheinen mögen — sie sind nicht veraltet, sie sind noch heute das Gefäß für den geistigen Gehalt unserer Religion, ohne welche dieser Geist sich verflüchtigen würde. Noch heute vermögen sie, was in früheren Jahrhunderten sie vermocht. Ja, diese von so Manchem mißachteten, geschmäheten Formen haben rein erhalten unser Leben von Lastern, an welchen Völker zu Grunde sind gegangen — sie haben geweihet unfern Geist, sie haben unsere Tragkraft gestählt, unsere Brust gepanzert, unser Herz warm erhalten. Allgemein anerkennet noch heute die Wissenschaft ihrer Errichtung Weisheit — und in unserer Zeit sollte man leichtsinnig