Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 1 (1874-1875)
- Issue
- 3 (12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- Seite 84 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Hoffnung waren sie vor sechs Monden mit ihrem kranken Sohne von uns gegangen, und mit einer unaussüllbaren Leere im Eltern- Herzen und im trauten Fanülienkreise sind sie heimgekehrt. Statt des freudigen Willkommen grußes, den wir ihnen zugedacht, haben wir zu schwerer Abschiedsstunde uns hier versammelt. Und gleichwohl sollen es jene beiden üblichen, vielsagenden Willkommensworte sein, die diese bittere Trennungsstunde versüßen mögen: ״ שלום עליכםFrieden mit Euch!" ״Frieden mit Euch!" rufe ich Euch, Ihr Eltern, als Trostes- Zuspruch, ״Frieden mit Dir!" rufe ich Dir, Frühentrissener, als Scheidegruß zu. Frieden mit Euch! Frieden und Ruhe und Beruhigung ziehe eilt in Euer schmerzbewegtes Ellernherz. Frieden und Beruhigung flöße Euch das in der That beruhigende Bewußtsein ein, daß Ihr Alles, was in Menschenmacht lag, gethan, um des Sohnes Leben 511 schützen und zu erhalten, daß Ihr mit dem Propheten sprechen könnt: ״Was war noch an diesem Weinberge zu thun, was wir nicht an ihm gethan hätten?" (Jesaj. 5, 4.) Trost und Frieden flöße die folgende Parabel aus den Schriften unserer Weisen Euerem schmerzersüllten, in Trauer gehüllten Elternherzen ein: ״Einem weisen Rabbi war ein blühender, körperlich und geistig wohlgebildeter Sohn gestorben. Da traten seine gelehrten Freunde und Jünger ein, um ihn zu trösten. Der Eine wies ihn auf Adam hin, der den Abel so unversehens verloren, der Andere auf David, der den Verlust eines jüngsten Kindes und eines erwachsenen Sohnes ertragen mußte, der Dritte gar aus Hiob, dem der Tod alle Kinder beim heiteren Mahle raubte, und den: im höchsten Schmerze fein Wort des Unwillens und der Anklage entfuhr. Gesenkten Hauptes saß der Rabbi hiubrütend da bei diesen Reden, die ihn unbefriedigt ließen. Der Hinweis aus größeres Leid, das Anderen widerfuhr, bot ihm keinen vollen Trost. ״Habe ich mit meinem Schmerz nicht genug, daß Ihr mir den jener Väter noch vorführt?" ries er ihnen zu. Da erhob sich sein Lieblingsschüler, R. Eleasar, und erbat sich das Wort: ״Rabbi, ich will Dir eine Parabel erzählen. Ein König hatte einem jeiuer Vertrauten ein kostbares Kleinod in Verwahrung gegeben, das er zur Zeit schon abfordern lassen wollte. Wie sorgfällig verwahrte dieser es, wie ließ er es an nichts fehlen, um es rein und glänzend zu erhalten, und wie glücklich war er, als er es