Mannheim
Compact Memory

Israelitisches Predigt-Magazin · 1874-10-01 · 1 (10.1874) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
1 (1874-1875)
Issue
1 (10.1874)
Date
1874-10-01
Page
Seite 10 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9616701-9619452-9619453--0014-9619465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 wir doch mit dem scheidenden die Zeit hindurch zusammen gereist. Wir nehmen heut Abschied von dem alten Jahre, welches von uns geht, und begrüßen das neue, mit dem wir die Wanderung fortsetzen wollen. Laßt uns einmal darüber Nachdenken: welcher Nachrufgebührt den! alten, welcherZurufdem neuen Jahre? Unsre Weisen lehren uns: (Ber. 64) ״Wer von einem Verstorbenen Abschied nimmt, der rufe ihm nach "לך בשלום gehe hin in Frieden!" — denn so ist dem Abraham verheißen worden: ״Du wirst zu Deinen Vätern kommen בשלום in Frieden;" wer aber von einem Lebenden Abschied nimmt, der rufe ihm zu לך לשלום״ gehe hin zum Frieden!", wie Eli der frommen Hanna zuruft: "לכד לשלום ziehe hin zürn Frieden, und der Gott Israels gewähre Deine Bitte." *) לשלום — בשלום. Wo liegt der Unterschied? Nur im Buchstaben? Der Todte hat vollendet, hat seine Laufbahn auf Erden durchschritten, auf dem Standpunkt, den er erreicht hat, bleibt er — für uns — stehen; ״was von ihm verfehlt ist, das kann von ihm nicht mehr gut gemacht, was mangelhaft ist, nicht mehr ergänzt werden." (Pred. 1, 16) Aber auch das Gute, was er sich erworben, welches er mitnimmt, kann niemand ihm mehr rauben, keine Macht der Erde hat Gewalt darüber, und Gott wird ihm den Lohn gewiß nicht entziehen, denn ״treu ist der Herr deiner Arbeit, daß er dir den Lohn deines Werkes bezahle." (M. 2, 14) So denken wir denn von dem Verstorbenen, dem wir das letzte Geleite geben, das Beste und rufen ihm nach: ״gehe ein in deinem Frieden, in deiner Vollendung!" Der Lebende aber soll vorwärts streben, er hat noch vieles zu vollbringen, er hat zu kämpfen; wir wünschen, daß die Bahn noch weit vor ihm offen stehen möge, daher rufen wir ihm zu: ״gehe hin zum Frieden, zur weiteren Vervollkommnung! Nun, m. G., was dünkr euch, wie haben wir dem scheidenden Jahre nachzurufen?, wie einem Lebenden, der von uns geht?, wie einem Todten, den wir bestatten? — Das Jahr kehrt nicht wieder — auch der Lebende kehrt vielleicht nicht wieder; Erinnerung an die Vergangenheit bleibt lebendig — auch der Todte lebt in der Seinigen Gedächtniß. Nun, so gehen wir über das Bild hinaus. *) Diese Stelle ist, abweichend vom Talmud, als מענינא דיוסא und daher den Zuhörern bekannter gewählt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.