Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
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110 fic den Kindern, was wir in diesen Zeiten brauchen im Kampfe gegen Verführung, Versuchung und Vorurtheil. Die heilige Schrift, wir lesen sie heute, soweit wir auf dem Boden dieses aufgeklärten Jahrhunderts stehen, mit andern Augen, mit anderm Herzen als die Starr- und Strenggläubigen der Vorzeit, aber vielleicht ist sie uns darum nur um so erbaulicher und erquicklicher geworden, weil wir den Kern von der Schale unterscheiden. Jakob fand den Brunnen auf dem Felde frei und offen liegen, Jedermann erreichbar: es war nicht ein Bergquell, der versteckt aus einer Felsenspalte rieselt, zu dem der Weg auf mühseligen, steinigen Pfaden führt, der den Wanderer durch sein Rauschen lockt, und dann plötzlich sieht sich der Durstende durch eine Felsenschlucht vom Ziel seines Verlangens getrennt; nein, mitten auf dem Felde strömte die labende Fluth. Wie gut paßt dies Gleichniß auf unsere Religion. Da ist nichts Geheimnißvolles, nichts Verstecktes und Verhohlenes. Es soll nicht geläugnet werden, daß die Priester Aegyptens oder Griechenlands in ihren Mystericn, in ihren vom Schleier des Geheimnisses tief umhüllten Versammlungen unter allerhand Sinnbildern und seltsamen Bräuchen manche erhabene Wahrhcit den Eingeweihten kündeten. Aber diese Erkenntniß war wie von einem Wall umgeben, sie glich einem Bergquell, zu dem nur der auf den steilen Gebirgsstegen wohl Vertraute den Zugang wußte, wer ohne Führer den Quell aufsuchte, der büßte das Wagnis; damit, daß er in den Abgrund stürzte und verloren ging. Wie anders die heilige Schrift, ein Buch, das dem Volke übergeben wurde, das in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben ist, das seit mehr als zwei Jahrtausenden in die Sprachen vieler Völker übertragen worden ist; wir bilden uns gar nichts darauf ein, daß nur wir diese krystallklaren Lehren haben, die das Auge erleuchten und das Herz erfrischen; wir verstellen Keinem den Weg zum Brunnen; nur jenes Angeln, jenes Haschen und Jagen nach Seelen mögen wir nicht; genug, der