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Israelitisches Predigt-Magazin · 1894-01-01 · 1894 · p. Seite 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
12 (1894)
Issue
1894
Date
1894-01-01
Page
Seite 107 (sequence 113)
Language
German
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107 hat in seinen Augen die Bedeutung eines schaurigen Märchens, das ersonnen ward zum Echreckniß der Menschen. Aber wie denn? Wenn Du Deinen Nebenmenschen siehst, Deinen Ncbenbruder, der einst zu den schönsten Hoffnungen und Erwartungen berechtigte und nun gesunken ist von Stufe zu Stufe durch eigene Schuld, entringt sich da Deinem Herzen nicht auch die vorwurfsvolle Frage: ״Ist das die Naomi?" Ist das der Zustand jener einst so hoffnungsvollen Kraft, die bestimmt schien Großes und Ruhmwürdiges zu leisten? Wie ist sie doch gebrochen und verfallen, diese einst so herrliche Menschengestalt! Wie muß ich nun meiden diesen Sklaven der thörichten sündlichen Lust, wie muß ich mich lossagen von jeder Gemeinschaft des Verkehrs mit demjenigen, der sein besseres Selbst erniedrigt hat im Dienste des Lasters, der selbst abgestreift seines Lebens Blüten! Aber ich frage Dich: Was giebt Dir denn das Recht zu diesem Rufe des Borwurfs und des Tadels, wenn des Menschen wahres Sein zu Ende ist mit seinem Leibe, wenn seine Herrlichkeit für immer dahingeht mit seinem Lebensodem? Wenn der Erdensohn seinem ganzen Wesen nach verfallen ist dem Staube und der Vernichtung, wenn keine Zukunft unser wartet in einem höheren Dasein, was haderst Du mit demjenigen der früh entblättert seines Lebens Laub und Blüte? Aber es ist die göttliche Stimme in Deiner Brust, die Dich rufen läßt: ״Ist das Naomi? Ist das des Lebens rechte Ver- Wendung und Verwerthung? Es ist Deiner Seele heiliger Klang, der Dir selbst auch kündet des Daseins höheren Zweck und höhere Bedeutung, wenn Du Deinen Nebenbruder siehst in dem eisernen selbstgeschmiedeten Joch, das sein Verderben bedeutet! So laßt uns denn in voller Würdigung der uns innewohnenden Gottesstimme stets wandeln die Bahn der Gottesfurcht und Tugend, die Bahn des edlen, lauteren thatkrästigen Strebens auf daß wir einst, wenn nach dem Rathschlusse des Herrn beendet ist unser Erdenwallen, zurückkchren mit dem Glanze des Siegers in die ewige Heimat,

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