Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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102_ Mit welchen Hoffnungen mochte die nunmehr so schwer geprüfte Greisin ihre Heimath verlassen haben, in der'sie mit den Ihrigen nicht länger weilen wollte, um die Beschwerden der Hungersnoth zu ertragen. Voll sicherer Er- Wartung zogen sie allesammt hinaus nach den Gefilden Moabs, wo für die Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse Alles im Ueberfluß vorhanden zu sein schien: das Gefühl der Anhänglichkeit an die angestammte Heimath, das sonst mächtig wirkt in jedes Menschen Brust, es schwand dahin in dem Verlangen nach ruhigem, ungestörten und vollen Lebensgenuß. Statt in einer solchen Zeit der Theuerung und des Mißwachses mit rühmlicher Selbstentsagung zu helfen mit Hab und Gut, die gesunkenen Hoffnungen zu beleben mit aufrichtendem Wort, mit dem tröstlichen Zuspruch, daß bessere Zeiten kommen würden —entzieht sich Elimelech den augenblicklichen beschwerlichen Verhältnissen; was kümmerte ihn die Noth der Anderen, für ihn und die Seinigen gab's ja den Ausweg, auszuwandern nach den fruchtbaren Gefilden von Moab. Aber hätte man nicht erwarten sollen, daß die Anhänglichkeit an den väterlichen Glauben sie doch zurückhalten mußte von dieser Entfernung aus dem Vaterland׳, denn in Moab waren sie doch allesammt fremd, fremd der Abstammung und dem Glauben nach, fehlte doch für sie jede tiefere religiöse Anregung, des reinen und lauteren öffentlichen Gottesdienstes gar nickt zu gedenken. Von Zeit zu Zeit sehnt sich ja doch jeder bessere Mensch, jedes tiefer beanlagte Gemüth, sich zu erheben in Gemeinschaft mit Anderen zu dem Weltenvater, und waren sie denn irgendwie vorhanden die Bedingungen für die Befriedigung einer solchen Sehnsucht in diesem von dem verworfensten heidnischen Geiste erfüllten Lande? — Aber was galt dem Elimelech die Religion? was galt ihm und den Seinigen häusliche und öffentliche Andacht? er prüfte die Bedingungen des Wohlstandes und des Wohlergehens im Lande der Moabiter und als sie ihm ausreichend erschienen für sein und seiner Angehörigen leiblich Wohl, da schwanden wie