Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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81 stellte. Es ist wirklich kaum zu begreifen, wie diese unserer Gemeinschaft doch so fremde Lehre einen so lauten Widerhall in unserer Mitte finden konnte. Fast will es scheinen, als ob der Genius Israels, der den Einig-Einzigen zuerst erkannte und verkündete, nur aus dem Grunde in die Fluth des modernen Heidenthums untertauchte, um aus seinem Gegensätze nur um so selbstgewisser zu erstehen. Allein dazu dauerte die Versunkenheit schon viel zu lange, und der Schaden, den sie angerichtet, ist fast unheilbar geworden. Man denke nur an die Jugend, die zumeist bar aller religiösen Bildung und Begeisterung heranwächst und für die religiösen Uebungen der Vorfahren nur ein höhnisches oder mitleidiges Lächeln übrig hat. Man trete nur ein in das jüdische Familienhaus — ja, was ist denn daran über- Haupt noch jüdisch? Etwa die Pracht der Geräthe, oder der Reichthum der Gewebe, oder die Fülle an Gemälden und sonstigen Kostbarkeiten? O, das ist es nicht, was einst dem heidnischen Propheten den bewundernden Ausruf entlockte: ״Wie schön sind Deine Zelte, o Jacob, Deine Wohnungen, o Israel!" Es ist trotz allen Prunkes und" Glanzes kalt und öde geworden in den Wohnungen Israels, weil das erwärmende Feuer der Religion im Innern erloschen ist. Einst kündete sich der Geist jüdischer Frömmigfett, der das ganze Hauswesen durchwaltete, schon an der Schwelle an, in jener Kapsel an der Thürpfoste, die das Bekenntnis der Gotteseinheit und das Gebot der Gottesliebe einschloß: heute ist auch dieses Zeichen fast überall verschwunden, und wo es doch noch vorhanden ist, da ist es zum Amulet herabgesunken, zu einem Feuerzauber oder zu einer Krankheitsversicherung, keiner vernimmt daraus mehr den Zuruf des Geistes: ״Löse die Schuhe von Deinen Füßen, denn dieser Ort ist heiliger Boden!" Aber alle diese trüben Begleiterscheinungen unserer jüngsten Befreiung machen keinen Eindruck in den Kreisen, wo man nur in der höhern Sittlichkeit das Kenn- Zeichen wahrer Freiheit erblickt. Wohlan! Ist wenigstens Jahrgang 1894. F estpredigten. 6