Mannheim
Compact Memory

Israelitisches Predigt-Magazin · 1894-01-01 · 1894 · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
12 (1894)
Issue
1894
Date
1894-01-01
Page
Seite 79 (sequence 85)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9616701-9618385-9618386--2439-9618469
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 Treulosigkeit die Hand bieten. Aber auch unter den Befreiten lebt da nicht jener Geist, der den dauernden Erfolg verbürgt? Da sehen wir zunächst eine Muthlosigkeit, die sich bis zur Verzweiflung steigert und in maßlosen Vorwürfen ergeht gegen die eigenen Führer, gegen Gott und gegen Mose, seinen Knecht. Sodann herrscht da eine Zerfahrenheit, die dem Feinde geradezu in die Hände arbeitet. Vier Parteien, das haben schon unsere alten Weisen angemerkt, ringen da um die Oberhand; vier Vorschlüge werden gemacht, wo nur einer zu retten vermag. Ist das nicht ein Bild unserer Zeit, m. A.? Gewahren wir da nicht im Spiegel der Vergangenheit die Verfolger und Verfolgten der Gegenwart, die Anschläge von drüben und die Vorschläge von hüben? Freilich, wenn uns diese Nutzanwendung nichts weiter gewährte, als daß sie uns die Schwäche unseres gegenwärtigen Verhaltens aufzeigte, so würde sie noch nicht ausreichen zur Belehrung in den Gefahren, die uns ringsum bedrohen. Wir wüßten nur, was wir zu lassen, nicht aber was wir zu thun haben; wir wüßten zwar, daß es ebenso feige und niederträchtig ist, sich aus den Reihen der Kampfgenossen hinwegzuschleichen, wie cs thöricht und verächtlich ist, sich in das Sklavenjoch Mizraims ohne Widerstreben zu fügen: womit wir uns aber zu rüsten haben, damit uns der Erfolg nicht fehle, wie und wo wir selbstthätig eingreifen sollen, um die gerechte Sache zum siegreichen Ende zu führen — diese wichtigste Erkenntnis bliebe uns noch verborgen. Aber das eben ist es, was uns den heutigen Festabschnitt ebenso lehrreich wie anziehend gestaltet, daß er uns auch diese wichtige Erkenntnis erschließet. Mose ist es, dec sie uns kündet, er, der inmitten der geängstigten und aufgewühlten Massen weder seinen Muth noch seine Besonnenheit verliert. Was er da in Hinblick auf die heranstürmenden Aegypter seinen Volksgenossen zurust, das ist heute noch beherzigenswerth, wir meinen die Worte, mit denen er die Verzweiflung seines Volks beschwört: אל תיראו התייצבו וראו את ישועת ד,'״

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.