Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 12 (1894)
- Issue
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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75 III. * Gewalt und Recht, so heißt das dritte Kämpferpaar, und Gewalt geht vor Recht, so lautet der Spruch des Düstcrblickenden. Dürften wir es glauben, die wir das Passahfest feierten? Wo hat je das Recht der Unterdrückten einen glänzenderen Sieg gefeiert, wo wurde schimpflicher die Gewalt bestraft? Wo lag die Macht? Bei dem geknechteten, gedrückten Israel, oder bei den Rossen und Streitwagen Aegyptens, bei dem Manne, der als ein vertriebener Flüchtling zurückkehrle und mit keiner anderen Waffe als der des unsterblichen Rechts auftrat, oder bei dem stolzen Pharao, der über die Waffen eines stolzen Reichs gebot? War sie bei dem Verfolgten oder bei dem Verfolger? Was damals geschah, das hat sich unzähligemal erneuert, nie war die Gewalt bei Israel, sondern bei seinen Drängern, und wäre Gewalt vor Recht gegangen, wie hätte das winzige Häuflein ungebeugt und ungebrochen werden können, ob auch viel tausendmal die Winterstürme um seinen Scheitel gebraust, unverwandt den Blick nach Osten gerichtet, harrend auf den lichten Frühlingsmorgen, wo das Recht seine Alleinherrschaft errichten wird. Blicken wir zurück in diese Jahrtausende, wie von dem Fels der Gewalt langsam ein Steinchen nach dem andern abgebröckelt ist, wie sie knirschend einen Schritt nach dem andern zurückweicht, ihr Reich kleiner und das des Rechts immer größer wird. Ja, wir können mit Recht ausrufen: Dies Jahr sind wir noch Knechte, im nächsten Jahr freie Männer, freiere Männer. Sind wir noch die verachteten in das Dunkel der Gasse zurückgestoßenen Recht-, Schutz- und Heimathlosen? Leben wir nicht in einem Lande, dessen Gesetze Recht sprechen auch für uns? Nur der Kurzsichtige wird sich muthlos machen lassen durch die scheinbaren Siege, die hin und wieder das Unrecht und die Gewalt erringt, sie sind wie Winterschauer im Mai — schwach und schnell vergehend. Wir haben unsere Rechte verloren, aber wir haben das Recht.