Mannheim
Compact Memory

Israelitisches Predigt-Magazin · 1894-01-01 · 1894 · p. Seite 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitisches Predigt-Magazin
Volume
12 (1894)
Issue
1894
Date
1894-01-01
Page
Seite 63 (sequence 69)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9616701-9618385-9618386--2423-9618453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

II. Der zweite Kelch ist der Jugend geweiht, die aus innerem Drange fraget und forschet, die im Ringen und Kämpfen sich läutert und die Kraft edlen Strebens sich erhöht. Sie achtet die Ueberlieferung der Borfahren, das Erbgut der Väter ist ihr nicht gleichgiltig, aber sie will den Werth des Ueberkommenen an dem Maaßstab der eigenen Ueberzeugung schätzen lernen. O wunderbare Zeit der Jugend wie bist Du so reich an Freuden und Wonnen, aber auch so reich an Schmerzen und Bitternissen! Tausend Netze und Fallstricke sind rings um Dich ausgebreitel. und Siegen und Unterliegen erscheinen in Dir auf's innigste verschwistert. Dir eignen die Blüten des Glaubens und der Hoffnung, und Ideen der Freiheit und des Lichts, — du bringst sie zur Reife. Aber in Dir keimet auch der Zweifel, der sich in seinem Uebermuthe an das Höchste wagt und Gott in uns und über uns verneinet; in Dir loht die ungcbändigte Leidenschaft, die die Sinnlichkeit zu einem Feuerbrande anfacht und alle Herrlichkeit des Menschentums zu vernichten droht. O Du über Alles geliebte Jugend, wer rettet Dich von all den Gefahren, die Dich umgeben? Mehr als jedes andere Alter bedarfst Du der gnadenreichen Erlösung. O wer Dich den weisen Gebrauch Deiner schwellenden Kraft und Deines sprühenden Geistes lehrte, und wer Dich warnte vor dem Abgrund, der dicht an der steilen Höhe des falschen Ruhmes auf Dich lauert! Allein fast scheint es, als wolltest Du nicht belehrt und gewarnt sein, als könnte die Weisheit nur als späte Frucht aus Deinem eigenen Unglück Dir erblühen. Mißversteht mich nicht, Geliebte! Nicht bannen möchte ich den Zweifel, nicht abweisen die kühne Frage, nicht austilgen die Leidenschaft. Denn der Zweifel ist die Wurzel der Wahrheit, und in der Frage festigt sich die Ueberzeugung, und in der Leidenschaft birgt sich die Schaffenskraft. Wer nie gezweifelt und gefragt, wer nie die Hand ausgestreckt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.