Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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101 Büchlein Ruth zeigt uns, das; die Treue gegen Proselyten nicht nur in hochgebildeten Geistern wie Josua lebte, sondern daß sie ein Erbe des jüdischen Volkes war. Ruth wird trotz ihrer fremden Abstammung von den Anverwandten ihrer Männer als zur Familie gehörig betrachtet und Boas betet sür sie, Gott möge ihr vollen Lohn geben dafür, daß sie gekommen sei, sich unter den Schutz seiner Fittige zu bergen. Ta gilt kein Unterschied mehr zwischen der Fremden und der Eingeborenen, sie war Jüdin so gut als könnte sie von Abraham ihre Abstammung herleiten, und den König David schändet es nicht, von der Fremden, sondern es ehrt ihn, von der Ruth abzustammen, von Ruth, diesem Vorbild der Treue. Ja Ruth hat ihrem Gatten Treue bewahrt bis über das Garb hinaus; da sie dem jüdischen Manne sich angeschlossen hatte, so glaubte sie nicht, mit diesem allein den Bund geschlossen zu haben, sondern auch mit seiner Familie, seinem Glauben, seinem Volke, und aus dieser Treue gegen die Todten blühte ihr ein Segen füUs Leben. Sie war fremd im Lande, aber da sie treu war, so gewann sie rasch die Herzen Aller, und die Schrift meldet von ihr: ״Alle Bewohner von Bethlehem wußten, daß sie ein treffliches Weib war", sie wandelte in den Wegen des Gottes, von dem es in dein nach ihr benannten Buche heißt: ״Er wahrt seine Liebe den Todten und den Lebenden." Wohl dem, sür den alle die guten Menschen, deren Scheiden er beklagt, nicht vergebens gelebt haben, der ein heilig Erinnern an sie in seiner Seele hegt und sie in allem Guten nachahmt; nicht die Särge und die Gräber sollen wir schmücken, sondern unsere Seele sollen wir zieren mit den Tugenden derer, die uns nahe gewesen sind im Leben und jetzt in unendliche Fernen gerückt sind. Doch nein, sie sind uns nahe, wenn wir ihre Frömmigkeit und ihre Tugend in unser Leben Hineinpflanzen; dann ist die Erinnerung wahr- Haft lebendig; dann ist das Band nicht zerrissen: dann können wir dem Herrn preisen, ״der seine Liebe wahrt den Todten und den Lebenden." Amen! -