Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 11 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9616701-9618237-9618238--2289-9618322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
80 Selbst im Einzelleben ist in keinem Momente ein Stillstand. Wir sind heute nicht dieselben, die wir gestern waren, nicht dem Körper nach, nicht dem (leiste nach, nicht dem Charakter nach. Tie Ereignisse wirken aus uns, und verwandeln uns. Diese Cinslüsse vollziehen sich fast unmerklich; denn die OtatiiT macht im Allgemeinen keine Sprünge; wir sehen das Wachsthum nicht, sondern nehmen es nur wahr, wenn wir nach bestimmten Zwischenräumen eine Pflanze in Augenschein nehmen; so geht es auch meist zu, wenn das Leben Geist und Herz bildet; nicht plötzlich, sondern langsam vollzieht sich dieser Bildnngsprozeß und das Dasein ist ein ständiges Ueberschreiten, eine nie rastende Bewegung in der Elation, in der Geschichte, im einzelnen Menschen. Freilich ist es nicht immer ein Hinüberschreiten in ein besseres und freundliches Dasein. Wie bang ist es uns, wenn wir den Tagen entgegenschreiten, wo die Sonne mit matterem Schimmer strahlt; wie klammert sich der Greis mit dem Reste seiner Kraft an dieses schöne Leben, um wie lieblicher dünkt ihm der Frühling der 'Jintur im eigenen Herbste; n׳ie ängstlich pocht das müde Herz, wenn der letzte Schritt bevvrsteht,!venu wir vor der Pforte stehen, die der Mensch nur im Wahn sich selbst öffnet, die sich aber dennoch aor jedem anfthut und hinter jedem sich schließt. Für jeden Einzelnen geht die Welt unter, wenn er untergeht. Der hochbetagte Mann, der viel erlebt, der viel erfahren hat, der regen Antheil genommen an allen Bewegnngen der Zeit, der Leid und Freud, Hoffen und Zagen der Genossen tief mitempfindet, er ist gespannt, wie sich gar Vieles, was unklar auf- und niederwogt, klären und entwickeln wird, er ist für sich zur Ruhe gekommen und begehrt nichts mehr; aber diese Menschen um ihn herum, wie wird es diesen ergehen? Ta kommt ein Stoß und setzt allen Fragen ein Ziel und zerstört eine Welt; indem es einen Menschen tödtet.