Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Und diese Tochterpflicht, das Andenken des Vaters festzuhalten, die Entschlafene hat sie zuvörderst so verstanden und geübt, daß ihr Hans, ihr Tisch umrankt war von jüdischer Sitte, daß sie streng nach der Satzung Mose's, unseres Lehrers, gelebt und die Ihren zur Ehrfurcht vor diesen heiligen Gesetzen angehalten hat. Es war ein starker Wille nothwendig, um all' den mannigfachen Versuchungen zu widerstehen, aber die Liebe, die sie den Eltern, so lange diese lebten, so glänzend bewahrt hat, sie hat sie auch den Todten gehalten, und was den Eltern heilig gewesen, das blieb auch ihr heilig bis zu ihrer letzten Stunde; wie sollte ihr Scheiden nicht eine Lücke reißen in dem Hause, dessen Krone sie gewesen, in dem Kreise der Geschwister und Anverwandten, die sich so gern um sie versammelten zu trautem Gespräche, wie zu ernstem Nathe, in dem weiten Kreise ihrer Freunde, denen sie so anspruchslos und willig gedient hat? Sie zumal, der Gatte und die Tochter, die Sie am schwersten getroffen sind, für Sie giebt es nur ein Heil, daß Sie sich gegenseitig trösten und aufrichten, daß sie noch fester den Gedanken in's Herz fassen, für einander zu leben. Der Tod einer geliebten Mutter hat oft eine getvaltige Wirkung auf ein jugendliches Gemüth, daß dieses, durch die harte Erfahrung aufgerüttelt, aus den Jugendträumen erwacht und über ihre Jahre hinaus reis und ernst wird; denken Sie in Ihrer Noth des Gottes, zu dem die Entschlafene so fromm aufgeblickt hat. Gott hat die Israeliten, wie es in dem dieswöchentlichen Schriftwort heißt, aus ihren Zügen durch die Wüste an Stätten geführt, wo sie das Wasser nicht trinken konnten vor Bitterkeit, aber da sie zu Gott riefen, so zeigte er ihnen einen Baum, der ihnen die bittere Frucht versüßte. Auch Sie hat der Herr aus Ihren Lebenszügen an eine Stätte bitteren Wassers geführt und Sie meinen, Sie müßten vergehen, wenn Sie diesen Wermuthskelch hinunterschlürfen. Gott zeigt Ihnen einen Baum, das ist das feste Vertrauen aus seine Vaterhuld; wenn Sie dessen Frucht in den bittern Kelch Wersen, so können Sie auch dieses herbste Weh ertragen. Grabprediglen. 2