Israelitisches Predigt-Magazin
- Journal
- Israelitisches Predigt-Magazin
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 1893
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9616701-9618061-9618062--2136-9618165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 ist veramt und öde und er ist einem Bettler gleich, der aus einem Traum erwacht, in dem er Königsglanz um sich gebreitet sah. Die tiefste Lebenserfahrung hat dem Salomo den Satz gelehrt: ״.אשרי אדם מפחד תמיד§eil dem, der ständig fürchtet;" aber spät und nur um den Preis schweren Schmerzes und schwerer Kümpfe gewöhnt sich das Herz daran, allen Besitz und alles Glück und alle Seligkeit der Erde als ein Schwankendes und Unverläßliches anzusehen. Wir sehe», es täglich, wie das Schicksal, unbekümmert um den Aufschrei der Roth, in das frische Leben schneidet; aber gerade das Gemüth der Guten und Treuen, das nach Liebe sich sehnt und Liebe spenden möchte, kann es nicht lassen, sich mit aller Kraft an den Gefährten zu klammern, und wenn dann die Bande zerrissen werden, so stehen die treuen Menschen an der Bahre des Geliebten verwundet und zum Tode betrübt, als würde ein Theil ihres eigenen Lebens Hinei,,gelegt in die dunkle Erde. Ja, ein solches Gefühl beherrscht Sie in diesem Moment und, m. g. L., es wird von Manchen unter Ihnen wohl nie mehr weichen. Diese Entschlafene ist der Klage und der Thräneu Werth. Was war das für ein goldenes Herz, das Freud und Leid der Nebenmenschen so innig!nitempfunden hat und nunmehr im Tode erstarrt ist; sie besaß nichts von dem Flitter jener falschen Liebe, die so gern in überschwänglichen Worten sich überbietet und der die zärtlichen Reden über die Maßen wohlfeil sind; sie gehörte zu den spröden Seelen, die ihr Fühlen wie ein heilig Geheimniß bewahren, die mit ihrer Tugend und ihrer Neigung, wen!, ich so sagen darf, keinen Staat machen, und die zärtlichste Empfindung zuweilen mit einem neckenden Witzwort verschleiern. Und kaum ist es zu sagen, wie wohlthnend diese Liebe ist, die mit äußeren Zeichen kargt. Ein Jeder, der dies Familienleben beobachtet hat, konnte es wahrnehmen, daß von dieser Frau das Wort galt: ״Es vertraut ihr das Herz des Gatten", daß er bei ihr Rath gesucht hat und gefunden. Aber wohl nie hat sich die Innig-